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Himmelfahrt : Vatertag und Muttertag: Warum wir feiern, was wir feiern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Donnerstag sind die Männer los – es ist „Herrentag“. Aber was soll das? Unsere Autorin wirft einen Blick in die Geschichte.

von
erstellt am 05.Mai.2016 | 11:32 Uhr

„Du sollst Mutter und Vater ehren.“ Das vierte Gebot stellt diese klare Forderung. Und egal, was zwischen Eltern und Kindern auch je im Leben vorfällt: Mutter und Vater haben ihrem Nachwuchs das Leben geschenkt – und das allein ist schon ein guter Grund, sie zu ehren!

Am Sonntag ist Muttertag. Doch zuvor kommt heute am Donnerstag, traditionell 40 Tage nach Ostersonntag am Himmelfahrtstag, die Ehre erst einmal den Vätern zu. Manche von ihnen erhalten tatsächlich kleine Geschenke aus der Familie, aber traditionell geht es um etwas anderes: In kleinen Grüppchen sieht man die Herren durch Feld und Flur ziehen – zum Teil in bemerkenswerter Kleidung, häufig bester Laune und oft auch sichtbar alkoholisiert. Ums Vatersein geht es ihnen zumeist nicht, denn auch Junggesellen mischen ordentlich mit. Manch ein Kirchenmann mag dieses Treiben an einem hohen kirchlichen Feiertag nur ungern sehen. Fest steht: Es geht schon seit Jahrhunderten so.

Wieso feiern wir den Vatertag?

Genau weiß es vermutlich niemand. Immerhin gibt es verschiedene Erklärungsversuche:

Jesus kehrt zu seinem Vater zurück

Ein Mosaik im Markusdom in Venedig zeigt die Himmelfahrt Christi.
Ein Mosaik im Markusdom in Venedig zeigt die Himmelfahrt Christi. Foto: Imago/Imagebroker
 

Am Himmelfahrtstag kehrt nach christlichem Verständnis Gottes Sohn zu seinem Vater in den Himmel zurück und nimmt „zur Rechten Gottes“ seinen Platz ein. „Wenn das kein Feiertag für Herren ist!“, mögen sich da einige Männer gedacht haben, denen das heidnische Brauchtum ihrer germanischen Vorfahren noch in den Knochen steckte. Bei den Germanen war es nämlich Sitte, einmal im Jahr zu Fuß um das Grundeigentum zu wandern, ansonsten wäre es nach damals geltendem Recht futsch gewesen. Der regelmäßig 40 Tage nach Ostersonntag wiederkehrende, planbare Himmelfahrtstag bot nun den Herren der Schöpfung einen guten Anlass, sich zuverlässig zu einem Rundgang um die heimische Scholle zu verabreden. Also fanden die traditionellen Flurbegehungen am Himmelfahrtstag statt. Und so ist es bis heute geblieben.

Die Apostel und das Weihwasser

Weihwasser wurde vermutlich irgendwann durch Alkohol ersetzt.
Weihwasser wurde vermutlich irgendwann durch Alkohol ersetzt. Foto: Imago/Karina Hessland
 

Eine andere Erklärung nimmt die fröhlichen Apostel-Prozessionen des Mittelalters in den Fokus: Gut gelaunte Christen erinnerten mit Fußmärschen an den Weg der Jünger Jesu zu dem Ort, an dem der Messias schließlich in den Himmel aufstieg. Gut möglich, dass dabei irgendwann irgendjemand das Weihwasser durch Alkohol ersetzte. Jedenfalls ging vielerorts der religiöse Bezug verloren. Das fröhliche Beisammensein trat in den Vordergrund.

