Unfallstatistik : Tödliche Unfälle 2017: Hier sind die Straßen in SH am gefährlichsten

Ein Kreuz am Straßenrand: 2017 starben in Schleswig-Holstein zwei Kinder und zwei Jugendliche im Straßenverkehr.
Foto:

Ein Kreuz am Straßenrand: 2017 starben in Schleswig-Holstein zwei Kinder und zwei Jugendliche im Straßenverkehr.

83 Menschen starben im vergangenen Jahr bei 82 Unfällen. Allein im April gab es 14 Tote. Eine traurige Jahresbilanz.

von
08. Januar 2018, 16:42 Uhr

Flensburg | 82 rote Markierungen hat die Onlineredaktion von shz.de im vergangenen Jahr auf Basis von Polizeimeldungen auf eine Google-Karte eingetragen. Jeder rote Punkt steht für einen tragischen Unfall mit Todesfolge. Mindestens 83 Menschen haben nach unserer Statistik 2017 auf den Straßen im Land ihr Leben verloren. Das jüngste Unfallopfer war erst neun Jahre alt. Insgesamt starben 18 Menschen im Alter von 30 Jahren oder jünger. In den ersten acht Monaten waren nach offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden 68 Verkehrstote im nördlichsten Bundesland zu beklagen. Zum Vergleich: 2016 kamen nach offiziellen Angaben des Innenministeriums 114 Menschen auf den Straßen Schleswig-Holsteins ums Leben.

 
Woher kommen die Informationen?

shz.de hat die Polizeimeldungen ausgewertet. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht. Das Innenministerium gibt traditionell im Frühjahr eine offizielle Unfallstatistik heraus. Dieses Jahr wahrscheinlich Anfang März. Die offiziellen Ergebnisse können sich von denen von shz.de unterscheiden. Ursache dafür ist zum Beispiel, dass die Polizei nicht bei allen Unfällen mit Todesfolge Mitteilung macht.

Unfallschwerpunkte: B5, B76 und B77 bleiben gefährlichste Strecken

Es gibt Straßen in Schleswig-Holstein, von denen weiß man als Autofahrer einfach, dass dort immer wieder Unfälle passieren. Die B5 zum Beispiel. Die sehr schmale Fahrbahn, viele Kurven, zahlreiche unfallträchtige Einmündungen, der Verkehr von langsamen Lastwagen und schleichenden Traktoren, der für ständigen Überholdruck sorge – besonders das südliche Teilstück der B5 sei hochgradig gefährlich für Gesundheit und Leben, heißt es auch von der Polizei. Im vergangenen Jahr sind auf der Strecke erneut fünf Menschen ums Leben gekommen. Ein 20-Jähriger gerät am 21. August bei Tönning (Kreis Nordfriesland) mit seinem VW auf die Gegenfahrbahn und kollidiert dort mit einem Viehtransporter. Der junge Mann ist sofort tot. Nur wenige Tage zuvor wurde in Nordfriesland die Frage diskutiert, wie viele schwere Unfälle noch auf der Bundesstraße 5 passieren müssen, bis der Ausbau der wichtigsten Verkehrsader der Westküste endlich Gestalt annimmt.

Den Einsatzkräften bot sich ein Bild des Grauens. Der Wagen war völlig zerstört.
Foto: Sebastian Iwersen

Den Einsatzkräften bot sich ein Bild des Grauens. Der Wagen des 20-Jährigen war völlig zerstört.

 

Vier Verkehrstote gab es 2017 auch auf der B76, die bereits 2015 mit sieben Unfallopfern traurige Bekanntheit erlangte.

Ebenfalls vier Tote gab es im vergangenen Jahr auf der B77.

Radler und Fußgänger besonders gefährdet

Die meisten tödlichen Unfälle haben sich 2017 erneut auf Land- und Bundesstraßen ereignet. Weniger tödliche Unfälle ereignen sich innerorts. 2017 sind einige davon jedoch besonders tragisch: In Heiligenhafen wird im Mai eine Neunjährige beim Überqueren einer Straße von einem Auto erfasst. Sie stirbt im Krankenhaus. Im September wird in Flensburg ein 14-Jähriger auf dem Schulweg tödlich verletzt, nach dem ein Lkw-Fahrer ihn beim Abbiegen übersieht.

Der Abbiege-Unfall aus Flensburg ist 2017 kein Einzelfall. Axel Dobrick ist Polizist und Radfahrer. Als Mitglied der Radfahrer-Lobby ADFC weiß er um die Brisanz dieser Unfälle mit Radlern. „Das führt sehr häufig zu Problemen“, so Dobrick. Zum Leidwesen des ADFC seien Abbiege-Assistenzsysteme in Lkw noch nicht einmal für Neufahrzeuge verpflichtender Standdard. Durch sie würden Lkw-Fahrer beim Abbiegen gewarnt. Da sei man sich auf EU-Ebene noch uneins. An der Husumer Straße wird für den verstorbenen 14-Jährigen später ein Mahnmal aufgestellt.

Das völlig zerstörte Fahrrad des 14-jährigen Unfallopfers in Flensburg.
Foto: Sebastian Iwersen
Das völlig zerstörte Fahrrad des 14-jährigen Unfallopfers in Flensburg.

Ebenfalls im September wird eine Zehnjährige in Sankt Peter-Ording (Kreis Nordfriesland) auf ihrem Fahrrad von einem Wohnmobil überfahren, als sie vom Radweg auf die Straße fährt. In Reinbek übersieht ein Mann seine Frau beim Ausparken. Die 82-Jährige stürzt und verletzt sich tödlich. In Ahrensburg verliert ein 90-Jähriger die Kontrolle über sein Fahrzeug und prallt in einem Parkhaus gegen eine Betonwand. Seine Frau auf dem Beifahrersitz stirbt. Nach ersten eigenen Angaben habe er „aufgrund eines körperlichen Mangels das Gaspedal unkontrolliert betätigt“, gab der 90-Jährige an. Im April wird ein Rollerfahrer in Lübeck von einem Lkw überrollt und stirbt. In Rendsburg wird im November ein Fußgänger von einem Taxi erfasst und tödlich verletzt. Hinzu kommen weitere Unfälle, bei denen unter anderem in Uetersen und Norderstedt Radfahrer ums Leben kamen.

 

Weniger tödliche Unfälle passieren auf Autobahnen

Noch weniger Unfälle ereignen sich auf den Autobahnen im Land. Drei davon passierten im Januar. Ein Porschefahrer aus Dänemark kommt ums Leben, als er bei Straßenglätte auf der A7 die Kontrolle über seinen Sportwagen verliert. Ebenfalls auf der A7 stirbt eine 33-Jährige, als sie bei Bad Bramstedt einen Peugeot übersieht. Das acht Monate alte Kleinkind im Auto der Frau wird leicht verletzt. Zwei Männer sterben Ende Januar auf der A1 bei Oldesloe, als ein Auto in eine noch nicht abgesicherte Unfallstelle fährt. Im März prallen ein Fiat Ducato und ein Mercedes SLK auf der A1 aufeinander. Der Beifahrer im Mercedes stirbt am Unfallort.

Eins der beiden Unfallautos auf der A7 bei Bad Bramstedt.
Foto: Daniel Friederichs

Eins der beiden Unfallautos auf der A7 bei Bad Bramstedt.

 

Im Dezember kommt ein Mann ums Leben, als er nach einer Panne auf der A7 sein Fahrzeug absichern will. Er wird von einem Lastwagen erfasst. Ebenfalls im Dezember stirbt ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei auf der A23, der dabei war, eine Unfallstelle abzusichern.

Kreis Segeberg: Die gefährlichste Region

Beim Blick auf die Karte lässt sich nicht eindeutig zuordnen, wo es im Land am gefährlichsten ist. Ist es der Norden, der Süden oder doch der Osten? Der Vergleich der Kreise und kreisfreien Städte macht es deutlicher: Gab es im Kreis Schleswig-Flensburg 2015 und 2016 je elf Tote, lag die Zahl 2017 bei acht Unfallopfern. 2017 ist der Kreis Segeberg trauriger Spitzenreiter mit 15 tödlich verunglückten Verkehrsteilnehmern (2016: fünf Tote).  In den Kreisen Rendsburg-Eckernförde und Stormarn starben jeweils neun Menschen im Straßenverkehr. Der Kreis Plön ist landesweit am sichersten (vier Verkehrtote).

Der Lübecker starb noch an der Unfallstelle.
Foto: Holger Kröger
Tödlicher Unfall in Lübeck: Ein Rollerfahrer wurde im April von einem Lkw erfasst.
 

In den kreisfreien Städten Flensburg, Neumünster und Lübeck starb jeweils ein Mensch – ein Fahrradfahrer, ein Motorradfahrer und ein Rollerfahrer. In der Landeshauptstadt Kiel kam ein Motorradfahrer ums Leben. 

Im April und September war es besonders schlimm

2015 hat die Auswertung ergeben, dass besonders viele Unfälle im Sommer passiert sind. Das kann unter anderem auf das erhöhte Verkehrsaufkommen zurückgeführt werden. Die Beobachtung hält auch im Jahr 2016 und 2017 Stand. Im vergangenen Jahr gibt es verglichen zu den Vorjahren drei Ausreißer nach oben. So starben im Januar bereits zehn Menschen bei Verkehrsunfällen (2015: 4, 2016: 6). Im April verloren 14 Menschen ihr Leben (2015: 8, 2016: 5) und im September verunglückten elf Menschen im Straßenverkehr (2015 und 2016 je 4). Eine Ursache für die deutlich höheren Zahlen in den drei Monaten ist nicht auszumachen.

Der Aufprall muss heftig gewesen sein: Der VW Caddy ist völlig zerstört, der Lkw bei dem Unfall in den Graben gekippt.
Foto: Sebastian Iwersen
Der Fahrer eines VW Caddy prallt am 12. September bei Ladelund (Kreis Nordfriesland) in einen Lkw.

Unfallursachen

„Aus ungeklärter Ursache verlor der Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug“ – dieser Satz tauchte in den Meldungen der Polizei immer wieder auf. Selten kann es nachgewiesen werden, doch eine Vielzahl der Unfälle wird wahrscheinlich die Nutzung des Handys am Steuer zur Ursache haben, vermuten Ermittler. Doch weil der Sachverhalt noch nicht in das bundesweite Verzeichnis der Unfallursachen aufgenommen ist, führt die Polizei darüber keine Statistik, erklärt Sprecher Jürgen Börner. In den meisten Fällen gerieten Unfallopfer in den Gegenverkehr (31). 18 tödliche Unfallfahrten endeten an Bäumen, vier Mal kamen die Fahrer von der Straße ab. In 20 weiteren Fällen wurden Fußgänger oder Radfahrer von Autos erfasst.

Die Auswertung von shz.de erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – eine offizielle Statistik veröffentlicht das Innenministerium in der Regel im März.

Blaulichtmonitor

Was ist der Blaulichtmonitor?

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen