Vor 70 Jahren : Untergang der „Gustloff“: Flucht in den eisigen Tod

Die „Wilhelm Gustloff“ sank am 30. Januar 1945. Viele Kinder kamen ums Leben.
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Die „Wilhelm Gustloff“ sank am 30. