zur Navigation springen

Nord-Reportage : Flügel für Windkraftanlagen: Transport der Superlative

vom

Vielen Autofahrern sind sie ein Ärgernis – denn sie halten den Verkehr auf: Schwertransporter. Gerade in Schleswig-Holstein sind viele Wing-Carrier unterwegs. Schleswig-Holstein am Sonntag ist mitgefahren.

Ellund/Tarp | Die Distanz ist nicht der Rede wert: 26 Kilometer sollen die drei Flügel der neuen Windkraftanlage für den Windpark Jerrishoe bei Tarp (Kreis Schleswig-Flensburg) an diesem Abend transportiert werden. Mit dem Auto ein Katzensprung. Selbst mit dem Fahrrad keine allzu lange Strecke. Für einen Schwertransport aber ist das ein gutes Stück. Zumal mit einem solchen, denn allein die Flügel sind fast 56 Meter lang – und können es damit mit so mancher Flugzeugtragfläche aufnehmen. Inklusive Zugmaschine bringt es ein Wing-Carrier damit auf beeindruckende 64 Meter Länge.

Auf dem letzten Rastplatz vor der dänisch-deutschen Grenze warten drei Riesen-Lkw, auf ihrem Rücken je ein Flügel. Diese werden immer im Satz transportiert, damit der spätere Aufbau nicht durch eine versetzte Anlieferung ins Stocken kommen muss. Am Nachmittag haben sie ihre Fracht im Hafen von Esbjerg abgeholt, wo sie per Schiff aus der spanischen Produktion angeliefert worden sind. Seit die Rader Hochbrücke für Schwerlasttransporte gesperrt wurde, müssen zukünftige Windkraftanlagen für den Norden Schleswig-Holsteins diesen Umweg über Dänemark nehmen. In Dänemark durften die Transporter noch bei Tag fahren – in Deutschland ist dies verboten. Hier dürfen sie erst um 22 Uhr starten und müssen ihr Ziel bis sechs Uhr erreicht haben. Dirk Fräßdorf und seine beiden Kollegen warten nun also – und ruhen sich noch einmal ein wenig aus.

Gegen 21.30 Uhr kommt Leben auf den Rastplatz. Die ersten beiden Begleitfahrzeuge treffen ein. Kein Schwertransport darf ohne ein solches Fahrzeug, dass ihn nach hinten hin absichert, fahren. Zusätzlich muss auch die Polizei den Transport sichernd begleiten. Die Husumer Beamten treffen kurz vor 22 Uhr ein. Es könnte losgehen – wäre mittlerweile das dritte Begleitfahrzeug eingetroffen. Von dem haben die Männer bislang aber nichts gehört oder gesehen. Zum Glück ist auch Koordinator Martin Krause mit vor Ort. Er ist das Mädchen für alles von Universal, der Transportfirma. Prüft tagsüber die Strecken noch einmal auf ihre Befahrbarkeit, ist Ansprechpartner für die Fahrer, stimmt alles mit den Bauleitern ab – und war auch selbst einmal Flügelfahrer und Transport-Begleiter. Gemeinsam mit der Polizei einigen die Männer sich also darauf, dass Krause den mittleren Transporter mit Warnlicht absichern und via Funk durch die Engstellen dirigieren wird.

Gerade als die Motoren starten, rollt das dritte Begleitfahrzeug auf den Platz – doch der Fahrer hat noch nie einen Flügel von dieser Länge begleitet, geschweige denn eingewiesen.

Wing-Carrier wurden speziell von Universaltransport und dem niederländischen Trailer-Hersteller Nooteboom für den Transport von Windkraftflügeln entwickelt. Der Clou daran ist der mehrfach teleskopierbare – also ausziehbare – Auflieger, durch den das Fahrzeug von einer Gesamtlänge von 22 Metern auf besagte 64 Meter ausgefahren werden kann. Der Flügel wird mit seinem Fuß an der Spitze des Aufliegers in einem Gestell festgeschraubt, das fest auf dem Auflieger verankert wird. Das hintere Ende des Flügels ist in einer großen Hängematte verzurrt, die wiederum in einem Gestell befestigt ist, das auf der hinteren Achse des Carriers verankert ist. Diese kann – sonst wäre das ganze Gefährt wegen seiner enormen Länge im Straßenverkehr überhaupt nicht manövrierbar – separat gelenkt werden. Und dafür braucht es eben einen Begleiter mit Erfahrung, der dem Lkw-Fahrer vorne in seiner Kanzel genau sagen kann, wie er hinten zu steuern hat. Das braucht Übung – denn ein Lenkfehler kann in den aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigten Flügeln gleich tiefe Risse reißen und diesen damit unbrauchbar machen. Krause übernimmt also mit Genehmigung der Polizei den Job.

22 Uhr, die drei Wing-Carrier kommen langsam ins Rollen. Rund zehn Kilometer geht es über die Autobahn 7 bis zur Ausfahrt 3. Die Fahrer sind entspannt, tauschen Scherze via Funk aus. Fräßdorf berichtet, dass er seit drei Jahren Flügel fahre, sich langsam hochgearbeitet habe. „Vor 18 Jahren habe ich bei Universal angefangen – immer mit dem Ziel Flügel im Auge.“ Normales Lkw-Fahren fände er im Vergleich zu diesen Transporten langweilig. Und überhaupt: „Wir drei sind das Längste, was auf Europas Straßen gefahren wird“, berichtet er stolz. Dafür nehme er dann auch gerne die Nachtarbeit in Kauf.

