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Sanierung stillgelegter Strecken : Die Renaissance der Bummelzüge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Fokus öffentlicher Nahverkehr: Die Landesregierung will mit Millionen stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren – nicht alle Bürger jubeln darüber.

Kiel | Täglich fahren in Schleswig-Holstein fast 431.000 Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Laut Statistikamt Nord nutzten die meisten Bürger Busse (76 Prozent). Mit Eisenbahnen werden nur 24 Prozent der Strecken zurückgelegt.

Gut möglich, dass die Bahn in den kommenden Jahren kräftig aufholt, denn die Landesregierung will Millionen in die Sanierung stillgelegter Strecken stecken: So soll die Eisenbahnlinie von Kiel zum Schönberger Strand im Kreis Plön für 30 Millionen Euro reaktiviert werden. Auch über einen 4,1 Kilometer langen Schienenstrang durch Rendsburg sollen endlich wieder Züge fahren. Die Rede ist hier von Sanierungskosten um und bei vier Millionen Euro. Das dritte Projekt: Die Reaktivierung der Stecke Wrist – Kellinghusen im Kreis Steinburg. Nur ein Katzensprung von zwei Kilometern, doch teuer, weil die Gleise über die Stör führen.

Erstaunlich ist allerdings, dass es in der Bevölkerung nicht nur Jubel gibt. Im Gegenteil: Die Bewohner der Probstei – so heißt der Landstrich nordöstlich der Landeshauptstadt – laufen Sturm gegen das Millionen-Geschenk aus Kiel. „Wir brauchen diese Bahn nicht“, betont Rolf Timm, Mitbegründer einer Protestaktion. Er warnt vor „Kannibalismus“: Busse werden Fahrgäste verlieren, die Bahn aber im Gegenzug nicht genug Fahrgäste gewinnen, um kostendeckend zu fahren. Auf knapp 1,7 Millionen Euro schätzt das Kieler Wirtschaftsministerium den jährlichen Verlust, den der Steuerzahler abdecken muss. Die Plöner Verkehrsbetriebe (VKP), kündigten bereits die Ausdünnung des Fahrplans an. „Hier wird mit Millionenaufwand die Situation verschlechtert“, sind sich die Sprecher der Bürgerinitiative einig. Nur wer direkt im Umkreis der Bahnhaltepunkte wohnt, profitiert, alle anderen werden künftig mit einer deutlichen Verschlechterung des Angebots leben müssen, so die Befürchtung.

Die Bedenken gegen die Reaktivierung des 4,1 Kilometer langen Gleisabschnitts zwischen dem Rendsburger Bahnhof und dem an der westlichen Stadtgrenze gelegenen Wohngebiet Seemühlen-Nord klingen ähnlich. Die Strecke werde bereits ausreichend durch den subventionierten städtischen Busbetrieb bedient, argumentiert eine Bürgerinitiative. Eine Bahnanbindung werde die Auslastung nicht verbessern; doppelte Subvention sei programmiert. Die ursprünglich geplante Weiterführung bis ins benachbarte Fockbek fiel deshalb schon früh aus den Planungen heraus. Der stets ins Feld geführte Umweltaspekt greift nach Ansicht der Bürgerinitiative nicht, da eine Diesellok mit wenigen Passagieren weder wirtschaftlich noch umweltfreundlich sei. Und: Die Kosten für die Reaktivierung und die finanziellen Folgen für die Steuerzahler seien nie ermittelt worden.

Auch in Kiel ist man nicht viel schlauer. Zwar liegt für die 17 Kilometer lange Kiel-Schönberg-Strecke eine Kosten-Nutzen-Analyse vor, die von 1500 täglichen Nutzern ausgeht. Doch diese Studie stammt aus dem Jahr 1997, was bei Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD) kürzlich nur ungläubiges Kopfschütteln hervorrief.

Aus seinem Umfeld heißt es, er sei nicht begeistert von Projekten, die in der Bevölkerung so umstritten sind, und stehe noch auf der Bremse. Schließlich gibt es auch in Wrist Kritiker, die meinen, das Geld sei woanders besser angelegt. Die Bürgerinitiativen erinnert daran, dass die Bahnstrecken in den 80-er Jahren nicht umsonst eingestellt wurden. Sie waren hochdefizitär, weil ihr schon damals die Fahrgäste fehlten.

Allerdings ist der politische Druck auf den Minister groß. Als kurz vor Ostern die Opposition im Landtag ein sofortiges Moratorium für den Streckenausbau forderte, schmetterten die Regierungskoalitionen dieses Ansinnen ab. Besonders die Grünen verfolgen seit Jahren hartnäckig den Plan, eine Stadtregionalbahn in der Landeshauptstadt einzusetzen. Geschätzte Kosten: 380 Millionen Euro, zuzüglich 14 Millionen Betriebskosten pro Jahr. Die Strecken Kiel – Schönberg und Rendsburg – Seemühlen wären erste Bausteine in diesem Paket, quasi eine „Regionalbahn light“. Auf Jahre wäre dann allerdings kein Geld für andere Verkehrsprojekte im Norden mehr vorhanden.

Noch kann Meyer seine Hinhaltetaktik gut begründen. Erst im Herbst will Berlin über die künftige Höhe der sogenannten Regionalisierungsmittel im Bahnverkehr entscheiden. Geld, mit dem der Norden nicht nur Bahnkilometer im öffentlichen Personennahverkehr einkaufen, sondern auch marode Bahnhöfe auf Vordermann bringen kann. Vorschläge aus Rendsburg gibt es schon, falls Kiel nicht weiß, wohin mit der Kohle: Wie wäre es mit funktionierenden Toiletten? Oder Decken, von denen es nicht wie in einer Höhle tropft? Oder längeren Schalterzeiten im Reisezentrum?

Seit gestern fahren die meisten Regional-Expresszüge (RE) auf der Strecke Kiel-Hamburg mit sieben statt wie bisher sechs Doppelstockwagen. Dadurch erhöht sich nach Auskunft der DB Regio AG das Sitzplatzangebot pro Zug um 100 auf rund 800 Sitzplätze. Die Regionalbahn Schleswig-Holstein reagiert damit auf steigenden Fahrgastzahlen auf dieser Strecke. Seit 2010 hat sich die Zahl der Reisenden um knapp 20 Prozent auf mehr als 5,7 Millionen Fahrgäste erhöht, das sind 15700 Fahrgäste täglich. Mit dem beginnenden Ausbau der Autobahn A7 und den damit verbundenen Einschränkungen für den Straßenverkehr wird mit einer weiteren Nachfragesteigerung gerechnet.

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