Seltene Freizeit wurde in Rudeln genossen

Foto: Imago/Imagebroker
 

Viel später, in den Zeiten der Industrialisierung, blieb nicht mehr viel Raum für Feierlichkeiten. Den meisten hart schuftenden Fabrikarbeitern des 19. Jahrhunderts mag der Himmelfahrtstag in erster Linie wie ein „Geschenk des Himmels“ vorgekommen sein – ein freier Tag mitten in der Woche! Denn: Der 40. Tag nach Ostersonntag ist immer ein Donnerstag. Das Glück dieser seltenen Freizeit genossen die Männer in Rudeln, gern auch enthemmt und alkoholisiert. Findige Unternehmer witterten gute Geschäfte und luden zur Herrenpartie im Pferdefuhrwerk ein. Damit waren die sogenannten „Schinkentouren“ erfunden und erfreuten sich schnell großer Beliebtheit – vielleicht auch, weil Frauen dabei nicht zugelassen waren. Die Männer blieben unter sich.

Eine Erfindung aus Amerika oder Berlin?

 

Nirgendwo gab es im 19. Jahrhundert so viele alleinstehende, schlecht untergebrachte Männer wie in Berlin – und nirgendwo waren am Himmelfahrtstag mehr Herren unterwegs. So nimmt die Stadt heute für sich in Anspruch, Begründerin der modernen Herrentouren zu sein, die nach amerikanischem Vorbild mehr und mehr zu „Vatertagstouren“ wurden.

Im US-Bundesstaat Washington hatte nämlich eine junge Mutter namens Sonora Louise Smart Dodd eine Bewegung zur Ehrung von Vätern ins Leben gerufen. Ihrem Vater, William Jackson Smart, wollte sie ein Denkmal setzen. Er hatte nicht nur im Bürgerkrieg gekämpft, sondern nach dem frühen Tod seiner Frau auch sechs Kinder allein großgezogen. Als Sonora Dodd 1909 bei einer Sonntagspredigt vom gerade neu geschaffenen Muttertag in den USA hörte, kam ihr die Idee, einen solchen Tag auch zu Ehren der Väter einzuführen. Sie stieß auf offene Ohren. Bald feierten die Amerikaner Vatertag. Und dieser Vatertag ist in den USA bis heute ein jährlich festgeschriebener „Ehrentag“ am dritten Sonntag im Juni.

Vatertag in der DDR - wegen der Gleichberechtigung

 

Viele Länder haben diesen dritten Sonntag im Juni als Ehrentag der Väter übernommen. In Deutschland blieb es dabei: Die Herren gingen am Himmelfahrtstag auf Tour, nannten den Tag ab etwa 1930 aber „Vatertag“. Selbst als die DDR-Regierung 1967 Himmelfahrt als gesetzlichen Feiertag abschaffte, blieb es bei dieser lieb gewonnenen Tradition. Die Männer feierten sich unbeeindruckt weiter – schon allein der Gerechtigkeit wegen. Immerhin hatte die Regierung zu Ehren des weiblichen Geschlechtes inzwischen einen „Frauentag“ eingeführt.

Die Geschichte des Muttertags

Erich Honecker hielt 1984 anlässlich des Frauentags eine Rede.
Erich Honecker hielt 1984 anlässlich des Frauentags eine Rede. Foto: Imago/Stana

Am 8. März feierten die Bürger der DDR den Internationalen Frauentag. Die Damen bekamen Blumen und kleine Geschenke, ganz so wie die West-Mütter am Muttertag, am zweiten Sonntag im Mai – und doch völlig anders. Denn: Der politisch ausgerichtete Frauentag sollte die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern fördern, ganz im Sinne der deutschen Sozialistin Clara Zetkin.

Clara Zetkin war eine der bedeutendsten Vertreterinnen der proletarischen Frauen- und der Arbeiterbewegung, Sozialistin, Pazifistin, Kämpferin für das Frauenwahlrecht und Begründerin des Internationalen Frauentages.
Clara Zetkin war eine der bedeutendsten Vertreterinnen der proletarischen Frauen- und der Arbeiterbewegung, Sozialistin, Pazifistin, Kämpferin für das Frauenwahlrecht und Begründerin des Internationalen Frauentages. Foto: Imago/ITAR-TASS
 

Auf ihren Vorschlag hin war der Ehrentag nach der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz im August 1910 in Kopenhagen begründet worden. Allerdings hatte auch Zetkin von den USA abgeguckt: Dort war schon 1908 im Kampf um das Frauenstimmrecht ein Frauenkomitee gegründet worden, das sich für einen Frauenkampftag einsetzte. Der erste Protest 1909 war so ein Erfolg, dass die Idee in andere Länder überschwappte.

In der Weimarer Republik gab es bald sogar zwei Frauentage, die politische Dimensionen entwickelten: Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnabschlag wurden genauso laut wie die nach legalen Schwangerschaftsabbrüchen oder einer Absenkung der Lebensmittelpreise.

Solch fortschrittlich gleichberechtigtem Treiben machten die Nationalsozialisten ab 1933 ein Ende. Die Nazis betonten lieber den „Muttertag“, der sich nach 1914 – ebenfalls aus den USA kommend – nach und nach in der westlichen Welt verbreitete. Die Ehrung der Frauen als Mütter entsprach ihrem Ideal und dem Hang der Herrschenden, sich an antiken Vorbildern zu orientieren. Immerhin wurde auch bei den alten Griechen Rhea als Göttin von Fruchtbarkeit und Mutterschaft verehrt. Allerdings übersahen die Machthaber wohl, dass die Begründerin dieses modernen Muttertages, die US-Amerikanerin Anna Marie Jarvis, den zweiten Sonntag im Mai als Ehrentag mit pazifistischer Grundausrichtung durchgesetzt hatte.

Anna Marie Jarvis
Anna Marie Jarvis ist international anerkannt als die Begründerin des Muttertages. Foto: pi
 

Es war frustrierend für Jarvis: Missbrauch und Kommerzialisierung des Muttertages in vielen Ländern ließ sie zu einer Kämpferin für die Abschaffung des Muttertages werden. Sie verlor ihr ererbtes Vermögen und starb zwar hochbetagt, aber verbittert und verarmt.

Nach 1945 distanzierte sich in Deutschland auch die DDR von dieser Form der Mütter-Ehrung. Der Internationale Frauentag mit seiner politischen Forderung nach Gleichberechtigung gewann stattdessen an Gewicht. Er brachte den Frauen das Selbstverständnis, zur Arbeit zu gehen. Im Gegenzug wuchs bei den Männern allerdings kein Selbstverständnis, auf die gemeinsamen Kinder aufzupassen. So wurde der Staat mit seinen strategisch gesteuerten Betreuungseinrichtungen zu einem wichtigen Partner bei der Familienplanung.

In der Bundesrepublik blieb man dagegen beim traditionellen Frauenbild der sorgenden Hausfrau und Mutter. Der Muttertag war und ist bis heute in erster Linie ein gemeinsames Produkt verschiedener Wirtschaftsverbände. Mit Blumen und kleinen Präsenten lässt sich gutes Geld machen. Legendär wurde der Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, der 1982 in einem Interview mit den Worten zitiert wurde: „Meine Hochachtung unseren Müttern, die ein Leben lang ihre Pflicht getan haben, ohne zu protestieren.“

Helmut Kohl im Jahr 1982.
Helmut Kohl im Jahr 1982. Foto: Imago/Sommer
 

Frauenrechtlerinnen riefen danach dazu auf, diesen Missstand des „Nichtprotestierens“ endlich zu beenden. Diese Forderung verlieh der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre neuen Schwung. Der Muttertag 1984 stand schließlich unter dem Motto „Nicht Blumen – Rechte wollen wir haben“. Rund 15.000 Frauen protestierten an diesem Tag in der Hauptstadt gegen den Rechtskurs der Bundesregierung und für mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Heute stehen in der Bundesrepublik Frauentag, Muttertag und Vatertag gleichberechtigt nebeneinander. Politische Wirkung entwickelt keiner dieser Ehrentage, aber alle zusammen sind sie Anlass innezuhalten: Was bedeuten uns Mutter und Vater, und welche Wertschätzung bringen wir den Menschen entgegen, die uns in die Welt gebracht haben?

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