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AKW bei Geesthacht : Vattenfall stellt Antrag zum Rückbau von Krümmel

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Das Kernkraftwerk Krümmel war einmal der leistungsstärkste Siedewasserreaktor weltweit. Seit 2007 steht es still. Der Rückbauantrag kommt überraschend. Energiewendeminister Habeck begrüßt den Schritt.

Geesthacht | Der Energiekonzern Vattenfall Europe Nuclear Energy hat völlig überraschend einen Rückbauantrag für das Kernkraftwerk Krümmel am Elbufer bei Geesthacht gestellt. Das teilte am Dienstag Sandra Kühberger, die Sprecherin von Vattenfall in Berlin, mit. Sie betont: „Der Antrag beinhaltet keinen Verzicht auf bestehende Genehmigungen.“ Das war lange Zeit der Knackpunkt in der Geschichte, denn Vattenfall hat die Bundesrepublik Deutschland vor einem Washingtoner Gericht auf Schadensersatz verklagt, nachdem die Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen und Krümmel damit früher als geplant vom Netz genommen hatte.

Außer Krümmel gibt es noch zwei Kernkraftwerke in Schleswig-Holstein. Das Kernkraftwerk Brunsbüttel ist Schleswig-Holsteins ältestes Kernkraftwerk (Netzanbindung 1976) und wird ebenfalls von Vattenfall betrieben, Miteigentümer ist E.ON (33,3 Prozent). Brunsbüttel darf wie Krümmel nicht mehr ans Netz. Derzeit läuft das Genehmigungsverfahren für den Rückbau.

Einzig das Kernkraftwerk Brokdorf ist noch in Betrieb. Der von E.ON betriebene Meiler darf nach der Atomgesetznovelle von 2011 noch bis Ende 2021 im Leistungsbetrieb laufen. Miteigentümer ist Vattenfall (20 Prozent).

Zuständig für das weitere Verfahren ist die Atomaufsichtsbehörde des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (MELUR) in Kiel. „Der Verlauf des Genehmigungsverfahrens in Brunsbüttel dient uns als Erfahrungsbasis. Die Erfahrungen, die wir bereits gesammelt haben, fließen in Krümmel mit ein. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir den Sicherheitsbericht für Krümmel schon in den kommenden Monaten einreichen können“, erklärte Pieter Wasmuth, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy.

Der Sicherheitsbericht ist ein wesentliches Element während des umfangreichen Genehmigungsverfahrens zur Stilllegung und zum Abbau des Kernkraftwerks und beschreibt den Gesamtprozess des rund 15 bis 20 Jahre dauernden Rückbaus. „Der Bericht ist öffentlich und informiert auch Dritte, zum Beispiel betroffene Anwohner, ob und wie sie durch das Vorhaben berührt sein könnten“, so Wasmuth.

Selbst nach dem Rückbau bleibt Geesthacht unterdessen Atomstandort, denn es ist unklar, wo der radioaktive Abfall bleiben soll. Ein geeignetes Endlager gibt es bisher nicht, sodass der Strahlenmüll in einem Standortzwischenlager untergebracht werden muss.

Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Robert Habeck begrüßt den Antrag zur Stilllegung und zum Rückbau des Kernkraftwerks Krümmel. „Wir haben lange auf diesen Schritt des Betreibers gewartet, den ich oft angemahnt habe. Es ist gut, dass Vattenfall jetzt bereit ist, den Rückbau des Atomkraftwerks Krümmel einzuleiten, auch wenn der Konzern parallel noch vor einem internationalen Schiedsgericht versucht, Schadensersatz für die deutsche Entscheidung zum Atomausstieg zu erhalten. Damit ist auch klar, dass Vattenfall nicht heimlich doch auf einen Wiedereinstieg in die Atomkraft in Deutschland hofft. Auch das ist gut“, sagte er am Dienstag in Kiel.

Nach dem Rückbauverfahren für das Atomkraftwerk Brunsbüttel könne nun auch das Genehmigungsverfahren für den Abriss des Meilers in Krümmel beginnen. „Das ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zum tatsächlichen Ende der Atomenergie in Schleswig-Holstein“, betonte Habeck.

1983 ging das AKW Krümmel ans Netz. Im August 2011 wurde das AKW bereits endgültig abgeschaltet. Strom hatte der Meiler zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr geliefert. Im Sommer 2007 brannte auf dem Gelände des Kernkraftwerks ein Transformator. Die Reparaturen dauerten zwei Jahre.

Es gab zwar eine Wiederanfahrgenehmigung durch die Atomaufsicht. Die aber erledigte sich nach weiteren Zwischenfällen binnen Wochen erneut. Wegen der Störung in einem Maschinentransformator kam es im Juli 2009 zur Schnellabschaltung.

Was dann folgte, war der „Stillstandsbetrieb“. Schon damals war öffentlich über das endgültige Aus für den Siedewasserreaktor spekuliert worden. Das kam mit der Atomkatastrophe von Fukushima am 15. März 2011.

Der Landtag in Kiel machte daraufhin Druck. Einstimmig votierte das Parlament Ende März 2011 für die Stilllegung von Krümmel. Besiegelt wurde diese zwei Monate später von der Bundesregierung: Krümmel darf wie Brunsbüttel und eine Reihe anderer Meiler nie mehr ans Netz gehen.

Auch wenn Vattenfall bei Gericht noch um eine „faire Entschädigung“ für entgangene Gewinne aus einem Weiterbetrieb seiner Meiler kämpft; für Brunsbüttel stehen die Weichen seit Jahren auf Abriss. Den Antrag hatten die Schweden schon Ende 2012 eingereicht. Experten schätzen, dass die Zerlegung von Brunsbüttel bis zu 20 Jahre dauern wird. 340.000 Tonnen Stahl, Beton und Atommüll müssen entsorgt werden. Nicht weniger groß dürften die „Müll“-Mengen in Krümmel sein. 10.000 Tonnen schwach und mittelradioaktives Material müssen entsorgt werden. Dazu kommen die Brennelemente, für die ein Endlager immer noch nicht in Sicht ist.

Ein Blick zurück zeigt: Auch Krümmel stand immer wieder in den Schlagzeilen. Jahrelang stritten Experten und Kernkraftkritiker über die Frage, ob das Atomkraftwerk für eine auffällige Häufung von Leukämiefällen in der Elbmarsch sei. Einen wissenschaftlich schlüssigen Beweis für diese These gab es nie.

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erstellt am 25.Aug.2015 | 12:10 Uhr

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