zur Navigation springen

Neun Verkehrs-Innovationen aus SH : Schleswig-Holstein und die Pioniere der Infrastruktur

vom
Aus der Onlineredaktion

Auf der Meckerliste der Schleswig-Holsteiner ganz oben: das lahme Internet, die Abgeschiedenheit und die schlechten Straßen. Dabei waren wir mal das Land der Verkehrspioniere. Neun mobile Errungenschaften – von hier.

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2015 | 20:25 Uhr

Kiel | Plattfuß, Achsenbruch, kein Netz und dann auch noch Wölfe: So ist es bestellt um die digitale und analoge Mobilität im echten Norden. Die Rader Hochbrücke bröckelt allmählich dahin, der ICE will Flensburg und Neumünster gar nicht mehr ansteuern, Häfen werden geschlossen, Radwege und Straßen sind rumpelig und die Verkehrsanbindung an den Fehmarnbelt-Tunnel schläft in der Ablage. Es gibt kein Entkommen: „Was in Heide passiert, bleibt in Heide“, schrieb der „Spiegel“ jüngst. Doch Jammern nützt nichts: Neben den in Kiel erfundenen Anti-Rutsch-Socken machen die global anerkannte Hochtechnologie im Schiffbau und die langsam auftretenden Fernbusse Hoffnung, dass man hier in Zukunft noch weg kommt. Eigentlich ist Schleswig-Holstein ein Land der Verkehrspioniere und Innovationen der Mobilität, wie diese neun Errungenschaften zeigen.

Das „Siemens-Hell-Fax“

Der Kieler Ingenieur Dr. Rudolf Hell erfindet 1956 etwas für die Zeit schier Unbegreifliches, das ersten Zeitzeugen wie wundersame „Rohrpost“ vorgekommen sein mag. Mit dem Faxgerät ist es plötzlich möglich, ganze Briefe in kürzester Zeit durch die Telefondrähte zu jagen, Pixel für Pixel, ohne Briefmarke. Man nennt die Erfindung auch „Fernkopie“. Das „Siemens-Hell-Fax“ KF 108 braucht damals noch um die vier Minuten zur Übertragung einer DIN-A5-Seite. Der Siegeszug lässt zwar erstmal auf sich warten. Erst 1979 wird der Faxdienst durch die Deutsche Bundespost offiziell eingeführt. Viele Postverwaltungen nutzen das Fax weiterhin zur Übertragung von Telegrammen.

Der Nord-Ostsee-Kanal

Schon im siebten Jahrhundert träumen die Schleswiger und Holsteiner von einer Verbindung ihrer beiden Meere. Nach einigen Jahrhunderten der Auseinandersetzungen geht es dann recht schnell: 8900 Arbeiter bewegen circa 80 Millionen Kubikmeter Erdreich. Nach nur acht Jahren Bauzeit ist der Nord-Ostsee-Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel fertig. In dieser ersten Ausbaustufe ist die künstliche Wasserstraße 67 Meter breit und 9 Meter tief. Wilhelm II. setzt den Schlussstein und eröffnet am 21. Juni 1895 den 98,637 Kilometer langen Wasserweg durch Schleswig-Holstein, der den Schiffen gefährliche Umwege über Skagen erspart und jahrelang als wichtigste künstliche Verkehrsstraße der Welt gilt. Die Eröffnungszeremonie wird sogar in bewegten Bildern aufgezeichnet. Der Film „Opening of the Kiel Canal“ gilt als die älteste Filmaufnahme Deutschlands. Mit dem Bau des Kanals einher gehen die 1913 erbaute Rendsburger Hochbrücke, die mit der einzigartigen Schwebefähre eines der bedeutenden Technikdenkmäler in Deutschland ist.

Die Hanse und die Kogge

Foto: dpa

Die Hanse bildet vom 13. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts einen Meilenstein der Handels- und Verkehrsentwicklung. Dem Städtebund gehören in der Blütezeit nahezu 200 See- und Binnenstädte an. Mit ihrer Idee der Freiheit des Handels und der Verdichtung der Handelsnetze ist sie ihrer Zeit Jahrhunderte voraus. Die Verbindung von Land- und Seeverkehr mit der Schaffung kleinerer Handelsstützpunkte und Kontore an den Außenstellen bringt dem Netzwerk eine Art Monopolstellung im Transportwesen ein. Die „Königin der Hanse“, Lübeck, entwickelt sich zur zeitweise wichtigsten Handelsstadt im nördlichen Europa.

Von enormer Wichtigkeit in der Anfangszeit ist die Nutzung und Entwicklung der Kogge, die deutlich geräumiger ist, als andere Schiffstypen zu der Zeit. Das aus der friesischen Sintel weiterentwickelte Segelschiff erlebt seine bedeutendsten Entwicklungsstufen im „echten Norden“. Von Hollingstedt aus gelangt die friesische Schiffbautradition der bedeutenden Wikinger-Handelsroute folgend über Schleswig in den Ostseeraum.

