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Teurer ÖPNV : In Schleswig-Holstein fahren so viele Autos wie noch nie

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahl der Pkw im Land ist seit 1990 rasant gestiegen. Derzeit sind fast zwei Millionen Fahrzeuge angemeldet.

Kiel | Trotz aller Appelle zum Umsteigen auf Bus, Bahn und Fahrrad ist die Zahl der Autos in Schleswig-Holstein massiv gestiegen. Allein seit der Jahrtausendwende hat sich der Bestand der Kraftfahrzeuge im nördlichsten Bundesland um 30,2 Prozent auf 1,92 Millionen vergrößert. Seit 1990 gab es sogar ein Plus um 52,4 Prozent. Das geht aus Zahlen des Statistikamts Nord hervor. Damit übertrifft die Zunahme des Blechs auf den Straßen die Zunahme der Einwohner um ein Vielfaches: Die ist seit dem Millennium nur um 2,4 Prozent geklettert. Nicht allein in den Flächenkreisen, sondern auch in den vier kreisfreien Städten mit ihrem vergleichsweise gut ausgebauten ÖPNV hat sich der Kfz-Bestand signifikant vergrößert.

Umweltschützer zeigen sich über das Ausmaß „überrascht“, so Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des Naturschutzbunds (Nabu). Er meint: „Die Zahlen zeigen, dass die Politik den Individualverkehr so attraktiv gemacht hat, dass viele nicht auf das eigene Auto verzichten wollen.“ Denn immerhin sei das Angebot im regionalen Bahnverkehr auch besser geworden. Allerdings kritisiert Ludwichowski, „dass die Fahrscheine für den ÖPNV einfach zu teuer sind“. Diese Ansicht teilt der Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), Tobias Langguth. Er vermisst ein ausgewogenes System von Zuckerbrot und Peitsche, um eine umweltfreundlichere Mobilität zu erreichen. „Es gibt in der Debatte zwar viele Peitschenhiebe – nämlich den erhobenen Zeigefinger, wenn man das Auto benutzt. Es fehlt aber am Zuckerbrot, also an Anreizen zum Umsteigen.“ Nabu und BUND begrüßen, dass die Wahlprogramme fast aller Parteien ein günstiges landesweites ÖPNV-Jahresticket für Azubis und Studenten vorsehen.

„Unabhängig von der Antriebstechnik kommen wir auch künftig nicht um die individuelle Fortbewegung herum. Die Menschen wollen sich flexibel fortbewegen“, kommentiert ADAC-Sprecher Ulf Evert die Zahlen. „In der Konsequenz muss man dann auch weiter genug Straßen zur Verfügung stellen.“

„Durch eine weitere Stärkung des ÖPNV wird das Land dem grundsätzlichen Trend zur Motorisierung in der Gesellschaft nicht entgegenwirken – aber seine negativen Auswirkungen reduzieren, etwa durch den weiteren Ausbau des Schienenverkehrs“, sagt Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD). Ein von seinem Ressort in Auftrag gegebenes Gutachten prognostiziert bis 2030 eine Zunahme der Pkw-Nutzung in Schleswig-Holstein um zehn Prozent. Meyer führt den Anstieg der Autos maßgeblich auf die „wachsenden Mobilitätsanforderungen der Bevölkerung“ zurück. Das betreffe insbesondere die stetig steigende Zahl von Pendlern. Die Entwicklung sei bundesweit ähnlich.

Ein Stück weit spiegelt sich ein grundsätzlich höheres Mobilitätsbedürfnis auch in der Nutzung der Regionalbahnen wider: Die damit zurückgelegten Personenkilometer sind laut Fahrverbund Nah.sh ebenfalls gestiegen – in den letzten zehn Jahren um 18 Prozent. Einen am Dienstag vom Statistikamt Nord für den ÖPNV gemeldeten Rückgang von 2,2 Prozent 2016 führen Experten darauf zurück, dass diese Zählung nur Anbieter mit Sitz in Schleswig-Holstein erfasst, die Marschbahn seit dem Übergang von der NOB an die DB Ende 2016 aber davon nicht mehr erfasst wird.


Lieber Auto statt Bus und Bahn

Flexibilität bleibt das Maß aller Dinge – ein Kommentar von Frank Jung

Dass sich die Schleswig-Holsteiner nicht gerade in Heerscharen vom Auto verabschieden: Das hat man zwar schon geahnt. Aber dass der Trend zu immer mehr Wagen derart massiv ausfällt, wie ihn das Statistikamt Nord dokumentiert – das dürfte die Annahmen der meisten übertreffen. Ist doch der erhobene Zeigefinger gegenüber dem motorisierten Individualverkehr mit jeder Klima-Debatte ein Stück gewachsen – und zumindest gefühlt das Umweltbewusstsein auch. Dass die Entwicklung des Kfz-Bestands mit plus 30 Prozent seit dem Jahr 2000 dem so diametral zuwiderläuft, zeigt vor allem eines: Aufrufe, das Auto stehen zu lassen, gehen – bei aller Berechtigung – einfach an der Lebenswirklichkeit vorbei und bleiben genau deswegen erfolglos.

Das gilt zumal für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein, und es wird Zeit, sich dies ehrlich einzugestehen. So schmerzlich es auch sein mag für diejenigen, die am liebsten mit Moralpredigten Verkehrspolitik machen. Je teurer das Wohnen in urbanen Räumen, desto größer die Distanz zur Arbeit, die zudem häufiger auch zu Randzeiten stattfindet. Auf dem Land werden die Wege zum Einkaufen, zur Schule, zum Arzt durch die demografisch bedingte Ausdünnung der Angebote weiter. Ebenso wie zu Freizeitangeboten, die wegen eines gesteigerten Bedürfnisses nach Abwechslung ohnehin großräumiger wahrgenommen werden als früher. Aus all diesen Gründen bleibt individuelle Flexibilität das Maß aller Dinge bei der Fortbewegung. Die Dörfer durch gießkannenmäßige Förderung besser in den ÖPNV einzubinden, ist  deshalb ein Kampf gegen Windmühlen. Hier kann erst ein Durchbruch der Elektromobilität für mehr Ökologie sorgen. Gerade der Norden mit seinem vielen ungenutzten Strom bietet hier Potenzial, wenn denn der Bund den Rahmen für eine Verkehrswende beim Antrieb schaffen würde. ÖPNV-Förderung hingegen kann die Blechlawine allenfalls lindern, wenn sie sich auf die Haupt-Pendlerachsen mit ihren Bahnen konzentriert, zuvorderst im Hamburger Umland.

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erstellt am 26.Apr.2017 | 06:23 Uhr

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