Flensburg : Vergewaltigung an der Marineschule

Marinestandort mit Tradition: Seit über 100 Jahren werden in Mürwik Offiziere geschult. Jetzt hat sich hier ein Sexverbrechen ereignet.
Marinestandort mit Tradition: Seit über 100 Jahren werden in Mürwik Offiziere geschult. Jetzt hat sich hier ein Sexverbrechen ereignet.

Schwerer Verdacht: Zwei Soldaten sollen eine 23 Jahre alte Kameradin an der Marineschule Mürwik vergewaltigt haben. Schleswig-Holstein am Sonntag hat die schwersten Verbrechen von Tätern in Uniform zusammengetragen.

shz.de von
24. November 2013, 15:00 Uhr

Die Marine kommt nicht aus den Schlagzeilen: Erst die monatelangen Querelen wegen der umstrittenen Ausbildungsmethoden auf dem Segelschulschiff Gorch Fock, dann der Prozess wegen einer Meuterei auf dem Schnellboot „Hermelin“ und jetzt der sexuelle Übergriff auf eine 23 Jahre alte Soldatin an der Marineschule Mürwik. Nach Informationen von Schleswig-Holstein am Sonntag sollen zwei Zeitsoldaten, die sich zu einem Lehrgang in der Kaserne befanden, die Frau am vergangenen Donnerstag gegen drei Uhr nachts in ihrer Stube überfallen, sexuell genötigt und vergewaltigt haben. Bekannt wurde der Vorfall, als die Soldatin anderen Kameraden davon erzählte, wie eine Sprecherin des Marinekommandos in Rostock erklärte. Nach Angaben der Marine seien weder das Opfer noch die mutmaßlichen Täter Offiziersanwärter der Marineschule. Die Marine habe die Ermittlungen an die Kriminalpolizei Flensburg abgegeben, die Untersuchungen dauern an.

Seit dem 1. Januar 2001 steht Frauen der Dienst in der Bundeswehr umfassend offen. Zurzeit dienen mehr als 9600 Soldatinnen bei den Streitkräften. Bei den bislang bekannt gewordenen sexuellen Übergriffen auf weibliche Bundeswehrangehörige spricht das Verteidigungsministerium stets von bedauerlichen Einzelfällen. 2002 wurden dem Wehrbeauftragen 75 Fälle gemeldet, im Jahr darauf waren es nur noch neun. Inzwischen ist die Zahl auf vier gesunken.

Für Aufsehen sorgte der Fall in der Jägerkaserne im niedersächsischen Bückeburg: Am 12. August 2012, einem Sonntag, zwischen 18.30 und 19.30 Uhr, soll eine Soldatin dort von einem Mann überfallen worden sein. Die 25-Jährige hatte sich im Block A der Heeresfliegerwaffenschule, in dem Offiziers- und Unteroffiziersanwärter ausgebildet werden, aufgehalten, als sie der Unbekannte überfiel, so berichtete sie es später den Ermittlungsbeamten. Der Mann sei über sie hergefallen, habe sie vergewaltigt, anschließend geknebelt und gefesselt und in einen Spind gesperrt, so die Unteroffizierin. Er soll ihr ein Mobiltelefon dazugelegt haben, damit sie Hilfe rufen konnte. Im Oktober ordnete das Amtsgericht Bückeburg dann einen Massen-Gentest unter den 500 Soldaten der Kaserne an. Eine heiße Spur fand sich nicht. Nach mehr als einem Jahr wurden die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft ohne Ergebnis eingestellt.

Ein besonders erschütternder Fall ereignete sich am 16. Dezember 2003. Ein Hauptgefreiter aus Mecklenburg-Vorpommern erwürgte eine Obermaatin (19) an Bord des Minensuchboots „Mühlhausen". Eine DNA-Analyse überführte den ebenfalls 19-jährigen Marinesoldaten. „Es ist noch nicht vorgekommen, dass bei uns ein Soldat eine Soldatin getötet haben soll“, sagte der damalige Sprecher des Verteidigungsministeriums, Oberstleutnant Udo Schnittker. Was er als „absoluten Ausnahmefall“ in der großen Kameradschaft der Bundeswehr beschrieb, traf die Truppe bis ins Mark: „Sex-Frust" nach einem gemeinsamen Disco-Besuch sei der Auslöser für die Tat gewesen, so Informationen aus Marinekreisen. Demnach soll der Täter mit zwei weiblichen Soldaten in der Eckernförder Disco „K7“ bis nach Mitternacht gefeiert haben. Nach der Rückkehr soll der Mann dann an Bord mehr gewollt haben – die Frau aber habe ihn „abblitzen“ lassen. Gegen sechs Uhr morgens wurde sie tot in ihrer Koje gefunden.

Die Bundeswehr erließ darauf die Zentrale Dienstvorschrift 14/3 (Anhang 173), die das „sexuelle Verhalten von und zwischen Soldaten“ regelt: „Der Dienstbetrieb ist sexuell neutral abzuwickeln.“

Aber nicht nur wegen sexueller Übergriffe stehen Bundeswehr und Bundesmarine regelmäßig in der Kritik. Am 24. September standen sechs Obermaate des Schnellbootes „Hermelin“ vor dem Amtsgericht Rostock. Sie hatten während eines Einsatzes vor Beirut einen Vorgesetzten an einen Tisch gefesselt und ihm „Hier wohnen die Mongos“ auf das Bein geschmiert. Was den Vorfall so brisant machte: Das Opfer stammte aus Thailand. Der Meuterei-Prozess wurde wegen geringer Schuld eingestellt, selbst das Opfer bezeichnete den Vorfall als „Kleinen-Jungen-Streich“. Die Soldaten müssen nun eine Geldbuße in Höhe eines Monatsgehalts zahlen und mit einem Disziplinarverfahren der Bundeswehr rechnen.

Im November 2010 stürzte bei einem Unfall auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ eine 25 Jahre alte See-Kadettin in den Tod. Das Unglück ereignete sich während eines Aufenthaltes in dem brasilianischen Hafen Salvador de Bahia. Die 25-Jährige stürzte aus der Takelage auf das Deck und starb später im Krankenhaus in Salvador de Bahia. Zugleich gab es Berichte über Übergriffe der Stammbesatzung auf die Kadetten.

Bereits zuvor hatte es auf der „Gorch Fock“ Unfälle mit Todesfolge gegeben. Im September 2008 ertrank eine 18 Jahre alte Schülerin in der Nordsee, nachdem sie während ihrer Seewache über Bord gefallen war. 2002 starb ein 19-Jähriger nach einem Sturz aus der Takelage. 1998 fiel ein ebenfalls 19 Jahre alter Mann aus dem Großmast aus zwölf Metern Höhe auf die Planken. Inzwischen wurde die Ausbildungsmethodik verbessert, in Mürwik ein Ausbildungsmast aufgestellt.

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