Elternvertreter an Schulen : „Veränderungen wollen viele Eltern – aber sie möchten nichts dafür tun“

Elternvertretungen sind ein wichtiges Mittel, um Einfluss auf die Schulen zu nehmen – doch immer weniger Eltern engagieren sich.Dieter Wrege
Elternvertretungen sind ein wichtiges Mittel, um Einfluss auf die Schulen zu nehmen – doch immer weniger Eltern engagieren sich.Dieter Wrege

Nach Schulbeginn werden jede Menge Kandidaten für die Elternvertretung gesucht – doch das Interesse schrumpft.

fju_maj_0203 von
17. Juli 2018, 20:43 Uhr

Kiel | Es können 2500 Kilometer pro Monat werden, die er für sein Ehrenamt kreuz und quer durch Schleswig-Holstein fährt. Sechs bis acht Termine kommen pro Woche zusammen. Dazu jede Menge Schreibtischarbeit. Thorsten Muschinski hat als Vorsitzender des Landeselternbeirats (LEB) der Gemeinschaftsschulen reichlich zu tun. Rund 140 Stunden pro Monat investiert er in sein Ehrenamt. Die Eltern von rund 93.500 Schülern zwischen Nord- und Ostsee vertritt der EDV-Fachmann aus Elmshorn seit einem Jahr.

Wenn er auf das Eltern-Engagement an seiner Basis blickt, fällt ihm immer stärker eine Dreiteilung auf: „An der Hälfte der Schulen läuft es prima. An 40 Prozent nur mit Ach und Krach. Und an zehn Prozent gar nicht.“ An knapp zehn Gemeinschaftsschulen im Land, so Muschinski, sei aus mangelndem Engagement sogar gar kein Elternbeirat zustande gekommen. „Ein enormer Verlust für eine gute Schule“, warnt er – und ruft dazu auf, dass sich nach den Sommerferien, wenn die Elternbeiräte neu zur Wahl anstehen, viele einen Ruck geben mögen: „Es geht um die Interessen Ihrer Kinder“, appelliert der zweifache Vater.

„Ohne Eltern geht es nicht!“

Auf mehr Kandidaten hofft sogar jemand, dessen Herrschaft von Elternbeiräten ein Stück weit eingeschränkt wird: Uwe Niekiel, Vorsitzender des Schulleitungsverbands Schleswig-Holstein. „Die Zeiten, in denen Schulleiter einsam auf einem Thron saßen, sind vorbei. Ohne Eltern geht es nicht“, sagt der Brunsbütteler. „Eltern sind Verbündete der Schule – zum Beispiel im Kampf um Ressourcen wie Lehrerstellen.“

„Wir sind niemandem gegenüber weisungsbefugt“, betont Muschinski. Deshalb könnten Eltern bei den Schulräten der Kreise oder beim Bildungsministerium lauter den Mund aufmachen, wenn es an einer Schule hapert. Auch sonst brauchen der LEB-Landesvorsitzende und seine Stellvertreterin Tatjana Kordts aus Heide nicht lange zu überlegen, wenn man sie fragt, wofür Elternbeiräte wichtig sind. „Zum Beispiel, damit einzelne Eltern nicht auf sich allein gestellt sind, wenn sie Konflikte mit einem Lehrer haben“, sagt Kordts. „Da können die gewählten Elternvertreter moderieren und helfen, die Kontrahenten im Gespräch zu halten.“

Die zwei LEB-Vorstände haben auch schon erlebt, dass der „Eltern-Blick von außen bei Zeugniskonferenzen hilfreich sein kann“. Als bei einer solchen Sitzung klar wurde, dass eine große Zahl von Schülern in den Noten abgefallen war, habe er das Unterrichtskonzept des Lehrers hinterfragt, schildert Muschinski. Mit dem Ergebnis, dass der Pädagoge im nächsten Schuljahr tatsächlich Dinge anders angegangen sei. „Wenn es Probleme in einer Klasse gibt und nichts passiert, muss zumindest einer da sein, der sagt: Das ist nicht in Ordnung“, so versteht Muschinski die Generalzuständigkeit von Elternvertretungen.

Mitsprache bei Klassenfahrten

Wohin sollen Klassenfahrten gehen und wie teuer dürfen sie sein? Sind sie einfach Touristik oder haben sie ein bestimmtes Thema? Lassen sich die Ausgaben für Workbooks oder Lektüren im Fremdsprachenunterricht für alle Klassen auf einen Höchstbetrag begrenzen? Das sind Klassiker für Einflussmöglichkeiten von Elternbeiräten.

Und dann sind da die vielen Punkte, die die Organisation des Schulalltags betreffen. Niekiel nennt einen aktuellen Fall aus seiner Grundschule, der genau so für weiterführende Schulen gelten könnte: Jede Klasse dort wird künftig vier sogenannte Draußen-Tage pro Schuljahr haben – ob in der Natur, auf dem Bauernhof oder im Museum. „So etwas ist natürlich mit Stundenplanänderungen und auch mit Kosten verbunden“, sagt der Vorsitzende des Schulleitungsverbands. „Mit Einbeziehung der Elternbeiräte lässt sich eine solche Änderung deshalb einfacher umsetzen als ohne.“ Der Dithmarscher verhehlt nicht, dass es natürlich auch mal unterschiedliche Ansichten zwischen Schulleitung und Eltern gibt. „Sicher muss man da auch mal Widerstände in Kauf nehmen. Aber letzten Endes sind die Eltern die Kunden der Schule.“ Schließlich – das wird er dabei vor Augen haben – gilt die freie Schulwahl.

