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Weniger Spenden, hohe Kosten : Viele Tierheime in Schleswig-Holstein von Pleite bedroht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Einrichtungen stehen finanziell am Abgrund. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2016 | 18:18 Uhr

Die Tierheime in Schleswig-Holstein stehen mit dem Rücken zur Wand. Das berichtet der Deutsche Tierschutzbund. Demnach befindet sich die Hälfte der rund 40 Einrichtungen in Schleswig-Holstein in finanzieller Schieflage. „Zehn Tierheime sind akut von der Pleite bedroht“, so Holger Sauerzweig-Strey, Vorsitzender des Landesverbandes. Zwischen 140.000 und 180.000 Euro Verluste müsse jedes Tierheim durchschnittlich pro Jahr aus eigenen Mitteln aus Spendengeldern ausgleichen, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Beispiel Tierheim Itzehoe: „Insgesamt liegen wir jährlich bei 250.000 Euro allein an Tierarztkosten“, rechnet Sauerzweig-Strey vor. „Von der Behörde kommen 80.000 Euro, der Tierschutzverein muss also 170.000 Euro zuschießen.“ In Lübeck sieht es nicht besser aus. Dort macht das Tierheim nach eigenen Angaben pro Jahr 250.000 bis 300.000 Euro Verluste, die vom Verein aufgefangen werden müssen.

Vorrangig werde das Geld für die Versorgung von Fundtieren ausgegeben, so Sauerzweig-Strey – und genau dort sieht er das Hauptproblem: „Die Kommunen bezahlen die ersten 28 Tage für die Aufbewahrung, danach ziehen sie sich zurück. Das ist absolut nicht ausreichend, denn die Tiere bleiben heute oftmals eine viel längere Zeit in den Heimen“, sagt Sauerzweig-Strey. Ein Grund: Es kämen immer mehr alte und kranke Tiere, die medikamentös versorgt werden müssten und deren Weitervermittlung schwierig sei.

„Wir erbringen hier Leistungen für die Öffentlichkeit, für die eigentlich die Kommunen zuständig sind, denn die Versorgung von Fundtieren ist eine öffentliche Aufgabe“, betont Sauerzweig-Strey. „Aber man erstattet uns nur ein Drittel von dem, was wir dafür bräuchten, und versucht permanent, die Preise weiter zu drücken.“

Was an Spenden und Erbschaften im Jahr zusammen komme, müsse derzeit komplett auf die Fundtiere verwendet werden und könne nicht in anderen Bereichen für dringende Modernisierungen oder wichtige Verbraucheraufklärung genutzt werden. Auch würden die Zuwendungen weniger. Die meisten Leute, die früher den Tierschutz bedacht hätten, seien heute Pflegefälle, dafür gehe ein Großteil angesparter Summen drauf. „Und wenn diese Erbschaften einmal wegfallen, dann können die Vereine zumachen.“

Einige Kommunen würden mehr zahlen und längere Fristen gewähren. Die Stadt Mölln etwa finanziere das Tierheim kostendeckend, in Schleswig habe man dies vergangenes Jahr ebenfalls durchgesetzt. „Aber allgemein kommen sich die Tierheime gegenüber den Kommunen wie Bittsteller vor, dabei machen wir eigentlich deren Job.“ Es müsse dringend ein Umdenken stattfinden. „Die Aufbewahrungszeit von 28 Tagen ist eine Regelung von 1996, die muss unbedingt überarbeitet werden. Es braucht eine kommunale Kostendeckung für die gesamte Aufbewahrung.“

Die Kommunen sollten für ihre Aufgabe „vollumfänglich bezahlen“, sodass die Tierheime in ihrer Existenz nicht gefährdet sind, fordert auch Detlef Matthiessen, tierpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag. „Es ist eine Aufgabe des Gemeindetages, für eine landesweite Vereinheitlichung der Aufgaben und der Vergütungen zu sorgen.“ Die 28-Tage-Regelung hält Matthiessen ebenfalls für nicht angemessen. „Man sollte die vier Wochen als Basis nehmen und bei längerer Aufbewahrung auf Nachweis von Seiten des Tierheims die Kosten für maximal ein Vierteljahr abdecken.“

Die Vereinbarungen zwischen Tierheimen und Kommunen basierten auf sehr unterschiedlichen Grundlagen und seien deshalb schlecht zu vereinheitlichen, kritisiert hingegen Gemeindetag-Geschäftsführer Jörg Bülow. Eine Verlängerung der Zahlungen über 28 Tage hinaus gebe es in einigen Fällen bereits. Auch hier setzt er jedoch auf Einigungen im Einzelfall. „Die Kommunen wissen, was sie an den Tierschutzvereinen haben“ betont Bülow. „Sie sind interessiert an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit und deshalb in der Regel auch gesprächsbereit.“ Allerdings sei nicht immer alles finanziell machbar, was wünschenswert ist, weil viele Kommunen finanziell unter starkem Druck stünden.

Die Kieler Piraten-Fraktion hat unterdessen ein Gutachten in Auftrag gegeben. Sie will klären, was rechtlich aus der Tatsache abzuleiten ist, dass die für Fundtiere gesetzlich verantwortlichen Kommunen sich einerseits daran gebunden fühlen, nur für 28 Tage deren Unterbringung zu zahlen – andererseits aber davon ausgehen, dass die beauftragten Einrichtungen die Tiere auch nach dieser Zeit aufzubewahren haben. 

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