zur Navigation springen

Ominöse Flucht aus Syrien : Verschwundener Flüchtling: Letztes Lebenszeichen ist ein Foto

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Auf dem Weg nach Deutschland verliert ein junger Syrer sein Gedächtnis, nun ist er spurlos verschwunden. Die Familie sucht nach Mdaht Alwen.

von
erstellt am 02.Aug.2015 | 15:23 Uhr

Es war der letzte Ausweg für den 19-jährigen Mdaht Alwen: In seiner Heimatstadt, dem westsyrischen Homs, liefern sich IS-Milizen und Regierungstruppen erbitterte Kämpfe. Seine vier Geschwister kamen bereits zu Tode. Im August vergangenen Jahres ergriff Mdhat die Flucht gen Deutschland. Er hoffte, bei seinem Cousin Ali Ismaeil (44), der seit vielen Jahren in Kiel lebt, eine sichere Bleibe zu finden. Dort ist Mdhat jedoch bis heute nie angekommen. Einzige Lebenszeichen, die Ismaeil bislang von seinem Cousin in Händen hält, sind sein Pass, sein Abiturzeugnis und ein Foto, das ihn schlafend in einer Flüchtlingsunterkunft in Karlsruhe zeigt.

Zunächst war für seine Familie unklar, ob der 19-Jährige deutschen Boden erreicht hatte: Die letzte Nachricht von Mdhat erhielt sein Vater aus Libyen. Dort wollte der Flüchtling mit einem der Schiffe nach Italien übersetzen. Kurz darauf ging die Schreckensnachricht durch die Medien, dass ein Flüchtlings-Schiff im Mittelmeer gekentert sei. „Es passte einfach alles, die Route, der Zeitpunkt. Außerdem kam keine Nachricht mehr von meinem Cousin. Für uns war sofort klar: Er war auf diesem Schiff“, sagt Ismaeil.

Über einen arabischen Fernsehsender schaltete sein Vater von Syrien aus eine Vermisstenanzeige. Zunächst ohne Erfolg. Doch nach einigen Tagen erreichten ihn Hinweise anderer Flüchtlinge, die Alwen gesehen hatten: Er sei gerettet worden, hieß es, leide aber unter einem Gedächtnisverlust und könne sich an nichts mehr erinnern. Aus Schweden sandte jemand den Pass und das Abiturzeugnis des Vermissten an die Familie. Sie waren auf dem Boot zurückgeblieben, mit dem die Überlebenden des Schiffsunglücks gerettet worden waren.

Wichtigster Hinweise war schließlich ein Foto, das ein weiterer Flüchtling in einem Lager in Karlsruhe aufgenommen hatte. „Als seine Mutter in Syrien das Foto gesehen hat, hat sie es sofort geküsst und gerufen: ‚Das ist mein Sohn‘“, berichtet Ali Ismaeil. Für die Familie gibt es also keine Zweifel mehr: Mdhat lebt.

Ismaeil zögerte nicht lange: Sofort machte er sich aus Kiel auf den Weg nach Karlsruhe, um seinen Cousin abzuholen. Doch: Fehlanzeige. Das dortige Flüchtlingslager war inzwischen geschlossen worden. Die Flüchtlinge seien auf andere Lager verteilt worden, lautete die einzige Information, die Ismaeil bekam. „Wohin genau, konnte mir niemand sagen.“ Auch das Bundesamt für Flüchtlinge kann Ismaeil nicht weiterhelfen.

Wo Mdhat jetzt sein könnte, darüber kann auch Anna Diekmann vom DRK-Suchdienst in Kiel nur spekulieren. „Vermutlich hat er irgendwo in Deutschland einen Asyl-Antrag gestellt. Die Frage ist nur, unter welchem Namen.“ Da Mdhat ja offenbar keinen Pass mehr besitze, sei es gut möglich, dass er sich eine neue Identität zugelegt habe. Fraglich sei auch, ob er sich an seinen Namen noch erinnern könne, wenn er unter Gedächtnisverlust leide.

Ali Ismaeil war mit dem Foto seines Cousins in die Kieler Beratungsstelle des Suchdienstes gekommen. Diekmann half ihm, die Flucht seines vermissten Cousins zu rekonstruieren und einen Suchantrag zu stellen. Die Meldebehörden sind informiert, ein Foto von Ismaeil, wurde im Internet eingestellt – in der Hoffnung, dass Mdhat ihn erkennt und sich meldet. „Damit sind alle Instrumente, die wir in Deutschland haben, eingeschaltet“, sagt Diekmann. Sollte der Name seines Cousins irgendwo auftauchen, wird Ismaeil sofort benachrichtigt. Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Mdhat tatsächlich wieder auftaucht, kann Anna Diekmann nicht sagen. Nur so viel: „Es gibt immer wieder Fälle, in denen die vermissten Flüchtlinge auch nach langer Zeit wieder auftauchen.“

Für Ismaeil bleibt nur noch zu hoffen und zu beten. Eine weiterere Tragödie, die sich erst vor drei Wochen ereignete, macht ihm das nicht leicht: Sein Bruder wurde von den IS-Milizen ermordet. Er hinterlässt seine Frau und drei Kinder im Alter von drei, sechs und neun Jahren. Ismaeil bricht in Tränen aus, als er davon erzählt. Er hofft, dass er nun wenigstens der Familie seines Bruders eine sichere Bleibe in Deutschland besorgen kann. Derzeit ist er auf der Suche nach Freiwilligen, die für seine Schwägerin und die Neffen bürgen.

Was den Fall von Mdhat angeht, macht er sich keine Illusionen: „Ehrlich gesagt, ist meine Hoffnung, meinen Cousin zu finden, nicht mehr allzu groß.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert