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Riskante Zockerei : Verbotene Fußballwetten in der SH-Liga

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Aktive Spieler in der Schleswig-Holstein-Liga setzen Geld auf ihre eigenen Partien - doch das Vorgehen ist verboten und kann Folgen haben.

Kiel | Seinen Verein, sein Alter und vor allem seinen Namen will er nicht in den Medien lesen. Tobias C. (Name von der Redaktion geändert) ist seit Jahren in der höchsten Fußball-Spielklasse des Landes aktiv, der Schleswig-Holstein-Liga. Was er zu berichten hat, birgt Zündstoff. „Dass SH-Liga-Spieler bei Wettanbietern Geld auf ihre eigenen Partien setzen, ist gängige Praxis“, erklärte C. im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z). Und C. steht mit seiner Behauptung nicht allein. Sebastian L. (Name geändert), der mehrere Jahre in Schleswig-Holsteins höchster Amateurklasse im Einsatz  war und nun in einem anderen Bundesland kickt, bestätigte: „Ich habe regelmäßig erlebt, dass SH-Liga-Spieler auf eigene Siege getippt haben. Das ist  Alltag.“ Allerdings im sportrechtlichen Sinn ein gefährlicher Alltag, denn: Im deutschen Fußball sind Wetten auf Spiele der eigenen Liga grundsätzlich verboten. Als Sanktionen drohen Spielsperren und Geldstrafen.

Geld auf Begegnungen der fünftklassigen Amateurligen zu setzen, ist heutzutage für Wettbegeisterte bundesweit kein Problem. Alle großen privaten Anbieter wie „Tipico“, „bet365“ oder „bet-at-home“ haben nahezu alle Oberligen im Angebot. Nachdem in Hamburg zuletzt verstärkt Manipulationsgerüchte aufgekommen waren, überlegt „Tipico“ nun offenbar, die höchste Spielklasse der Hansestadt aus dem Angebot zu streichen. Ein  deutschlandweiter Verzicht auf Fünftligapartien steht aber bei keinem Anbieter zur Debatte. „Das Angebot komplett in Frage zu stellen, ist uns zu einfach. Stattdessen arbeiten wir – wie jetzt in Hamburg –  eng mit den Fußballverbänden zusammen, um gute Lösungen zu finden. Schließlich werden bei  Manipulationen auch wir als Wettanbieter betrogen“, sagte Dominic Sauer, Leiter der Unternehmenskommunikation von „Tipico“ Deutschland. Im Zuge dessen wurde der Maximaleinsatz auf Oberliga-Spiele bei „Tipico“ von 250 auf 50 Euro gesenkt.

Konkrete Hinweise darauf, dass auch SH-Liga-Spiele manipuliert worden sind, hat „Tipico“ nicht. „Anders als in Hamburg ist mir in Schleswig-Holstein ein Fall mit extrem auffälligen Wettbewegungen nicht bekannt“, sagte Unternehmenssprecher Sauer. Auch Sebastian L. und Tobias C. wissen nach eigenem Bekunden nichts von einem Betrug. L. erklärte: „Dass Spieler auf eine Niederlage der eigenen Mannschaft getippt haben, habe ich nicht selbst erlebt.“ Allerdings hält sich in der hiesigen Fußballszene hartnäckig das Gerücht um den einstigen FC Sylt. „Es ist ein offenes Geheimnis im Land, dass Spieler des FC Sylt auf eigene Niederlagen gesetzt haben sollen“, berichtete C.

Fakt ist: Bei dem längst abgemeldeten Club waren im Frühjahr 2012 einige seltsame Ergebnisse zu verzeichnen. „Man hat nie gemerkt, dass die gewinnen wollten“, berichtete Joachim Press, damaliger Trainer von Flensburg 08, nach einem 4:0-Auswärtssieg gegen die vielfach als „Söldnertruppe“ bezeichnete Elf von Mäzen Volker Koppelt. Auch Sylts 2:7-Heimpleite gegen Strand 08 erregte den Verdacht, dass sich die Spieler ausbleibende Zahlungen Koppelts durch Wetten auf eine eigene Niederlage „zurückholen“ wollten. Besonders auffällig: Eine Woche zuvor hatte fast die gleiche Elf noch mit 5:1 in Todesfelde gewonnen, sieben Tage später siegte Sylt sportlich mit 6:0 beim VfB Lübeck II. Nachgewiesen wurde ein Betrug indes nie. „Ich weiß nur noch, dass Volker Koppelt einmal richtig sauer wegen des Themas geworden ist“, berichtete ein ehemaliger Sylter Spieler, der selbst von Wetten auf eigene Niederlagen jedoch nichts mitbekommen haben will.

Doch auch ohne den Beweis für handfeste Betrugsfälle in Schleswig-Holstein empfindet Hans-Friedrich „Mecki“ Brunner, Trainer des SH-Liga-Herbstmeisters Eutin 08, das Wettverhalten von einigen aktiven Fußballern mittlerweile als „eine Unart“. „Ich habe Spieler erlebt, die sogar auf der Bank noch Ergebnisse anderer Ligen prüfen und jubeln, wenn beispielsweise ein Zweitligaspiel so ausgegangen ist wie gewettet“, berichtete Brunner. Der langjährige Erfolgscoach würde Wetten auf Amateurspiele gern komplett verboten sehen, aber: „Ich glaube nicht, dass das rechtlich durchsetzbar ist.“

Beim Schleswig-Holsteinischen Fußballverband (SHFV) ist man sich der Problematik bewusst. Doch Geschäftsführer und Justiziar Jörn Felchner stellte fest: „Uns liegt nichts Verwertbares vor. Im Fall Sylt gab es damals zwar einige allgemeine Verlautbarungen, aber keine konkreten Beschuldigungen und vor allem keine Anzeige bei uns.“ Die jedoch ist nötig, damit die Verbandsorgane tätig werden können. „Wir brauchen Beweismittel oder zumindest einen Zeugen, der die Verstöße benennen kann“, sagte Felchner. „Dann würde das Sportgericht sofort Ermittlungen aufnehmen.“ Anonyme Beschuldigungen reichen dafür hingegen nicht aus. Felchner: „Wir müssen uns auch davor schützen, dass leichtfertig Behauptungen aufgestellt werden, mit denen vielleicht nur der Ruf eines Gegners geschädigt werden soll.“

Der Vorstand des SHFV hat unterdessen  beschlossen, eine Arbeitsgruppe zur intensiven Untersuchung der Sportwetten-Thematik in Schleswig-Holstein einzurichten. „Auch wenn aktuell keinerlei Verdachtsfälle für Spielmanipulationen im schleswig-holsteinischen Fußball vorliegen, halten wir es als Verband für eine absolute Notwendigkeit, sich ausführlich mit dieser Thematik  zu beschäftigen“,  erklärte SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer. „Dazu gehören eine Analyse der Situation in Schleswig-Holstein, die Entwicklung von präventiven Maßnahmen sowie ein Nachdenken über den Einsatz von drastischen Sanktionen für den Fall, dass doch Verdachtsmomente auftauchen sollten.“ Zu besagter SHFV-Arbeitsgruppe sollen auch externe Fachleute – laut Felchner Juristen und Sportwissenschaftler – gehören.

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erstellt am 12.Nov.2014 | 06:44 Uhr

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