Versehrtenwerk: Soziale Tat gegen größte Widerstände

Von kleinen Arbeiten mussten Familien ernährt werden.Fotos: Kuntze
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Von kleinen Arbeiten mussten Familien ernährt werden.Fotos: Kuntze

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15. Mai 2009, 04:59 Uhr

Flensburg | Auf Mitleid zu hoffen, war ein Irrtum. Nachdem sie im Krieg verwundet worden waren, musste für Tausende von Männern nach 1945 ein Weg zurück ins Zivilleben und in den Beruf gefunden werden. Dr. Werner Kuntze, Jurist aus Flensburg, versuchte, dabei zu helfen und stieß immer wieder auf Widerstand. Und dennoch: Er setzte sich durch, räumte mühevoll Steine aus dem Weg und gründete das Gemeinnützige Versehrtenwerk Flensburg. Seine Familie stellte die Erinnerungen von Dr. Kuntze für "Ge-Zeiten" zur Verfügung. Sie sind nachzulesen im Internet, auf unserem Zeitzeugen-Portal www.Ge-Zeiten.de

Dr. Kuntze hatte bei seiner ehrenamtlichen Arbeit in den letzten Monaten vor der deutschen Kapitulation 1945 als Rechts- und Berufsberater 1945 ergreifende und erschütternde Kontakte zu entlassenen Soldaten, Versehrten, Kriegsopfern. Für ihn war schnell klar, dass er Kriegsversehrte, Kriegsverletzte und Heimatlose in ihren Beruf zurückführen wollte. Sein kleines Beratungszimmer im Deutschen Haus in Flensburg war täglich überfüllt. Die Verwundeten des ebenfalls im Deutschen Haus untergebrachten Lazaretts kamen genauso zu ihm wie andere hilflose Menschen, die nach Kriegsende keine Zukunft für sich sahen.

Bei einer Fürsorgetagung im Deutschen Haus in Flensburg gleich nach Kriegsende, an der Vertreter der Wehrmachtsfürsorge, der zivilen Behörden, der Industrie- und Handelskammer, des Handwerks, der Meisterschule des Deutschen Handwerks, der Hauptfürsorgestelle, der Ärzteschaft und der Kirche teilnehmen, bringt er sein Anliegen vor: "Wer bettelt, erhält höchstens Almosen, aber nicht sein Recht." Die Veranstaltung scheint ihm eine günstige Gelegenheit, um das Problem der Versehrten und ihrer Unterbringung im Handwerk grundsätzlich zur Sprache zu bringen: "Ich fordere in einem entsprechenden Antrag die Aufnahme eines Teils der Versehrten in die Handwerksbetriebe, eine Abkürzung der Lehrzeit und die Zahlung eines Entgelts, das dem Lohn eines jüngsten Gesellen entspricht."

Diese Forderungen lösen einen Sturm der Entrüstung aus. Es gibt diverse Gespräche mit offiziellen Stellen, unter anderem dem Arbeitsamt, bis Dr. Kuntze einen Arbeitspsychologen vom Landesarbeitsamt kennen lernt: "Plötzlich kam es mir wie eine Erleuchtung. Ich sah die arbeitenden Verwundeten im Lazarett "Deutsches Haus" im Geiste vor mir und sagte ihm: Gut! Wenn es mir gelingen sollte, zunächst Werkstätten für Verwundete zu schaffen, kann ich dann auf Ihre Unterstützung rechnen?"

Auf diese Frage war er offensichtlich nicht gefasst. Er hält sie mehr für einen taktischen Rückzug und bejaht großzügig.

Nach diversen Gesprächen mit dem Stadtrat wird die alte Marineschule in Flensburg-Mürwik zu einem Versehrtenwerk im Sinne der Bethelschen Stiftung anvisiert, doch noch vor Beginn der Umbaumaßnahmen richtet die Stadt Flensburg dort "über Nacht" ein städtisches Krankenhaus ein. Der Ostflügel wird ebenfalls anderweitig verplant (Pädagogische Hochschule).

Um Formalitäten zu umgehen und das Projekt voran zu treiben, wird ein Verein gegründet (Gemeinnütziges Versehrtenwerk Flensburg e.V.), eine Satzung geschrieben. Die Rechtspersönlichkeit ist damit geschaffen, und die Mitglieder des neuen Vereins können sich erneut an die deutsche Marinedienststelle wenden und nun mit ihr einen Mietvertrag abschließen.

Nach Unterzeichnung geht es sofort los, und die Nachricht verbreitet sich bei Versehrten und Kriegsverletzten wie ein Lauffeuer. Eine Werkstatt nach der anderen wird bestückt. Das stark beschädigte Gebäude der heutigen Marineschule in Flensburg-Mürwik wird unter Ausnutzung primitivster Hilfsmittel hergerichtet. Da die Versehrten nicht nur arbeiten, sondern auch eine Unterkunft bekommen und verköstigt werden sollen, werden ein Gemeinschaftsraum; Wohnräume und 14 Werkstätten für verschiedene Berufe (Buchbinder, Schlosser, Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Drechsler, Bürstenmacher und andere) hergerichtet.

Doch es kommen immer wieder Schwierigkeiten und Drohungen, falls das Vorhaben nicht fallen gelassen wird (Arbeitsämter, Groß- und Kleinhandel, Stadtrat).

Nach mühsamer und oft frustrierender Arbeit ist am 21. September 1946 die offizielle Eröffnung in Mürwik.

Neben den Mürwiker Werkstätten haben sich in Husum, Westerland, St. Peter und Jarplund Versehrtenwerkstätten gebildet und sich dem Gemeinnützigen Versehrtenwerk e.V. angeschlossen.

1948 gibt es insgesamt sechs Werke in Schleswig-Holstein, wobei Flensburg-Mürwik und Schafstedt die größten sind.

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