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Report vom Forschungsschiff „Victor Hensen“ : Dem Hamburger Hafenschlick vor Helgoland auf der Spur

vom
Aus der Onlineredaktion

Vor Helgoland verklappt die Hansestadt in riesigen Mengen ihren Schlick. Ein Besuch bei den Schadstoffmessern.

Helgoland/Hamburg | Sieben Uhr morgens im Hafen von Helgoland. Die Sonne scheint blau. Mit drei bis vier Windstärken und wenig Wellengang kündigt sich ein herrlicher Tag auf See an. In Begleitung von Boris Hochfeld von der HPA (Hamburg Port Authority) habe ich mich mit dem Katamaran „Halunder Jet“ auf den Weg nach Helgoland gemacht, um der Spur des Hamburger Schlicks zu folgen. Allein im vergangenen Jahr wurden an der Tonne E3 etwa 15 Kilometer vor Helgoland 3,7 Millionen Kubikmeter Sediment aus dem Hamburger Hafen in die Nordsee geschüttet.

<p>Kraftakt: Beim Muschel-Dretschen wird das Netz über den Meeresboden gezogen, der Schlickfang dann an Bord ausgeschüttet und mit Schaufeln in Eimer abgefüllt zum Sieben und Sortieren.</p>

Kraftakt: Beim Muschel-Dretschen wird das Netz über den Meeresboden gezogen, der Schlickfang dann an Bord ausgeschüttet und mit Schaufeln in Eimer abgefüllt zum Sieben und Sortieren.

Foto: Barbara Glosemeyer

Auf der „Victor Hensen“, einem Charter-Forschungsschiff, gibt es deftiges Frühstück mit Porridge, Rührei und viel Kaffee. Zwölf Stunden werden die fünf Männer und zwei Frauen heute wieder auf der Nordsee unterwegs sein − wie jeden Tag in dieser Woche im Mai. Sie sind Biologen, Geologen und Bodenkundler – von der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz, dem Forschungsbüro Bioconsult aus Bremen und vom Hafenbetreiber Hamburg Port Authority (HPA).

<p>Eine Ladung Schlick, soeben im Mini-Bagger vom Meeresboden geholt. Teamleiter Rolf Lüchow und Annette Kramer (beide HPA) rühren noch einmal kräftig um, dann beginnt das Abfüllen in Gläser.</p>

Eine Ladung Schlick, soeben im Mini-Bagger vom Meeresboden geholt. Teamleiter Rolf Lüchow und Annette Kramer (beide HPA) rühren noch einmal kräftig um, dann beginnt das Abfüllen in Gläser.

Foto: Barbara Glosemeyer

Zweimal im Jahr, im Frühjahr und Spätsommer, gehen sie gemeinsam dem Hamburger Schlick auf den Grund, der hier jedes Jahr in riesigen Mengen verklappt wird. Aus 30 Metern Tiefe ziehen sie Sedimente und kleine Organismen aus dem Wasser, die später in Labors auf Giftstoffe wie Pestizide und Quecksilber untersucht werden. Über 500.000 Euro kostet die HPA das Monitoring jährlich.

<p>Schlickproben müssen  an verschiedenen Stellen gezogen und in Behälter abgefüllt werden. </p>

Schlickproben müssen  an verschiedenen Stellen gezogen und in Behälter abgefüllt werden.

Foto: Barbara Glosemeyer

Die strengen Kontrollen sind Teil der Vereinbarung mit Schleswig-Holstein, die es Hamburg erlaubt, jährlich drei Millionen Kubikmeter Schlick aus dem Hamburger Hafen vor Helgoland abzuladen. Und von Jahr zu Jahr wird es mehr.

Infokasten: Hamburger Schlick – Immer mehr und teurer
  • 2016 wurden laut HPA 99,1 Millionen Euro ausgegeben, 14 Millionen Euro mehr als im Jahr davor und knapp 34 Millionen Euro mehr als 2014. Rund 11,5 Millionen Kubikmeter Schlick wurden 2016 ausgebaggert. 7,4 Millionen davon wurden vor die Elbinsel Neßsand umgelagert, 3,7 Millionen in die Nordsee vor Helgoland gebracht. Nur etwa 350.000 Kubikmeter Baggergut aus dem Hafenbecken, in dem sich über Jahrzehnte Lacke und Öle abgesetzt haben, werden an Land in Deponien entsorgt.
  • Eine Vereinbarung mit Schleswig-Holstein erlaubt es Hamburg bis 2021, Schlick nicht nur aus der Hauptstromelbe, sondern auch aus dem  Hafenbecken vor Helgoland abzuladen, aber nicht mehr als drei Millionen Kubikmeter Schlickmasse pro Jahr und maximal zehn Millionen Kubikmeter in fünf Jahren. Pro verklappten Kubikmeter Schlick zahlt Hamburg zehn Euro an die Stiftung Nationalaprk Wattenmeer.
  • Vor Neßsand bei Wedel darf zwischen April und November aus ökologischen gar kein Schlick verklappt werden.
 

„Es sieht nicht gut aus für dieses Jahr“, sagt Boris Hochfeld von der HPA. Viel zu wenig geregnet habe es bislang in den Elbe-Einzugsgebieten im Osten von Deutschland und Europa. Der Mann für die Wassertiefenunterhaltung bei der HPA vergleicht die Systematik vereinfacht mit einer Klospülung: Kommt kein Wasser, wird nichts weiter gespült. So ist es auch mit dem Schlick. „Wenn das mit dem Wetter im Osten so weiter geht, werden wir sehr viel früher die Kapazitätsgrenze erreicht haben und neu mit Schleswig-Holstein verhandeln müssen“, prophezeit Boris Hochfeld.

Thorsten Falke hört das gar nicht gern. Er ist Mitglied im SSW, zweiter stellvertretender Bürgermeister von Helgoland und begleitet wie wir für einen Tag die Monitoring-Fahrt. „Wir sind nicht glücklich damit, dass Helgoland ständig im Zusammenhang mit der Verklappung von Hamburger Schlick erwähnt wird. Das schadet dem Tourismus“, sagt er.

HPA-Mann Hochfeld hat Verständnis für die Sorgen des Helgoländer Politikers, hält sie aber für unbegründet. „Der Schlick, den wir hier in die Nordsee bringen, unterschreitet sogar die Grenzwerte für Kinderspielplätze in Hamburg.“ Tatsächlich haben die Ergebnisse der Schlick-Untersuchungen in den vergangenen Jahren keine Konzentration von Giftstoffen oder krankhafte Veränderungen von Organismen ans Tageslicht befördert.

Rolf Lüchow von der HPA, der die Monitoring-Fahrt leitet, hat für solche Gespräche keine Zeit. Er hat alle Hände voll zu tun. Genauestens ist festgelegt, wo die Proben zu ziehen sind und wie viele Gläser Schlick von jeder Ziehung abgefüllt und später im Labor untersucht werden müssen.

Automatisch geht hier nichts. Selbst kleine Muscheln, deren Fleisch später in Labors analysiert wird, müssen von Hand aus riesigen Netzen gefiltert und sortiert werden. Ein mühsames Unterfangen und manchmal sind es zu wenige oder sie sind zu klein: „Muscheln sammeln ist wie Pilzesammeln, an manchen Stellen findet man einfach keine“, lacht Oliver Birnbacher, Biologe und Mitarbeiter von Bioconsult, und schüttelt das runde feinmaschige Sieb wie früher die Goldgräber.

<p>Mühsam: Die sehr kleinen Pfeffermuscheln müssen von Hand sortiert werden.</p>

Mühsam: Die sehr kleinen Pfeffermuscheln müssen von Hand sortiert werden.

Foto: Barbara Glosemeyer

Wie alle anderen ist er gut gelaunt bei der Arbeit, nicht nur weil heute endlich mal die Sonne scheint und die Arbeit an Bord eine willkommene Abwechslung zu ihren Bürojobs ist. Es ist auch ein gutes Gefühl, etwas für die Umwelt, für die Sauberkeit der Nordsee zu tun. Team-Chef und Geologe Lüchow ist sich sicher, dass das Gebiet vor Helgoland das „am besten untersuchte und kontrollierte Verklappungsgebiet Europas ist“.  Im Sommer kommen sie wieder.


Kommentar: Nicht nur Hamburgs Problem

Es sind Besorgnis erregende Zahlen: Immer mehr Schlick erreicht den Hamburger Hafen und das Ausbaggern und Entladen in der Nordsee wird immer teurer: Im letzten Jahr hat die HPA 99 Millionen Euro für die Entsorgung von 11,5 Millionen Kubikmeter Schlick ausgeben müssen. Schuld daran soll der Klimawandel sein, der zu wenig Regen und damit zu wenig „Spülung“ in die Elbe bringt. Umweltverbände befürchten zudem, dass die Elbvertiefung den Hafen noch mehr verschlicken wird als bisher, das Problem sich also verschärfen wird. Stand heute: Wir wissen es nicht genau.

Sicher ist aber, dass Hamburg ohne Entlade-Entgegenkommen aus Schleswig-Holstein im Schlick versinken würde. Aber auch der hohe Norden, der sich seine Schlick-Hilfe sehr gut bezahlen lässt, sollte an einer künftigen, finanziell einvernehmlichen Lösung interessiert sein. Hängen doch rund 150.000 Arbeitsplätze im nördlichsten Bundesland unmittelbar oder mittelbar vom Hamburger Hafen ab. Wie viel die im jüngsten Wahlkampf beschworene gute Zusammenarbeit zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein künftig unter politischer Jamaika-Flagge wert ist, wird sich beim Schlick bewahrheiten. Die Kosten können nicht ewig steigen.

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erstellt am 19.Mai.2017 | 14:07 Uhr

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