Nichtsdestotrotz erleben die Vorstände des LEB für Gemeinschaftsschulen auch Schulleitungen, die es einem Schulelternbeirat schwer machen. Im Kreis Schleswig-Flensburg berät der LEB gerade einen solchen, der sich von der Schulleitung massiv in seinen Rechten verletzt sieht. Letztere mische sich etwa unzulässigerweise in die Festlegung von Terminen, Tagesordnung und Moderation der Sitzungen des Beirats ein.

Kollegen, die mit dem Zeitaufwand hadern, den Abstimmungen mit den Eltern bedeuten, rät Niekiel: „Trifft man ohne Einbindung der Eltern Entscheidungen und trifft ihre Meinung überhaupt nicht – dann dauert es hinterher ungleich länger.“


Schule als Aufbewahrungsstelle?

Dass sich Eltern tendenziell „weniger Zeit nehmen für die Mitarbeit an der Schule als vor zehn, 15 Jahren“ erlebt auch Niekiel. „Da waren die Wahlen zum Elternbeirat meist nach einer Viertelstunde erledigt. Heute dauert es gern mal doppelt so lange, weil Leute erst zur Kandidatur überredet werden müssen.“

„Erst kommt der Job und dann die Kinder, und dann sehen viele Eltern die Schule rein als Aufbewahrungsstelle“, ist der Eindruck von LEB-Vize Tatjana Kordts. „Ich höre aus allen Kreisen Schleswig-Holsteins, dass das Interesse an einer Mitarbeit in Klassen- oder Schulelternbeiräten schwindet.“ Muschinski erlebte bei einem ersten Elternabend in einer fünften Klasse zum Start an einer Gemeinschaftsschule in Elmshorn, dass von 28 Elternpaaren überhaupt nur elf anwesend waren. „Veränderungen an der Schule wollen viele Eltern – aber sie möchten nichts dafür tun“, beschreibt Kordts ein Dilemma. Sie selbst fand aus der Einstellung „man kann nicht immer nur meckern, wenn man etwas ändern will“ in die Elternarbeit.

Auf Landesebene geht es im Elternbeirat um übergreifende Themen. Wie Schüler bessere Anregungen für ihre Berufswahl erhalten können, liegt dort gerade obenauf. Oder wie Schüler besser auf Abschlussarbeiten vorbereitet werden können – ein heißes Eisen, nachdem die Noten in den schriftlichen Matheprüfungen an Gemeinschaftsschulen gerade so stark nach unten abgefallen sind.

Eine große Rolle spielt für den LEB die Ausgestaltung einer Datenbank, in der das Ministerium ab Beginn des neuen Schuljahres Gewaltvorfälle an den Schulen registrieren lassen will. „Nun kommt es darauf an, dass Schulleitungen nicht versuchen, aus Rücksicht auf den Ruf der Schule Einträge zu vermeiden“, mahnt Muschinski. Sobald eine Klassenkonferenz aufgrund eines Gewaltvorfalls einberufen wird, soll die Schule verpflichtet sein, diesen in die Datenbank einzutragen. „Aber was ist, wenn die Schulleitung auf die Einberufung einer solchen Konferenz verzichtet?“, sorgt sich Muschinski um eine etwaige Hintertür. Am liebsten wäre ihm, „dass in der Datenbank auch Elternvertreter in Eigenregie Gewaltvorfälle melden können“.

Ein paar goldene Regeln für interessierte Kandidaten, zusammengestellt von Tatjana Kordts und Torsten Muschinski vom Vorstand des Landeselternbeirats Gemeinschaftsschulen:

  • Teamfähigkeit: Elternarbeit kann nur erfolgreich sein, wenn die Mitglieder teamfähig sind. Einzelkämpfer oder das Voranstellen persönlicher Präferenzen schaden nicht nur der eigenen Arbeit, sondern der ganzen Schule.
  • Objektivität: Elternvertreter müssen in ihrem Handeln immer objektiv sein und nicht nur die Seite der Eltern, sondern auch die der Schulleitung, Lehrkräfte und Schüler betrachten. Sie müssen beachten, sich nicht von Eltern für persönliche Dinge instrumentalisieren zu lassen.
  • Netzwerkpflege: Grundpfeiler guter Elternarbeit ist der Aufbau und die Pflege eines funktionierenden Netzwerks, das es möglich macht, gemeinsam zu agieren und gegenseitige Unterstützung zu geben.
  • Begegnungsfreude: Elternvertreter sollten sich regelmäßig und in kurzfristigen Abständen mit der Schulleitung, den anderen Elternvertretern der Schule, aber auch gremien- und schulartübergreifend treffen. Durch diesen Austausch werden beispielsweise Probleme früher erkannt und Lösungswege sichtbar.
  • Bewusst entscheiden: Eltern sollen sich bewusst für die Aufgaben als Elternvertreter entscheiden, da inaktive Mitglieder einem Gremium eher schaden als nützen.
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