Autobahn-Ausbau in SH : Viele Unfälle: Debatte um Leitsysteme auf der A7

Wo geht’s lang? Am Bordesholmer Dreieck herrschte lange Zeit Irritation. Eindeutige Displays könnten Abhilfe schaffen.

Wo geht’s lang? Am Bordesholmer Dreieck herrschte lange Zeit Irritation. Eindeutige Displays könnten Abhilfe schaffen.

Derzeit kracht es ungewöhnlich häufig entlang der A7-Ausbaustrecke – wären viele Unfälle durch intelligente Verkehrsleitsysteme vermeidbar?

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18. Dezember 2017, 06:30 Uhr

Grossenaspe/Kiel | Fast täglich kommt es auf der Autobahn 7 in Schleswig-Holstein zwischen der Rader Hochbrücke und Hamburg zu Verkehrsunfällen. Aufgrund verlorener Ladung, Pannen, Staus und kleineren Unfällen entstehen immer wieder schwere Folgeunfälle. Erst in der Nacht zu Donnerstag übersah ein 32-jähriger Sprinterfahrer einen am Stauende stehenden Lkw – die A7 war am Autobahndreieck Bordesholm in Fahrtrichtung Flensburg wegen einer Bergung gesperrt. Der Sprinter kollidierte mit dem Anhängergespann.

Montag vergangener Woche ereigneten sich gleich zwei schwere Verkehrsunfälle: Am Vormittag kam es zwischen Großenaspe und Bad Bramstedt zu einer Fahrzeugpanne. Als der 30-jährige Fahrer des Wagens das Warndreieck aufstellen wollte, wurde er auf dem Seitenstreifen von einem Lkw erfasst und starb. Und am Nachmittag gab es an einem Stauende am Bordesholmer Dreieck einen schweren Auffahrunfall mit vier beteiligten Lkw. Die Rettung des eingeklemmten Fahrers eines 7,5-Tonnen-Lkw dauerte zweieinhalb Stunden.

Hätten diese Unfälle durch sogenannte intelligente Verkehrsleitsysteme vermieden werden können? Die Anzahl der Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Güterkraftfahrzeugen im Land  ist nach dem Verkehrssicherheitsbericht des Landespolizeiamtes in Kiel zwischen 2011 und 2016 um knapp 20 Prozent angestiegen. 2016 ereigneten sich 31,9 Prozent der aufgenommenen Verkehrsunfälle auf den Autobahnen mit Güterkraftfahrzeugen. Durch die fortschreitende Globalisierung werden die Transportwege länger und der Güterverkehr nimmt nach Schätzungen von Experten bis zum Jahr 2030 um weitere 18 Prozent zu.

In Schleswig-Holstein gibt es bislang solche Display-Verkehrsbeeinflussungsanlagen nicht. In Niedersachsen, Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt wurden hingegen erste Anlagen bereits erfolgreich in Betrieb genommen. Nach Schätzungen lassen sich so die Unfallzahlen um 30 Prozent reduzieren. In England und den USA sind solche Systeme auf vielen Autobahnen seit Jahren installiert.

Thomas Rackow, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Logistik, hält eine Digitalisierung der Autobahnen über Verkehrsinformationen für „außerordentlich wichtig“. Unfallzahlen könnten so gesenkt werden, glaubt er. Zudem müssten Hersteller die Fahrzeuge umrüsten, damit die jetzt oft schon vorhandenen Abstands- und Spurhalteassistenten nicht mehr durch den Fahrer abschaltbar sind, meint Rackow. Torge Stelck, Sprecher des Landespolizeiamtes, sieht ebenfalls einen Sicherheitsgewinn durch Verkehrsbeeinflussungsanlagen. Verkehrsströme könnten an Unfallstellen herunter geregelt werden und die Systeme vor Gefahrenstellen und Sperrungen warnen.

Zwar wird im Radio-Verkehrsfunk oft zügig auf Gefahrenstellen auf der Autobahn hingewiesen. Nur dürften viele der international eingesetzten Lkw-Fahrer diese Ansagen in deutscher Sprache kaum verstehen – aktuelle Warnhinweise kommen bei den Fahrzeugführern einfach nicht an. Nach Einschätzung des Unternehmensverbandes Logistik beläuft sich der Anteil fremdsprachiger Lkw-Fahrer in hiesigen Unternehmen auf 60 Prozent.

Hilfreich indes könnten installierte Display-Infotafeln alle paar Kilometer an der Autobahn sein, die frühzeitig vor Gefahren warnen. Darauf verweist beispielsweise das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Bau und Verkehr. Mit einfachen Symbolen könnte leicht verständlich vor einem Stau, einer Panne oder einem Unfall sowie Sperrungen, Eisglätte, Nebel, Gegenständen auf der Fahrbahn und sogar Geisterfahrern im Voraus gewarnt werden. Insbesondere in Baustellenbereichen auf der A7 gibt es nicht immer Seitenstreifen. Und die Fahrbahnen sind sehr eng bemessen – die Bildung einer Rettungsgasse ist kaum möglich. Logistik-Experten glauben, dass der Verkehr durch Display-Leitsysteme frühzeitig vor einer Autobahn-Anschlussstelle langsam heruntergebremst und gestoppt werden könnte, so dass Rettungskräfte auf die A7 auffahren können und der Bereich weniger durch Fahrzeuge blockiert wäre.

Entlang von Baustellenabschnitten wird es zudem oftmals unübersichtlich – teils durch veraltete Hinweisschilder. So scheinen seit Wochen laut einem Verkehrsschild am Bordesholmer Dreieck beide Fahrspuren der A7 in Fahrtrichtung Flensburg gesperrt zu sein, die A215 nur über die rechte Fahrspur erreichbar. Das suggeriert fälschlicherweise die veraltete Beschilderung. Als die A215 am 8. November aufgrund von Bergungsarbeiten tatsächlich voll gesperrt war, glaubten viele Autofahrer der Beschilderung nicht, fuhren durch die Absperrung und stoppten erst kurz vor der Einsatzstelle.

Dennoch: ADAC-Sprecher Ulf Evert sieht bei der praktischen Umsetzung und Installation solcher Infodisplays viele Hürden. Die Akzeptanz der Symbole könnte gering sein. Es stellten sich folgende Fragen: „Welche eindeutigen Symbole könnten dies sein, wer wäre zuständig und wer darf überhaupt ein solches System mit Hinweisen bedienen?“ Zudem müsste das System 24 Stunden und 365 Tage im Jahr bedient werden.

Auch das Verkehrsministerium sieht Schwierigkeiten vor allem „in der aktuellen Umsetzung von der Detektion, deren Auswertung und einer möglichst automatisierten Reaktion“, sagt der Ministeriumssprecher Harald Haase. Denn: „Die Reaktionszeit aber auch die Wahl des Standorts für die Anzeige spielen eine wesentliche Rolle.“

Immerhin werden bereits jetzt auf der A7 vor den Baustellen Stauwarntafeln eingesetzt. Sinkt vor einer Baustelle die Geschwindigkeit erheblich ab, zeigt die Anlage eine Stauwarnung. Das Resümee von Haase: „Letztlich muss die Entscheidung für zusätzliche Beschilderung als Einzelfall geprüft werden, um zu entscheiden, wo man dadurch die Verkehrssicherheit erhöhen und wo eher gefährden könnte.“

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