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Schleswig-Holstein

23. August 2017 | 12:12 Uhr

Susanne Gaschke : (Ver)querer Einstieg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es ist einer der größten Skandale, die die Landeshauptstadt je erlebt hat: die Steueraffäre um Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD). Warum sich Seiteneinsteiger in der Politik so schwer tun, zeigt eine Analyse.

Eine solche politische Schlammschlacht hat die schleswig-holsteinische SPD lange nicht erlebt. Der Skandal um die Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke, die einem Zahnarzt Zinsen und Säumniszuschläge für ausstehende Steuern in Millionenhöhe per Eilentscheid und ohne Beschluss der Ratsversammlung erlassen hat. Sie attackiert ihren Parteivorsitzenden, Innenminister und Ministerpräsidenten – und steht nach nur einem Jahr Amtszeit vor den Trümmern ihres Neuanfangs in der Politik. Doch wie konnte Susanne Gaschke in diese Situation geraten? Warum tun sich Seiteneinsteiger so schwer in der Politik?

 


Gaschkes SPD-Familie


Der Politikwissenschaftler Moritz Küpper hat in seiner Doktorarbeit „Politik kann man lernen“ festgestellt, dass rund die Hälfte derjenigen, die aus einem anderen Beruf in die Politik einsteigen, relativ schnell scheitern oder von sich aus das Handtuch werfen. Doch dass sich gerade eine politisch versierte Journalistin wie Susanne Gaschke in der Politik so schwer tut, überrascht doch viele Beobachter – nicht nur in Kiel. Denn kaum jemand kennt die Abgründe der Politik, die Winkelzüge der Berufspolitiker, die Tücken des Umgangs mit der Macht besser als politische Journalisten, schließlich berichten sie dauernd darüber. Dazu hat Gaschke einen bisweilen klug denkenden und beherzt schreibenden Berufspolitiker als Ehemann, der ebenfalls die Medienbranche gut kennt, ihre Tochter ist dazu in der Kieler SPD vernetzt.

 


Stolpern über eigene Zunft


Doch kurioserweise stolpert Susanne Gaschke am Ende genau über ihren schwachen Umgang mit den Medien. Zu Beginn ihrer Amtszeit kokettiert sie mit ihrer fehlenden Verwaltungserfahrung, spricht davon, in der Politik lernen zu wollen. Im Rat- und im Landeshaus gibt es darüber so viele Ansichten wie Menschen. Die einen sagen, Gaschke sei beratungsresistent, andere attestieren ihr, sie könne gut zuhören, wieder andere sagen, sie habe die Akte, in der es um die Steuerschuld des Zahnarztes geht, nicht einmal gelesen. Fest steht, dass Gaschkes Auftritte in der Öffentlichkeit viel von der Emotionalität eines politischen Neulings haben, aber nichts von einer kühl analysierenden und agierenden Journalistin. Eine Oberbürgermeisterin, die Angriffe der Opposition zu Tränen rührt, die eine Verschwörung gegen sich in der eigenen Partei wittert, die ihren in der Politik aktiven Ehemann für sich einspannt – all das zeugt von wenig politisch-taktischem Talent.

Offenbar ist das Lernen von Politik überaus schwer. Als Journalistin bei der „Zeit“ hat Susanne Gaschke häufig impulsiv argumentiert, sich gegen Anschuldigungen emotional zur Wehr gesetzt. Mehrheiten zu organisieren war selten nötig, wenn sie die Rückendeckung der richtigen Leute hatte. Verbindlichkeit ist nicht immer die Sache jedes Journalisten.

 


Schon Kollegen scheiterten


Viele Medienvertreter haben den Sprung in die Politik gewagt, viele sind schnell wieder verschwunden – wie Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, der ein nur kurzes Gastspiel für die FDP im Bundestag gab. Auch Köpfe der „Zeit“ versuchten sich in der Politik, etwa der Gründer Gerd Bucerius oder Michael Naumann, der zuletzt als Kandidat für das Amt des Hamburger Bürgermeisters scheiterte.

 


Erfolgsbeispiele


Andere Journalisten haben in der SPD den Sprung geschafft, etwa Egon Bahr, der jahrzehntelang Schleswig-Holstein im Bundestag vertrat und vier Jahre lang Minister in Bonn war. Oder Günter Gaus, der Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR wurde. Wolfgang Clement agierte als Ministerpräsident und Bundesminister, ja selbst Kanzler Willy Brandt arbeitete zeitweilig als Journalist.