Nach guten zwanzig Minuten kommt die Ausfahrt 3 in Sicht – allerdings ohne das bekannte große blaue Ausfahrt-Schild. Der Schilderdienst hat es bereits abmontiert, um den Fahrern beim Einbiegen in die Abfahrt so viel Platz wie möglich einzuräumen. Kaum haben die drei Wing-Carrier die Engstelle passiert und sich auf der B200 Richtung Husum eingefädelt, wird er die Schilder wieder aufstellen, die Kolonne überholen und die nächste Kreuzung präparieren.

Die Strecke, die Fräßdorf und seine Kollegen an diesem Abend passieren, wurde über Wochen von den Kollegen der Streckenplanung ausbaldowert. Immer wieder sind sie zwischen Jerrishoe und Ellund gekreuzt, um die optimale Route zu finden, auf der die 64-Meter-Geschosse wirklich jede Kurve zu nehmen vermögen – und die auch ihrem enormen Gewicht von 59 Tonnen ohne große Schäden standzuhalten vermag.

Die L96 kommt in Sicht. Im rechten Winkel kreuzt sie die B200 – hier auf normalem Wege rechts in Richtung Tarp einzubiegen, ist für die Wing-Carrier nicht möglich. Sie fahren daher gerade über die Kreuzung hinweg, um dann rückwärts nach links auf die L96 einzubiegen und anschließend vorwärts Richtung Tarp weiterzufahren. Hier wird der Vorteil der separaten Hecksteuerung des Aufliegers das erste Mal deutlich, denn der Carrier vermag in einem so scharfen Winkel rückwärts zu fahren, dass jeder normale Lastzug sich längst mit seinem Anhänger verkeilt und diesen seitlich von sich weggeschoben hätte. So aber ist es Fräßdorf möglich, die Fahrbahn, den parallel verlaufenden Fahrradweg und die mit Stahlplatten verstärkte Bankette bis auf den letzten Zentimeter auszunutzen, bis er schließlich wieder gerade auf der Landstraße steht.

Beim Abbiegen auf die K85 eine gute Viertelstunde später fährt Dirk Fräßdorf mit der Zugmaschine auf der linken Spur an der Verkehrsinsel vorbei. Langsam zieht er den Auflieger hinter sich her. Dieser wird zunächst auch auf der linken Spur auf die Insel zufahren, sie dann überqueren und auf der rechten Spur die Kurve vollenden. Mit der linken Hand lenkt Fräßdorf die Zugmaschine. Parallel dazu steuert er mit Hilfe eines kleinen Kästchens in seiner Rechten, auf der er einen Pfeil nach links beziehungsweise nach rechts drücken kann, die hinteren drei Achsen seines Aufliegers. Krause gibt ihm dazu die notwendigen Anweisungen. Beim Blick aus dem Fenster wird spätestens jetzt klar, warum Fräßdrof hierbei auf seinen Begleiter angewiesen ist, denn außer der Rückbeleuchtung sieht er von den hinteren Achsen schon bald nichts mehr. Sie werden von der Böschung verdeckt, während sich der scheinbar frei schwingende Flügel über diese hinwegschiebt.

„Noch ein bissl nach links. Alles gut“, ist Krauses ausgesprochen ruhige Stimme über Funk zu hören. „Immer weiter. Immer weiter.“ Ein leichter Ruck ist zu spüren, als der Auflieger über die Bordsteinkante der Verkehrsinsel wieder heruntergleitet. „Bissl links. Links. Links. Gut gelenkt. Jetzt ein bisschen rechts. Rechts. Rechts. Rechts. Gut gelenkt. Ein kleines bissl links.“ So geht es einige Minuten. Fräßdorf und Krause sind ein eingespieltes Team. Krause klingt tatsächlich, als wäre er Fräßdorfs Augen. Schließlich kommt ein weiteres „Gut gelenkt. Du kannst jetzt einspuren“, was bedeutet, dass der Lkw-Fahrer das Hinterteil seines Aufliegers so ausrichtet, dass es sich wieder an die Lenkbewegungen der Zugmaschine anpasst. Danach bereitet er Fräßdorf schon einmal gedanklich auf das vor, was als nächstes kommt, indem er ihm den kommenden Streckenabschnitt schildert.

Schließlich biegt der Zug in die kleine Feldstraße zum Windpark Jerrishoe ein. Sie ist kaum breiter als das Gespann und zudem ziemlich uneben. Immer wieder kommen von Krause, der sich hinter Fräßdorfs Wing-Carrier eingeordnet hat, Aufforderungen, ein bisschen nach rechts oder links nachzujustieren. Gegen 23.30 Uhr erreichen die Flügel schließlich ihren Bestimmungsort. Am Folgetag sollen sie von den Fahrzeugen genommen und montiert werden. Dirk Fräßdorf und seine beiden Fahrer-Kollegen werden danach ihre Wing-Carrier wieder auf 22 Meter zusammenziehen und zum nächsten Auftrag fahren. Dann allerdings als normale Lkw und ohne Begleitschutz.

zur Startseite

von
erstellt am 08.Mär.2015 | 18:38 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen