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„Tag der Pflege“ : Verdi demonstriert gegen Pflegenotstand in Kiel und in Lübeck

vom

Die Gewerkschaft kündigt zum Tag der Pflege zwei Protestaktionen in SH an. Die Pflegesituation sei eine „tickendende Zeitbombe“.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2017 | 07:33 Uhr

Kiel/Lübeck | Für die Bundeskanzlerin sind sie „die stillen Helden in Deutschland“. Nun gehen diese Helden auf die Straße, weil ihre Arbeit in Kliniken und Pflegeheimen nicht mehr zu schaffen ist. Die Gewerkschaft Verdi hat am Freitag, dem „Tag der Pflege“, in Schleswig-Holstein zu Protestaktionen gegen den Pflegenotstand aufgerufen. In Kiel ist eine Demonstration (15 Uhr) und in Lübeck einer Kundgebung (15.30 Uhr) geplant. Auch in Mecklenburg-Vorpommern sind Proteste vorgesehen.

Das Problem in Pflegeberufen: Es gibt zu wenig Personal für zu viele Patienten. Das Arbeitsumfeld wird immer mehr auf Wirtschaftlichkeit getrimmt. Bedeutet: Den Pflegern fehlt dann die nötige Zeit, sich mit ihren Patienten zu beschäftigen. Das wiederrum führt zu einem Gefühl der Vereinsamung bei den Patienten.

Den Mangel an Pflegepersonal in Kliniken und Alteneinrichtungen in Schleswig-Holstein bezeichnet Verdi als „dramatisch“. „Es fehlen etwa 3000 bis 3500 Pflegekräfte, und die Zahl der Pflegebedürftigen wird wegen der demografischen Entwicklung in der Zukunft noch erheblich steigen“, sagte Steffen Kühhirt, Verdi-Fachbereichsleiter für die Gesundheitsberufe. Bundesweit fehlen laut Verdi in den deutschen Krankenhäusern rund 160.000 Stellen, davon 70.000 in der Pflege.

Kühhirt verglich die Pflegesituation mit einer „tickenden Zeitbombe“. Verdi fordert insbesondere gesetzlich verbindliche Personalschlüssel in der Pflege. Bisher gebe es nur Empfehlungen, kritisierte Kühhirt.

Die Arbeitsbelastung und Arbeitsbedingungen seien teils unzumutbar, was zu hohen Krankenständen führe. „Allein im Uni-Klinikum Lübeck fallen rund 25 Prozent des Pflegepersonals wegen Krankheit im Jahresdurchschnitt aus - und das ist kein Einzelfall“, sagte Kühhirt.

In Schleswig-Holstein leben nach Angaben der Arbeiterwohlfahrt rund 89.000 pflegebedürftige Menschen - Tendenz steigend. Bundesweit dürfte die Zahl der Pflegebedürftigen von 2,9 Millionen auf bis zu vier Millionen in den nächsten 15 Jahren steigen.

In Schleswig-Holstein werden mit rund 2000 Pflegeschülerinnen und - schülern mehr Kräfte ausgebildet als das Land verpflichtet ist - bundesweit sind es rund 26.000. Allerdings würden viele nach der Ausbildung Schleswig-Holstein den Rücken kehren, da sie in anderen Bundesländern höhere Löhne bekämen und bessere Arbeitsbedingungen vorfänden, sagte Kühhirt. Je nach Berechnung arbeiten nach seinen Angaben in Schleswig-Holstein zurzeit etwa 30.000 bis 40.000 Menschen in der Pflege.

Die fatale Personalsituation sei Folge einer verfehlten Gesundheitspolitik, die alles dem Gesetz des Marktes unterordnet, erklärt Kühhirt. „Personal-Einsparungen aufgrund zunehmender Profiterwartung machen privatisierte und öffentliche Krankenhäuser zu Gesundheits-Warenhäusern“, so der Vorwurf. Das Dilemma: Selbst wenn Kliniken und Pflegeheime wollten – sie finden nicht ausreichend qualifiziertes Personal. Das UKSH wirbt sogar schon Schwestern von anderen Kliniken ab. So war das Hamburger Uniklinikum in Eppendorf wenig begeistert, als die Kieler kürzlich in den Buslinien der Elbmetropole Werbespots für den Wechsel  in den Norden schalteten.

Mangel führt zu Teufelkreis

Natürlich wissen alle, dass „vollflexible Dienstpläne“ das Privatleben stark beeinträchtigen. „Das ist ein Teufelskreis, wenn wir Planstellen nicht besetzen können, müssen die vorhanden Kräfte mehr leisten“, räumt ein UKSH-Sprecher ein. Am Geld allein liege die Personalnot nicht. „Wir zahlen nach Tarif.“

Doch der ist in der Augen von Verdi zu niedrig. Auf die Straße gehen die Mitarbeiter jetzt  aber vorrangig für eine  gesetzliche Personalbemessung – also eine verbindliche Vorgabe, wie viele Patienten eine Pflegekraft maximal betreuen darf. Hierzulande kommen 10,3 Patienten auf eine Schwester. Damit ist Deutschland europäisches Schlusslicht. In der Schweiz sind es nur 5,5. Als Abhilfe fordert Verdi ein Sofortprogramm für 20.000 Stellen. Und die Gewerkschaft droht: „Das können Warnstreiks sein – aber wenn die Beschäftigten in einem Krankenhaus sich dem ‚Rufen aus dem Frei‘ kollektiv entziehen, wird der eklatante Personalmangel auch ohne Arbeitskampf sichtbar“, so Kühhirt.

Lichtblick: Mehr Azubis 

In der Vergangenheit haben Arbeitgeber Fehler gemacht und im großen Umfang Stellen gestrichen. Das räche sich jetzt. Das UKSH steuert längst gegen: Betriebskitas sollen den Klinikjob für Eltern attraktiv machen. Zudem werden Arbeitskräfte im Ausland angeworben. Mit effizienten Arbeitsabläufen in Klinikneubauten hofft man, den Fachkräftemangel abzufedern. Ob Krankenstationen mit 40 Betten den Beruf für die dann vorgesehenen nur noch zwei Pflegekräfte attraktiver machen, bleibt abzuwarten.

In den  Pflegeheimen ist die Situation ähnlich angespannt. Da Schleswig-Holstein jedoch das Bundesland mit dem höchsten Anteil (40 Prozent, Brandenburg 26 Prozent) vollstationärer Heimpatienten ist, gibt es hier noch Spielraum: Je mehr  Bürger mittelfristig ambulant statt stationär betreut  werden, desto weniger macht sich der Fachkräftemangel bemerkbar. Ambulante Pflege ist nicht ganz so personalintensiv. Die Zahl der Azubis in der Altenpflege ist seit 2008 um fast 80 Prozent gestiegen. Hier greift endlich die Erhöhung der Landesmittel für die Förderung der schulischen Ausbildungsplätze.

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