„Kein Tag zum Jubeln“ : Verkauf abgeschlossen: Schlussstrich unter die HSH-Nordbank

Blick auf den Eingangsbereich mit dem Logo der HSH Nordbank. /Archiv
Blick auf den Eingangsbereich mit dem Logo der HSH Nordbank. /Archiv

Die HSH-Nordbank ist Geschichte. Sie wurde für eine Milliarde Euro an private Investoren verkauft.

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28. November 2018, 12:52 Uhr

Hamburg/Kiel | Hamburg Zum Schluss wurde es noch einmal spannend: Minutenlang hatten gestern Mittag Schleswig-Holsteins Finanzministerin Monika Heinold (Die Grünen) und Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) im Hamburger Rathaus gewartet, bis sie verkünden konnten: „Das Geld ist da.“ Endlich, der Sack ist zu: Die HSH Nordbank ist für eine  Milliarde Euro an US-amerikanische Investmentfonds unter der Führung der Firma Cerberus und des Investors Christopher C. Flowers verkauft.

Die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein beenden damit ihre mittelbare Beteiligung an der HSH Nordbank.

Bis zu 7 Milliarden Euro Schaden für SH

„Durch eine verantwortungslose Expansionsstrategie und eine lange Kette von Fehlern ist aus einer kleinen Landesbank ein Milliardengrab geworden“, sagte Heinold. Nach Abzug der Einnahme durch den Verkauf verursacht das Kapitel HSH Nordbank für Schleswig-Holstein und Hamburg jeweils einen Verlust von 5,5 bis 7 Milliarden Euro, der von den heutigen Steuerzahlern bezahlt werden muss und sogar noch von „deren Kindern und Enkelkindern“, so die  SH-Finanzministerin. Die Schlussrechnung stehe noch aus. „Ein solches Desaster darf  sich nie wiederholen“, mahnte Heinold.  „Es muss künftig ein No-Go sein, dass der Staat sich an finanziellen Spekulationsgeschäften beteiligt.“

Hamburgs Finanzsenator sagte: „Angesichts der milliardenschweren Belastungen, die die HSH Nordbank verursacht hat, ist der heutige Verkauf für Hamburg und Schleswig-Holstein wahrlich kein Tag zum Jubeln, aber doch ein Tag der Erleichterung. Denn in der Abwägung aller Szenarien war, ist und bleibt dieser Schritt der richtige – auch und gerade für die  Steuerzahler.“

Neuer Name:  „Hamburg Commercial Bank“

Die HSH Nordbank war im Juni 2003 aus den Landesbanken in Hamburg und Kiel entstanden und  von den damals Verantwortlichen  mit abenteuerlichen  Immobilienkredit-Geschäften und noch irrwitzigeren Schiffs-Krediten an die Wand gefahren worden. Für den Verkauf war die „Braut hübsch gemacht“ worden:  Die Länder nahmen die schlechten Kredite  aus der Bank heraus, so dass nur die profitablen Teile zum Verkauf übrig blieben. Deren neuer Name: „Hamburg Commercial Bank“.

Ungewiss ist nach dem Verkauf die Zukunft der mehr als 600 Vollbeschäftigten der ehemaligen Landesbank am Standort Kiel. Der Betriebsrat fürchtet, dass mehr als die Hälfte der Stellen wegfallen könnte und berichtet von „unerträglicher“ Stimmung. Heinold versicherte gestern in Hamburg, sie habe sich für den Erhalt der Arbeitsplätze beim Käufer eingesetzt. Sie räumte aber auch ein, dies nicht zur Verkaufsbedingung gemacht zu haben, um den Verkaufspreis nicht  zu senken und dadurch den Steuerzahler noch stärker zu belasten.

Weiterlesen: Aus der HSH Nordbank wird HCOB: 300 Kieler Arbeitsplätze in Gefahr

Die  „Hamburg Commercial Bank“  wird ihren Hauptsitz am Gerhart-Hauptmann-Platz in Hamburg behalten. Der Aufsichtsrat wird ausgewechselt; den Vorsitz übernimmt laut Mitteilung der Bank der spanische Banker Juan Rodriguez Inciarte.

Eine Chronik der Ereignisse:

2003 bis 2007:

Die HSH Nordbank leiht sich billig Geld, für das die Länder bürgen. Sie investiert enorme Mittel in scheinbar lukrative Finanzprodukte („Kreditersatzgeschäft“) und wird größter Schiffsfinanzierer der Welt. Ziel der Länder, die im Aufsichtsrat den Ton angeben: Hohe Gewinne für ihre Landeshaushalte. Ein Börsengang wird vorbereitet. Die Risiken geraten aus dem Blick.

Juni 2003:

Die HSH Nordbank entsteht aus der Fusion der beiden Landesbanken von Hamburg und Schleswig-Holstein mit Hauptsitzen in Hamburg und Kiel und Niederlassungen in sechs weiteren deutschen Städten sowie im Ausland. An der Spitze der neuen Bank steht Alexander Stuhlmann, zuvor Chef der Hamburgischen Landesbank. Sein Nachfolger wird am 1. Januar 2007 Hans Berger von der Landesbank Schleswig-Holstein.

2008:

Am 15. September kollabiert die US-Bank Lehman Brothers - der Höhepunkt der globalen Finanzkrise. Viele Wertpapiere werden wertlos. Die Bank muss einen Verlust von fast drei Milliarden Euro ausweisen und die Länder um Hilfe bitten. Hans Berger tritt im November als Vorstandschef zurück; sein Nachfolger wird Dirk Jens Nonnenmacher. Der Börsengang wird erst vertagt, dann abgesagt. Die Bank erreicht zum Jahresende eine Bilanzsumme von 208 Milliarden Euro und beschäftigt 4300 Mitarbeiter.

2009:

Im Februar beschließen Hamburg und Schleswig-Holstein ein Rettungspaket. Die Bank erhält eine Kapitalspritze von drei Milliarden Euro und die Länder übernehmen eine Garantie für Verluste bis zehn Milliarden Euro. Mitte des Jahres übernimmt der frühere Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper den Vorsitz im Aufsichtsrat. Auf Druck der Bankenaufsicht vollzieht die Bank eine Kehrtwende. Aus der international aufgestellten Geschäftsbank wird eine Regionalbank mit wenigen Geschäftsfeldern: Firmenkunden, Schifffahrt, Infrastruktur, Immobilien. Alles andere wird in einer internen Abbaubank gebündelt und nach und nach abgewickelt, auch die faulen Schiffskredite.

2010:

Die HSH Nordbank erwirbt sich einen Ruf als Skandalbank. Es geht um eine dubiose Sicherheitsfirma namens Prevent, vermutlich untergeschobene Kinderpornos, Verdächtigungen und Intrigen, Kündigungen und Klagen. Mit dem Bankgeschäft hat das nichts zu tun, das stabilisiert sich etwas. Aber das Ansehen der Bank ist auf dem Tiefpunkt und Nonnenmacher ihr Gesicht. Er wird öffentlich angefeindet.

2011:

Nonnenmacher muss im März gehen, sein Nachfolger wird Paul Lerbinger. Er sieht die Bank auf einem guten Weg und drängt erfolgreich darauf, die teure Verlustgarantie zu reduzieren, von zehn auf sieben Milliarden Euro. Die Schifffahrt erholt sich ein wenig. Die Politik glaubt, die Krise der Bank könne vielleicht glimpflich ausgehen und kaum Steuergeld kosten. Die Untersuchungsausschüsse in Hamburg und Kiel legen ihre Ergebnisse vor, ohne Folgen. Die EU-Kommission erlässt strenge Auflagen, weil die Bank durch staatliche Beihilfen gerettet und so der Markt verzerrt wurde.

2012:

Die Frachtraten sinken wieder, die Schifffahrt gerät erneut in die Krise und mit ihr die HSH Nordbank. Vorstandschef Lerbinger geht nach nur 19 Monaten. An der Spitze steht jetzt Constantin von Oesterreich. Die Bank ist wieder in Gefahr, die Bankenaufsicht nervös. Es wird klar, dass die Verlustgarantie der Länder zumindest teilweise benötigt wird, um die Bank über Wasser zu halten.

2013:

Die Länder beantragen bei der EU, die Garantie wieder auf zehn Milliarden Euro aufzustocken. Das zieht ein neues Verfahren nach sich, an dessen Ende der Zwangsverkauf steht. Hilmar Kopper gibt den Aufsichtsratsvorsitz ab; für ihn kommt Thomas Mirow.

2014:

Der Vorstand der HSH Nordbank vom Dezember 2007 wird nach einem einjährigen Strafprozess freigesprochen. Die Manager standen wegen des Verdachts der Untreue im Zusammenhang mit einem dubiosen Überkreuz-Geschäfts mit der französischen Bank BNP Paribas vor Gericht. Das Geschäft sei sinnlos gewesen und der Vorstand habe seine Pflichten verletzt, lautet das Urteil. Die Pflichtverletzung sei jedoch nicht so schwerwiegend, dass sie strafbar wäre.

2015:

Von Oesterreich versucht, die HSH Nordbank zu stabilisieren, aber die hartnäckige Schifffahrtskrise hat das Institut im Griff. Das Wasser steht der Bank bis zum Hals, die EU droht mit Abwicklung.

2016:

Brüssel will das Problem mit der HSH Nordbank endgültig lösen und erlässt eine Reihe strenger Auflagen. Bis zum 28. Februar 2018 muss das Institut verkauft sein oder es wird abgewickelt. Finanzvorstand Stefan Ermisch wird der letzte Vorstandschef der HSH Nordbank und soll den Verkauf erfolgreich über die Bühne bringen. Die Länder übernehmen faule Schiffskredite im Nennwert von fünf Milliarden Euro. Heute sind sie deutlich weniger wert.

2017:

Die Bank wird zum Verkauf ausgeschrieben und baut massiv Altlasten ab, um verkaufsfähig zu werden. Dazu zählen auch Schuldenerlasse für prominente Reeder, die von der Öffentlichkeit kritisch gesehen werden. Jetzt stehen noch vier Milliarden Euro faule Kredite in der Bilanz, davon drei Milliarden Euro Schiffskredite. Die Abbau-Bank hat sich halbiert. Die Bilanzsumme beträgt noch 72 Milliarden Euro, die Zahl der Beschäftigten rund 2000.

2018:

Hamburg und Schleswig-Holstein verkaufen die HSH Nordbank für rund eine Milliarde Euro an eine Investorengruppe um den New Yorker Investmentfonds Cerberus und den US-Investor J.C. Flowers. Nach dem „Signing“ im Februar wird der Verkauf im November mit dem „Closing“ abgeschlossen. Die Bank wird umbenannt in Hamburg Commercial Bank und will sich als mittelgroße Geschäftsbank positionieren. Ein weiterer Personalabbau steht bevor.

 
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