Verspätungen, Zugausfälle, marode Infrastruktur : Die Marschbahn und ihre Probleme

Statt bisher geplanter 90 Millionen Euro sollen die nächsten vier Jahre 158 Millionen Euro in die Instandsetzung und Modernisierung der Marschbahn gesteckt werden
In den nächsten vier Jahren sollen 158 Millionen Euro in die Instandsetzung und Modernisierung der Marschbahn gesteckt werden.

Trotz vieler Ankündigungen der Bahn ist die Situation nicht wirklich besser geworden. Nun kommt ein zweiter Bahngipfel.

shz.de von
28. August 2018, 10:48 Uhr

Niebüll/Westerland | Seit Monaten sorgen die Zugausfälle und Verspätungen auf der Bahnstrecke nach Sylt für Verärgerung. Sylter Unternehmer und Pendler schlagen Alarm, Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) hat wegen der Verspätungen in den vergangenen Monaten Hunderttausende Euro als Sondermalus (Zahlungsabzug) einbehalten.

Der Kreis Nordfriesland lädt am Dienstagabend (19 Uhr) wegen der anhaltenden Probleme zu einem zweiten Bahngipfel. Die Situation auf der Marschbahn sei immer noch unbefriedigend, heißt es beim Kreis. Die Pünktlichkeit der Züge liege 15 bis 20 Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Es sei dringend geboten, die bestehenden Probleme aufzuarbeiten und eine Bewertung der bisherigen Maßnahmen vorzunehmen. Diese hätten besonders im Hinblick auf eine Steigerung der Zuverlässigkeit des Betriebes nicht den gewünschten Erfolg gebracht.

Diskutiert werden soll über die Themenblöcke Schieneninfrastruktur und Bahnhöfe, Fahrzeuge und Personal sowie Betriebsqualität und Perspektive. Als Gesprächspartner sind unter anderem Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP), DB-Regio-Vorstand Torsten Reh, Vertreter von Bundesverkehrsministerium und Deutscher Bahn AG sowie Pendler und Touristiker geladen.

Wie ist die Lage aktuell?

Obwohl die DB Regio seit Monaten verspricht, dass es auf der Marschbahn besser werden soll, ist die Lage immer noch desolat. „Außer dem Einsatz von einem Doppelstockwagen-Zug kann ich leider keine signifikante Verbesserung feststellen“, sagte etwa Verkehrsminister Buchholz. „Eher das Gegenteil nehme ich bislang wahr: Die ungeplanten Zugausfälle nehmen zu und häufen sich – jetzt teilweise auch auf anderen Strecken in Schleswig-Holstein.“ Auch Pendler, Unternehmer und Kommunalpolitiker sehen keine echte Besserung in Sicht. Daher wurde ja auch der zweite Marschbahn-Gipfel initiiert.

Warum gibt es gerade auf dieser Strecke so viele Probleme?

Das hat verschiedene Gründe. Kernprobleme für die vielen Verspätungen und Zugausfälle sind nach Ansicht von Kritikern fehlende Investitionen in der Vergangenheit. Dazu gehören Investitionen in die Schienen als auch in das Wagen- und Zugmaterial. Auch die Eingleisigkeit auf weiten Teilen der Strecke und die hohe Zugdichte spielen eine Rolle. Ein kleine Verspätungsursache reicht nach Angaben von Experten aus, um die Pünktlichkeit für den ganzen Tag ins Wanken zu bringen. Der Grund: Alle Zugtrassen sind belegt und es gibt so keine Möglichkeit, eine leichte Verspätung wieder zu egalisieren. „So führt die Eingleisigkeit und die hohe Zugdichte zu einem täglich wiederkehrenden chaotischen Fahrplan mit vielen Ausfällen und Verspätungen“, sagte Buchholz. Zudem fielen Züge nach Angaben einer Pendlerinitiative oftmals aus, weil sich Zugführer kurzfristig krankmeldeten und aufgrund der Personalsituation niemand einspringen könne.

Wer ist besonders davon betroffen?

Besonders betroffen sind die vielen Tausend Arbeitnehmer, die jeden Tag vom Festland auf die Insel pendeln. Für sie ist es eine besondere Belastung, nicht zu wissen, ob sie pünktlich zur Arbeit kommen oder abends rechtzeitig zuhause sind, um ihre Kinder aus der Kita abzuholen. Auf die Insel zu ziehen, ist für viele keine Alternative, da Wohnraum auf Sylt knapp und teuer ist. Und eine andere Möglichkeit auf die Insel zu kommen, gibt es nicht. Aber nicht nur die Pendler, auch die Sylter Arbeitgeber leiden unter den Problemen auf der Marschbahn. Für sie ist es schwer, Fachkräfte auf die Insel zu locken oder ihr Personal zu halten. Auf längere Sicht ist auch ein Einbruch der Zahlen der Urlaubsgäste zu befürchten, so die Befürchtungen beim Kreis Nordfriesland. „Der Imageschaden ist immens!“

Bekommen Pendler bisher Entschädigungen oder irgendwie Ersatz?

Minister Buchholz hat in den Monaten Februar bis Juli Zahlungsabzüge (Sondermalus) von zumeist 350.000 Euro verhängt. Im Mai waren es 500.000. Das einbehaltene Geld soll als Entschädigung an die Pendler ausgekehrt werden. Für Februar etwa wurden nach Angaben des Verkehrsministerium 3073 Anträge auf Sonderentschädigung gestellt, 2558 Vorgänge wurden genehmigt. Die Überweisungen an die Fahrgäste belaufen sich für Februar demnach bisher auf rund 130.000 Euro. Auch für die Monate März, April und Mai sind bisher jeweils gut 2000 Anträge gestellt und mehr als jeweils 100.000 Euro ausgezahlt worden. Nach Ministeriumsangaben bereitet DB Regio die Auszahlung der Sonderentschädigung für Juni und Juli vor.

Was hat die Bahn bisher versprochen?

Die Bahn will in den kommenden Jahren zur Sanierung der Infrastruktur 160 Millionen Euro in die Strecke investieren. Außerdem sollen bis Ende 2019 alle Bahnhöfe so umgebaut werden, dass bis zu zwölf Wagen an den Bahnsteigen halten können (zwei Wagen mehr als bisher). Zudem hat der Einsatz von Doppelstockwagen für eine leichte Entspannung bei den Platzkapazitäten gesorgt.

Was halten die Betroffenen von den Versprechungen?

Sie bemängeln unter anderem, dass die Problematik der Eingleisigkeit auch durch die angekündigten Investitionen nicht gelöst wird. Bisher sind die Strecken Morsum - Keitum auf Sylt sowie Niebüll - Klanxbüll auf dem Festland nur eingleisig. Wenn dort etwas passiert, sei die Insel abgeschnitten, sagte kürzlich etwa der Vorsitzende des Vereins Sylter Unternehmer, Karl Max Hellner. Bei zwei Gleisen könnte Verkehr über das zweite Gleis umgeleitet werden. Auch Verkehrsminister Buchholz setzt sich für die Zweigleisigkeit ein.

Zudem muss nach Ansicht vieler Betroffenen mehr in das Wagenmaterial investiert werden. Denn was nützten Bahnsteige, an denen Züge mit zwölf Waggons halten können, wenn es nicht genügend Waggons gebe, fragte etwa Hellner.

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