Infrastruktur in Städten : Wie fahrradfreundlich ist SH?

Auf Fahrradstraßen haben Räder den Vorrang. In Kiel gibt es dieses Konzept bereits seit 20 Jahren.
Auf Fahrradstraßen haben Räder den Vorrang. In Kiel gibt es dieses Konzept bereits seit 20 Jahren.

Die Helmpflicht-Debatte rückt die Sicherheit von Radfahrern wieder in den Fokus. Grund genug, auf die Infrastruktur in Schleswig-Holsteins Städten zu schauen. In einem Fahrradklima-Test liegen die Städte weit hinten. Mit einer Ausnahme.

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17. Juni 2014, 18:34 Uhr

Kiel/Flensburg/Lübeck/Hamburg | Ihr Fall machte deutschlandweit Schlagzeilen: Vor drei Jahren stürzt Sabine Lühr-Tanck mit ihrem Fahrrad in Glücksburg, nachdem sie auf die unvermittelt geöffnete Tür eines ein im Halteverbot abgestellten Fahrzeugs prallt. Die Versicherung der Autofahrerin wollte nicht für die gesamten Behandlungskosten der durch den Unfall noch immer beeinträchtigten Glücksburgerin aufkommen. Der Grund: Die 58-Jährige war ohne Fahrradhelm unterwegs. Am Dienstag kam es vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe zu einem Urteil – die Versicherung muss zahlen, der BGH gab Sabine Lühr-Tancks Klage in vollem Umfang statt.

Ist die Debatte um eine Helmpflicht überhaupt sinnvoll oder ist nicht viel eher die infrastrukturelle Benachteiligung der Radfahrer in Deutschland schuld an vielen folgenschweren Radunfällen? Fakt ist zumindest: Während im Fahrradmekka Niederlande so viel Rad gefahren wird wie sonst nirgendwo, ist die Wahrscheinlichkeit dort durch Fremdverschulden mit dem Fahrrad zu verunglücken verschwindend gering – ganz anders die Situation in Deutschland.

Auch hier liegt Radfahren voll im Trend. Ob aus Körper-, Umwelt- oder Stilbewusstsein: Die Deutschen steigen vermehrt auf den Drahtesel. Grund genug, die Situation für Radfahrer in Schleswig-Holstein und Hamburg genauer zu betrachten: Topografisch bietet der hohe Norden für Fahrradfahrer gute Voraussetzungen. Kaum ein Hügel überansprucht die Kondition und die steife Brise sorgt im besten Fall für kräftigen Rückenwind. „Die Probleme, die wir in Schleswig-Holstein haben, liegen ganz klar in der Infrastruktur“, sagt Carsten Massau, Landesgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Schleswig-Holstein. „Viele der Radstrecken zwischen den einzelnen Dörfern stammen noch aus den 60ern und sind inzwischen in einem schlechten Zustand.“ Wurzelaufbrüche und Schlaglöcher versauen Landschaftsradlern das Fahrvergnügen.

Ein Großteil des Radverkehrs in Schleswig-Holstein findet jedoch in den Städten statt. Zuletzt ermittelte der ADFC in seinem Fahrradklima-Test 2012 die Stimmung unter deutschen Radfahrern. Dort schafft es nur eine einzige schleswig-holsteinische Stadt unter die Top 20 – dafür aber auf den vierten Rang: Kiel macht bereits vieles richtig. Die Landeshauptstadt ist eine der wenigen Städte in Schleswig-Holstein mit eigenem Radverkehrsbeauftragten. Seit 20 Jahren setzt sich Uwe Redecker dort für ein radfahrfreundliches Klima ein – mit Erfolg. Bereits 1992 wurde in Kiel die erste Fahrradstraße eröffnet. „Das sind speziell ausgeschilderte Straßen, auf denen Radfahrer Vorrang haben“, erklärt Massau.

Inzwischen hat Radfahren in Kiel Tradition, im täglichen Straßenverkehr herrscht ein gutes Miteinander zwischen Rad- und Autofahrern. „Fahrradfahrer fühlen sich hier willkommen“, resümiert Massau. Das liegt nicht zuletzt daran, dass dort zufriedenstellend auf die Bedürfnisse aller Parteien eingegangen werden konnte: „In Kiel gibt es auf etlichen Straßen Radspuren, auf denen Fahrradfahrer durch einen Schutzstreifen getrennt neben den Autofahrern direkt auf der Straße fahren. Dadurch sind Radfahrer präsenter und weniger gefährdet, durch Autofahrer beispielsweise bei Abbiegemanövern übersehen zu werden“.

Doch nicht jede Stadt bringt die baulichen Voraussetzungen für solche Fahrradspuren mit sich. Flensburg und Lübeck liegen im Fahrradklima-Test im unteren Mittelfeld. „Die Infrastruktur für Fahrradfahrer ist dort eher mittelprächtig ausgeprägt“, sagt Massau. Hier sind vor allem in den Altstadtkernen mit den engen Kopfsteinpflasterstraßen die räumlichen Voraussetzungen für gesonderte Fahrradspuren nicht gegeben. In Lübeck führt die Enge der Straßen dazu, dass viele Radwege in zwei Richtungen befahren werden müssen. „Autofahrer rechnen nicht damit, dass aus beiden Seiten Radverkehr kommen kann und schauen beim Abbiegen nur nach links.“

Obwohl Schleswig-Holstein insgesamt auf einem guten Weg ist, zeigt der bundesweite Vergleich, dass es vor allem in kleineren Städten noch viel zu verbessern gibt. Fahrradfahren ist noch immer nicht im Fokus der Politik, so wurden zuletzt in Flensburg die Mittel für einen Ausbau der Rad-Infrastruktur drastisch gekürzt. Schleswig-holsteinisches Schlusslicht im Fahrradklima-Test ist Pinneberg. Die Stadt belegt den Rang 247 – von insgesamt 252 getesteten Orten in seiner Stadtgrößengruppe. 

Auch Hamburg liegt im Großstadtranking abgeschlagen auf Rang 34 von 38. Kein Wunder also, dass die Hansestadt regelmäßig Epizentrum der Critical Mass ist, einer Protestbewegung, in der Fahrradfahrer zuletzt im Mai zu Tausenden den Verkehr in der Innenstadt lahmlegten. Gerade zu Stoßzeiten ist dort die Dominanz des Autos spürbar: „Für Fahrradfahrer ist es dann schwierig, sich durch die Innenstadt zu kämpfen“, berichtet Dirk Lau, Sprecher des ADFC Hamburg. Das Problem sieht auch Lau in einer mangelhaften Infrastruktur für Radfahrer. Auch er fordert nach dem Vorbild von Kiel: „Der Radverkehr muss auf der Straße stattfinden“.

„Mehr Platz für Fahrradfahrer, bessere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, glatte Wege, gute Übergänge und ein umfassendes Radwegenetz“ wünscht sich der ADFC für die Zukunft. Aber auch Rücksicht von Seiten der Autofahrer und ein besseres Verständnis untereinander sind vonnöten, um Unfälle wie den von Sabine Lühr-Tanck in Zukunft zu verhindern.

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