Tödlicher Messerstich in Flensburg : Urteil im Mert-Can-Prozess erwartet: Chronologie eines undurchsichtigen Falls

Der Mordfall hat ganz Flensburg erschüttert: Der 20-Jährige Mert Can wurde am Ostersonntag nach einem Partyabend getötet. Offenbar ging dem Mord eine längere Fehde voraus. 
Der Prozess stieß auf großes Interesse in Flensburgs Bevölkerung. Im Februar wurde die Öffentlichkeit bis zum Urteil von dem Prozess ausgeschlossen.

Mert Can wurde mit dem Messer vor seinem Elternhaus erstochen. Welcher der Hauptangeklagten zugestochen hat, ist unklar.

shz.de von
06. Juli 2018, 06:13 Uhr

Am Freitag wird ein Urteil im Fall Mert Can erwartet. Der zur Tatzeit 20-jährige Mert Can Altunbas wurde im letzten Jahr in der Nacht zu Ostersonntag, 16. April 2017, mit zwei Messerstichen vor seinem Elternhaus getötet. Die beiden Cousins I. und R. stehen als tatverdächtige Mörder vor Gericht. Einer von ihnen soll Mert Can erstochen haben.

shz.de fasst den Fall und alle wichtigen Erkenntnisse noch einmal zusammen:

Was geschah vor der Tat?

Schon lange vor dem Tatabend sollen beide Parteien sich des Öfteren beleidigt und bedroht haben. Auch unter Einbindung von Angehörigen der Beteiligten sollen Drohungen geäußert worden sein. Diese seien aber im Grunde nur Nichtigkeiten gewesen, die in keinem rechten Verhältnis zu der darauffolgenden gewalttätigen Eskalation gestanden hätten, erklärt Thorkild Petersen-Thrö, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Aus der Auswertung vieler Beiträge in den sozialen Medien schlussfolgert die Staatsanwaltschaft, dass die beiden mutmaßlichen Täter das Todesurteil über Mert Can schon längere Zeit vor der Tatnacht gefällt hätten.

Was führte zu der Auseinandersetzung?

In einem Flensburger Lokal sollen Mert Can und der verdächtigte spätere Mittäter wegen einer Frau aneinandergeraten sein. Den mutmaßlichen Mittäter schien die Auseinandersetzung so aufgebracht zu haben, dass er seinen Cousin auf dessen Arbeitsstelle kontaktiert und zur Racheaktion überredet haben soll.

Zwei bis drei Stunden später soll ein mit fünf Personen besetzter Wagen in den Flensburger Stadtteil Klues unterwegs gewesen sein, wo das Opfer mit seinen Eltern wohnte.

Kam es unmittelbar vor der Tat zu einer Morddrohung?

Bevor sie ihr Opfer aufsuchten, hatten die mutmaßlichen Täter anscheinend eine E-Mail mit einer Morddrohung an Mert Can versandt, welche dieser wahrscheinlich nicht gelesen hatte.

Was passierte vor dem Elternhaus von Mert Can?

Die beiden 20-jährigen Cousins R. und I. sollen Mert Can in der Nacht zu Ostersonntag in seinem Elternhaus aufgesucht haben. Als dieser die Tür öffnete, soll einer der Cousins das Opfer mit zwei tödlichen Stichen in den Bauch verletzt haben und dabei wichtige Organe getroffen haben. Mert Can erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Was ist über den Mitangeklagten R. bekannt?

Am ersten Prozesstag, am 25. September, gab R. zu Protokoll, dass es nach seiner Überzeugung I. war, der das Messer führte. R. entschuldigte sich bei den Angehörigen von Mert Can. Er sei lediglich Komplize gewesen. So habe er sich zumindest der Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht, selbst wenn er an der Tat nicht aktiv beteiligt gewesen sein sollte. Er habe billigend in Kauf genommen, dass I. zuvor erfolgte Drohungen in die Tat umsetzen würde.

Was ist über den Hauptangeklagten I. bekannt?

Am zweiten Prozesstag, am 4. Oktober, beschuldigte I. seinen Cousin R. den Mord begangen zu haben und entschuldigte sich ebenfalls bei der Familie des Opfers. I. erzählte die Geschichte, die sein Komplize R. schon am ersten Verhandlungstag erzählt hatte, nur anders herum. In dieser neuen Version sei R. wegen Mert Can in Rage gewesen und habe die Tat begangen.

Was ist über den Hauptzeugen E. bekannt?

Am 9. Oktober gab der Hauptzeuge E. an, sich nicht an Details aus der Tatnacht erinnern zu können. Der Zeuge habe in der Mordnacht auf dem ehemaligen Aldi-Parkplatz am Kupfermühlenweg auf die Rückkehr der beiden Angeklagten gewartet. Die Cousins I. und R. hatten den Fahrer nach Klues dirigiert. Auch am 2. November wusste er während einer achtstündigen Befragung auf viele Fragen keine Antwort.

Gibt es eine Einflussnahme Dritter?

Die Prozessbeteiligten fragen sich, woher die Gedächtnislücken des Zeugen kamen. Kammervorsitzende Birte Babener sprach direkt das Thema Einflussnahme Dritter an. Immerhin: Der Zeuge saß bei seiner Befragung direkt vor dem „schwarzen Block“ der Mert Can-Freunde. Seitlich rechts von ihm saß eine der unversöhnliche Nebenklägerinnen (Mutter und Schwester von Mert Can), die so emotional auf das Prozessgeschehen reagierte, dass sie einen Ordnungsruf vom Richtertisch kassierte. Eine aktuelle Sprachnachricht, die auf dem Smartphone des Zeugen vorgespielt wurde, war auch nicht ermutigend. Alles Mörder sind – für den nicht genannten Absender – auch jene, die auf dem nächtlichen Parkplatz „nur“ im Auto saßen.

Und schließlich ist da noch der Hauptangeklagte, der kein Interesse daran haben kann, mit der Tatwaffe in Verbindung gebracht zu werden. I. hätte Zeit gehabt, Dinge zu beeinflussen. In der U-Haft verfügte er zeitweilig über ein unentdecktes Handy.

Warum wurde die Öffentlichkeit bis zum Urteil von dem Prozess ausgeschlossen?

Im Februar wurde die Öffentlichkeit von dem Prozess ausgeschlossen. Das hat nichts mit den emotional geladenen Zuschauern zu tun, sondern ist den Persönlichkeitsrechten der beiden Angeklagten I. und R. geschuldet. Erst die Urteilsverkündung soll wieder öffentlich sein.

Da psychologische Aspekte der beiden Angeklagten eine Rolle gespielt haben können, wurden psychiatrische Gutachterinnen hinzugezogen. Die folgenden Verhandlungen berühren den schutzwürdigen persönlichen Bereich der Angeklagten in einem solchen Maß, dass die Öffentlichkeit sowohl von den Verhandlungen als auch von den Plädoyers ausgeschlossen werden musste.

Weiß man inzwischen, wer zugestochen hat?

Nach wie vor beschuldigen sich die beiden Hauptangeklagten gegenseitig. Nach bisherigen Erkenntnissen kann die Täterschaft keinem der beiden Angeklagten nachgewiesen werden, da es auch keine Zeugen gibt, die sich unmittelbar am Tatort aufhielten.

Worauf wird plädiert?

Die Staatsanwaltschaft hatte für den mutmaßlichen Hauptangeklagten I. eine Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten wegen Mordes gefordert, für seinen Komplizen fünf Jahre Jugendstrafe.

Die Verteidiger der beiden Hauptangeklagten I. und R. plädieren auf Freispruch.

Martin Unger und Thomas Bliwier, die Verteidiger von I. plädierten auf Freispruch, weil keinem der beiden Angeklagten die Täterschaft nachgewiesen werden konnte.

Bernhard Mussgnug, Verteidiger des Angeklagten R., erklärte, sein Mandant habe die tödlichen Stiche nicht geführt und die Dimensionen der unmittelbar durch I. begangenen Tat nicht geahnt.

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