Preußens erste Kleinbahn

Bahnhof, Gleise und Lokschuppen bestimmten bis Anfang der 1950er Jahre das Gebiet am Hafendamm. Der große Bogen der Kieler Bahn verschwand nach 1927. Unten im Bild das offene Becken des Lautrupbaches. Foto: Stadtarchiv
Bahnhof, Gleise und Lokschuppen bestimmten bis Anfang der 1950er Jahre das Gebiet am Hafendamm. Der große Bogen der Kieler Bahn verschwand nach 1927. Unten im Bild das offene Becken des Lautrupbaches. Foto: Stadtarchiv Foto: Stadtarchiv
 

1884 leistet der damalige Kreis Flensburg Pionierarbeit mit der Idee der Erschließung der ländlichen Räume, um Landwirtschaft und Handel zu fördern. Statt matschigen Wegen – so der Plan – sollen Gleise die Ortschaften Angelns verbinden. Die Bauarbeiten der Kleinbahnstrecke beginnen im Herbst 1884. Am 18. August 1885 wird die Strecke Flensburg - Glücksburg und am 1. Juli 1886 die Gesamtstrecke Flensburg - Kappeln erstmals von der Cn2t-Lokomotive befahren. Butter aus Dollerup kann in diesem Zuge auch in sächsischen Kaufhäusern vertrieben werden und wird dort zur Delikatesse. Die Maximalgeschwindigkeit der Lok beträgt 20 Kilometer pro Stunde, die Spurbreite einen Meter. Die wirtschaftliche Flensburger Kreisbahn ist seinerzeit die erste Schmalspurbahn in ganz Preußen und ein Erfolgsmodell, dem weitere Routen folgen. Das gesamte Kleinbahnnetz Schleswig-Holsteins wächst auf eine Länge von 1271 Kilometern an. Bis 1953 bleiben die Gleisanlagen nutzbar. In dem Jahr muss die alte Strecke dem Bau der neuen Nordstraße (B199) weichen.

Eckeners Direktflug nach Lakehurst

 
  Foto: Wikipedia
 

Das Foto der Flensburger Kleinbahn entsteht im Überflug des damals größten Luftschiffes, der „Hansa“. 1912 transportiert sie Luftpost und Passagiere und ermöglicht zugleich die ersten Luftbilder der Fördestadt. Ohne einen Flensburger Kopf wäre diese bedeutende Ära der Luftfahrtgeschichte wohl geringer ausgefallen. Hugo Eckener beerbt den Luftschiff-Erfinder Ferdinand Graf von Zeppelin nach dessen Tod 1917 als Leiter der Zeppelinwerke in Friedrichshafen.

Foto: Wikipedia

1924 überfliegt der „Magellan der Lüfte“ mit dem Luftschiff LZ 126 in einem 80-stündigen Non-Stop-Flug den Atlantik und setzt wohlbehalten in Lakehurst bei New York den Fuß auf die Erde. Eine amerikanische Zeitung nennt den mit einem Schlag weltberühmten Flensburger daraufhin einen „zweiten Kolumbus“. 1932 fragt eine bedeutende italienische Zeitung die Öffentlichkeit, wer die „populärste Persönlichkeit auf Erden“ sei. Die Wahl fällt mit überwältigender Mehrheit auf den Verkehrspionier Hugo Eckener.

Anschütz-Kaempfes Kreiselkompass

Der Kreiselkompass wird auch heutzutage noch verwendet, wie an Bord dieser Segelyacht.
Der Kreiselkompass wird auch heutzutage noch verwendet, wie an Bord dieser Segelyacht. Foto: imago/Mcphoto

Für die Schifffahrt ist die Erfindung des Konstrukteurs und Fabrikanten Hermann Anschütz-Kaempfe nach wie vor ein Segen: Der Kreiselkompass funktioniert unabhängig vom Erdmagnetismus und zeigt daher die astronomische Nordrichtung an. Ab 1901 entwickelt der Erfinder den damals gebräuchlichen Magnetkompass weiter. Mit der Kaiserlichen Marine in Kiel erprobt Anschütz-Kaempfe 1904 seinen ersten Kreisel-Richtungshalter in der Ostsee. Seitdem arbeitet er ständig an seiner Erfindung weiter. 1907 folgte der erste Kreiselkompass der Welt, der ein Jahr später bereits auf dem Linienschiff MS Deutschland verwendet wird. 1925 kommt der verbesserte Kugelkompass auf den Markt. Neben dem GPS ist die optimierte Variante, der Drei-Kreisel-Kompass, noch immer das wichtigste Navigationsinstrument für Schiffe.

Das Echolot

Das Echolot hilft den Kapitänen zur Bestimmung der Wassertiefe.
Das Echolot hilft den Kapitänen zur Bestimmung der Wassertiefe.

Neben dem Kreiselkompass ist das Echolot von Alexander Behm ein gängiges Gerät in der Schifffahrt und Fischerei. Nach dem Untergang der Titanic am 15. April 1912 versucht der Physiker zur Sicherheit des Seeverkehrs ein Eisberg-Ortungssystem zu entwickeln. Seine Versuche münden im Sonometer. Das Prinzip ist einfach: Man misst die Zeit, die zwischen dem Senden eines Schalls und der Ankunft der von einem Gegenstand reflektierten Schallwelle vergangen ist. Damit kann die Tiefe des Meeresbodens über die Reflexion der Schallwellen erfasst werden. Mit dem Kreiselkompass-Erfinder Hermann Anschütz-Kaempfe arbeitet er in Kiel weiter an seiner Entwicklung. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt er das Behm-Lot, das heutzutage als Echolot bekannt ist. Neben der Schifffahrt wird es auch in der Luftfahrt und der Geologie genutzt. Die Zeppelinwerft urteilt seinerzeit: „Es ist kein Zweifel, dass von allen Verfahren zur Höhenbestimmung die akustische diejenige ist, die allen Anforderungen entsprechen wird.“

ROV Kiel 6000: Der Tauchroboter

Foto: dpa

Auch unter Wasser macht Schleswig-Holstein mobil. Der Tauchroboter „ROV Kiel 6000“ ist ein 2008 für wissenschaftliche Einsätze in der Tiefsee konzipiertes Gerät. In bis zu 6000 Metern Tiefe kann das 30 Tonnen schwere Hightech-Gerät Aufnahmen mit der Kamera machen und Proben entnehmen. Damit sind den Experten des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (GEOMAR) 95 Prozent des Meeresbodens der Weltozeane zugänglich. Der Tauchroboter wird vom Forschungsschiff aus über ein mit Stahl ummanteltes 6500 Meter langes Glasfaserkabel ferngesteuert.

Der Urknall der Butterschifffahrt

Die elegante Linie des Rumpfes macht sie zur schwimmenden Schönheit. Das Foto entstand 1908, kurz nach der ersten Ankunft der „Alexandra“ im Flensburger Hafen.
Die elegante Linie des Rumpfes macht sie zur schwimmenden Schönheit. Das Foto entstand 1908, kurz nach der ersten Ankunft der „Alexandra“ im Flensburger Hafen. Foto: Archiv sh:z

Die Flensburger Fördeschiffe sind ein Vehikel für den Nahverkehr und das Sonntagsvergnügen der kleinen Leute im späten 19. Jahrhundert: Ab 1866 verbinden Motorschiffe die Häfen entlang beider Fördeufer und der dänischen Südsee. Der Petuhschnack entwickelt sich. Später wird auf diesen Wassern auch das Duty-Free-Geschäftsmodell erfunden – auch bekannt als Butterschifffahrt.

Nach dem zweiten Weltkrieg bangen die Reeder um ihre Existenz. Nur die „Alex“ fährt noch ihre Runde nach Glücksburg. Die Woge der privaten Motorisierung hat die Fahrgastzahlen merklich schrumpfen lassen. Da kommt Orla Werner Rasmussen, ein findiger Unternehmer aus Sonderburg auf eine Idee. Seine unter enormen Steuerlasten ächzenden Landsleute will er zu billigem Schnaps und Zigaretten verhelfen. Er chartert ein kleines Passagierschiff und entgleitet mitsamt der Fahrgäste aus den Hoheitsgewässern. Die Förde Reederei vertritt für den Dänen die Interessen des gecharterten deutschen Dampfers – und erkennt schnell das enorme Potenzial dieses Geschäftsmodells. Ab 1. Mai 1953 dürfen „Forelle“ und „Libelle“ erstmals nach dem Krieg den kleinen Hafen Kollund anlaufen. Die Deutschen kaufen die gute dänische Butter, die Dänen decken sich mit Schnaps und Zigaretten ein. Es ist der Beginn der Butterfahrt-Ära.

Das 1999 von der Europäischen Union verfügte Verbot der Butterschifffahrt macht dieses kulturell eingeprägte Verkehrs-Erlebnis zu einem Teil der Geschichte. Ohne die Einnahmen aus dem Duty-Free-Verkauf können die Schiffe nicht mehr wirtschaftlich in See stechen.

Ein jetzt in ganz Europa tätiges Flensburger Unternehmen ist wie kein anderes mit dieser Zeit verbunden: Die Förde Reede Seetouristik GmbH und Co. KG. Heute ist das Unternehmen mit traditionellem Sitz an den Norderhofenden international führender Betreiber von Fährlinien in Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten. Auf dem Gewässer vor der Haustür fährt mittlerweile kein einziges Schiff der FRS-Flotte mehr. Was aus den Butterschiffen wurde, lesen sie hier.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen