Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) : Verkauf der Patientenberatung – Angst um Unabhängigkeit

Patienten können sich unabhängig beraten lassen. In SH unterhält die UPD eine Beratungsstelle in Kiel und schickt Busse in Lübeck, Neumünster, Schleswig, Flensburg, Husum, Heide und Norderstedt zu den Bürgern.
Patienten können sich unabhängig beraten lassen. In SH unterhält die UPD eine Beratungsstelle in Kiel und schickt Busse in Lübeck, Neumünster, Schleswig, Flensburg, Husum, Heide und Norderstedt zu den Bürgern.

Nach dem Verkauf schlagen Landespolitiker Alarm. Gesundheitsminister Heiner Garg fordert Neutralität.

Margret Kiosz von
07. Oktober 2018, 18:18 Uhr

Der Verkauf der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) sorgt in Schleswig-Holstein für Unmut. „Die aktuelle Entwicklung bei der UPD lässt bei mir sämtliche Alarmglocken schrillen“, erklärte am Sonntag die Grüne Abgeordnete Marret Bohn. „Wo unabhängige Patientenberatung drauf stehe, muss auch Unabhängigkeit drin stecken. “

Doch daran gibt es Zweifel. Schon als vor drei Jahren der Verbraucherzentrale und dem Sozialverband die Beratung entzogen und auf den Medizin-Dienstleister Sanvartis übertragen wurde, hagelte es Proteste. Kritiker sahen die Unabhängigkeit der UPD in Gefahr, da Sanvartis Callcenter für Krankenkassen betreibt und sich rund 40 Prozent der Anfragen bei der UPD auf Beschwerden zu Kassenbescheiden beziehen. Der Rest der rund 8000 im Norden gezählten Beratungen betrifft Konflikte mit Ärzten und Kliniken.

Kontakt zur UPD

Die UPD ist unter der kostenlosen Rufnummer 0800-0117722 montags bis freitags von 8 bis 22 Uhr und sonnabends von 8 bis 18 Uhr erreichbar. Beratungszeiten auch auf Türkisch, Russisch und Arabisch, siehe www.patientenberatung.de. Dort kann man auch Termine für die Vor-Ort-Beratung im UPD-Beratungsmobil per E-Mail vereinbaren.

 

Sanvartis gliederte damals die Beratung in einer gemeinnützigen GmbH aus, um der Kritik entgegenzutreten. Nun wird der Weiterverkauf bestätigt. Neue Eigentümer sind unter anderem zwei Unternehmer aus Köln. Deren Firma Careforce GmbH ist ein führendes Unternehmen bei Personal- und Vertriebsdiensten für Pharmahersteller ist.

Bohn apelliert an die Bundesregierung, ihren Fehler bei der Privatisierung einzusehen und umzusteuern. „Alles andere wäre unverantwortlich“, so die Grüne, die von Haus aus Medizinern ist. Auch die SPD will sich dafür einsetzen, dass gesellschaftlich relevante Gruppen stärker in die Begleitung der UPD einbezogen werden – etwa in Form eines Kuratoriums, in dem Sozialverbände und Verbraucherzentralen eine wesentliche Rolle spielen. „Beratungs-Flüsterer von dritter Seite darf es nicht geben!“, erklärte SPD-Mann Bernd Heinemann.

Rolf Rosenbrock, Chef des Paritätischen Gesamtverbandes, stellte in der Ärztezeitung klar, Patientenberatung gehöre „nicht in die Hand der Gewinnwirtschaft, sondern unter die Regie der Zivilgesellschaft“. Sanvartis-Geschäftsführer Manuel Ebner wehrt sich. Es sei absurd, die Qualität der Beratung angesichts der veränderten Gesellschafterstruktur in Frage zu stellen.

Jährlich neun Millionen Euro aus Mitteln der Krankenkassen

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland UPD erhält jährlich neun Millionen Euro aus Mitteln der Krankenkassen. In Schleswig-Holstein unterhält sie eine Beratungsstelle in Kiel und schickt UPD-Busse in Lübeck, Neumünster, Schleswig, Flensburg, Husum, Heide und Norderstedt zu den Bürgern. Die meisten Ratsuchenden wenden sich jedoch telefonisch an die UPD. In der rechtlichen Beratung stehen Leistungsansprüche gegenüber Krankenkassen, Patientenrechte und Behandlungsfehler an vorderster Stelle. Geholfen wird bei der Suche nach Fachärzten, Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen und pharmakologischen und Psychosozialen Fragen. Auch bei Ärger mit Krankengeldbezug, bei Streit mit dem Medizinischen Dienstes und Zweifeln an Zahnarztrechnungen können sich Bürger an die UPD wenden. Das geschah im vergangenen Jahr 157.000mal.

Angesichts der aktuellen Diskussion über den Eigentümerwechsel an den MedizinDienstleister Sanvartis Sanvartis sieht Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) „den Bund ganz klar in der Pflicht“. Die hohe Bedeutung einer „qualitativ hochwertigen und tatsächlich unabhängigen Patientenberatung erfordert grundsätzlich einen aufmerksamen und kritischen Blick auf die Einhaltung von Neutralität“. Kritik gibt es auchauf Bundesebene. „Wahrscheinlich kann nur ein kompletter Neuanfang der gesetzlich in Auftrag gegebenen Patientenberatung das verlorene Vertrauen wiederherstellen“, meint der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. Sechs Professoren und Doktoren aus dem Gesundheitsbereich – allesamt Mitgleid im wissenschgftlichen Beirat der UPD haben sogar einenBrandbrief an den Patientenbeauftragte der Bundesregierung geschrieben. es müsse „umgehend" gehandlet werden da die UPD Patietnen mit sachlich falschen Gesundheitsinformationen auf der Homepage in die Irre geführe.

Sanvartis indes betont, man habe 2015 den Zuschlag erhalten, weil das Angebot inhaltlich überzeugend war und die Unabhängigkeit der Arbeit der UPD garantiert wurde.  

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