Schleswig-Holstein Musik-Festival : Vielschichtiger SHMF-Auftakt macht Lust auf Konzert-Sommer

Glanzvoller Auftritt: Thomas Hengelbrock dirigierte gestern in Lübeck Werke von Brahms und Mozart.
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Glanzvoller Auftritt: Thomas Hengelbrock dirigierte gestern in Lübeck Werke von Brahms und Mozart.

Das NDR-Sinfonieorchester überzeugte mit künstlerischer Klasse und historischer Tiefe. Heute wird das SHMF offiziell eröffnet.

shz.de von
12. Juli 2015, 09:36 Uhr

Lübeck | Mit Musik von Mozart und Brahms ist das Schleswig-Holstein Musik Festival in seine 30. Saison gestartet. Beim Voreröffnungskonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle am Sonnabend und bei der offiziellen Eröffnung an gleicher Stelle und mit gleichem Programm am Sonntagabend stellten Piotr Anderszewski am Klavier, das NDR Sinfonieorchester und Thomas Hengelbrock die Weichen für die kommenden sieben Wochen: höchste Qualität, gepaart mit Lust am programmatischen und interpretatorischen Experiment.

Gegensätze erzeugen Spannung. Nicht, dass die im Vorfeld der Festival-Eröffnung gefehlt hätte; im Team um Intendant Christian Kuhnt prickelte die Vorfreude längst unüberhörbar. Nun aber hat Hengelbrock ein wahrhaft norddeutsches Spannungsfeld beackert: Peter Tschaikowsky, dem das SHMF die Komponisten-Retrospektive gewidmet hat, verehrte Wolfgang Amadeus Mozart, nannte ihn gar einen „Christus der Musik“. Johannes Brahms, einem Liebling der Norddeutschen, konnte er indessen wenig abgewinnen, zwar war ihm der Mensch sympathisch, den Musiker aber schimpfte er einen „unbegabten Bastard!“

Für oder gegen Brahms, Tschaikowsky ja oder nein? Für Anderszewski, Hengelbrock und die Sinfoniker sind das keine Fragen. Es geht um Gefühle und musikalische Grundstimmungen zweier unterschiedlicher Charaktere, die da aufeinanderprallten – das beweisen zum SHMF-Auftakt die Ouvertüre zu „La clemenza di Tito“ und Mozarts Klavierkonzert c-Moll KV 491, bei dem Anderszewski den dramatischen Charakter des Werkes offenlegt: Ausdrucksstark, auch kraftvoll, aber ohne Wucht. Und schließlich Brahms Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73, deren Uraufführung 1878 zu Brahms größten Erfolgen geriet und über die ein Brahms-Freund als „lauter blauer Himmel, Quellenrieseln, Sonnenschein und kühler grüner Schatten“ bejubelte.

Wieder gelingt Hengelbrock die für ihn typische Vielschichtigkeit. Man kann sich der Musik einfach hingeben und sie genießen. Man darf sich aber auch zum Eintauchen in die Geschichte(n) über musikalische Gegenpole verführt fühlen: Auch Brahms war von Mozart fasziniert, hatte für dessen Klavierkonzert in d-Moll eine Kadenz für den ersten Satz geschrieben; weitere Geschichten erzählt die Diskografie Piotr Anderszewskis, in der sich neben zwei Klavierkonzerten Mozarts die Brahm’schen Violinensonaten (zusammen mit der Geigerin Viktoria Mullova) finden. Künstlerische Klasse und historische Tiefe – bei der Voreröffnung war das Publikum war im Nu erobert. Der SHMF-Notenteppich im Land ist ausgerollt. Man darf sich freuen. Das Eröffnungskonzert wird heute, Sonntag, ab 20.15 Uhr von NDR Kultur und vom NDR Fernsehen auf 3sat übertragen.

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