Doch sie waren Seiteneinsteiger, die Politik schnell gelernt haben: Beharrlichkeit, Ausdauer, Jovialität, Geduld, Machtbewusstsein, Konfliktfähigkeit, Diskussionsfähigkeit, Kompromissfähigkeit, Wandlungsfähigkeit – das sind nur einige der Tugenden, die ein Berufspolitiker beherrschen muss. Susanne Gaschke wurde, wie die Tageszeitung „taz“ einst schrieb, „die politische Journalistin, die zur journalistisch arbeitenden Politikerin“ wird. Das war offenbar zu wenig.

 


Zu wenig Fürsprecher


Vielleicht war sie in der Wahl ihrer Mitarbeiter und Berater nicht gut genug aufgestellt, sie hatte keinen Mentor in der Politik, dem Politikwissenschaftler Küpper eine entscheidende Bedeutung für Quereinsteiger zumisst. Am Ende sieht sich sogar ihr Ehemann des Verdachts der Nötigung ausgesetzt. Anders als andere Seiteneinsteiger, die die Parteieliten gezielt anwerben, hat Gaschke zu wenig machtvolle Fürsprecher in der SPD. Niemand hat sie geholt, um gezielt ein Wählerpotenzial zu aktivieren, dass die Partei sonst nicht erreichen würde. Nur das kann aber einem Seiteneinsteiger, dem die Hausmacht in einer Partei fehlt, die nötige Rückendeckung des Parteivolkes einbringen – so lange bis er über eigene Seilschaften und Machtzentren verfügt. Nur das sichert dem Quereinsteiger eine gewisse Unabhängigkeit, für die er ja meist in der Politik angetreten ist. Der Seiteneinsteiger muss in der Öffentlichkeit und bei den Medien für eine gewisse Kompetenz stehen, die Berufspolitiker in manchen Bereichen eben nicht haben (können). Bei Susanne Gaschke ist das nie so richtig deutlich geworden.

 


Belastungstest


Bei vielen Seiteneinsteigern versagt das Krisenmanagement, eben weil sie es nie gelernt haben, im Dschungel der Politik auf dem richtigen Weg zu bleiben, auch wenn ein Monsun auf sie niedergeht. Viele Seiteneinsteiger sind es nicht gewöhnt, dass alles was sie sagen – und vielleicht nicht genau so meinen – in der Öffentlichkeit landen kann. Dazu kommt ein enormer Druck durch die Last eines öffentlichen Amtes. Eben den sind viele Seiteneinsteiger nicht lange bereit, auszuhalten.

 


Amateure gewünscht


Doch trotzdem wollen Teile der Öffentlichkeit nach wie vor die Quereinsteiger, weil der Beruf Politiker mit einem Makel belegt ist, wie Autor Küpper schreibt – auch wenn das irrational ist. „In keinem anderen Berufszweig wünschen sich Menschen, von Amateuren vertreten, betreut oder unterstützt zu werden. Niemand würde auf den Gedanken kommen, sich ein Badezimmer von einem Piloten sanieren, sich im Krankenhaus vom Monteur operieren oder von einem Arzt in den Urlaub fliegen zu lassen“, schreibt Küpper. Und: „Dem Wunsch nach mehr Seiteneinsteigern mutet eine gewisse Naivität an, zumal die Liste der Gescheiterten lang und prominent ist.“ Am Ende plädiert Küpper für den Job des Berufspolitikers.

 


Es geht auch anders


Und doch wird es immer wieder Seiteneinsteiger geben, eben weil sie der Politik Glamour geben können, weil sie unkonventionell sind und weil sie den Medien nette Geschichten bringen – und seien es solche für politische Voyeure wie im Fall der Gaschke-Bartels-Affäre. Und natürlich ist nicht gesagt, dass alle scheitern. Kanzler wie Ludwig Erhard, Vize-Kanzler wie Klaus Kinkel, Minister wie Karl Schiller oder Ministerpräsidenten wie Kurt Biedenkopf erlebten zwar kein ruhmreiches Ende ihrer Karriere, aber Macht und Einfluss hatten sie – Schiller etwa schreiben Historiker den entscheidenden Anteil am Wahlsieg der SPD 1969 und damit dem ersten Machtwechsel in der Geschichte der Bundesrepublik zu.

Und am Ende können auch Frauen aus einem ganz anderen Beruf ganz nach oben kommen, wenn sie wie eine Physikerin, alles was auf dem politischen Parkett um sie herum passiert, „wie ein Schwamm“ aufsaugen, wie ein Weggefährte mal über die letzte stellvertretende Regierungssprecherin der DDR gesagt hat: auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine Seiteneinsteigerin.

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von
erstellt am 06.Okt.2013 | 13:43 Uhr

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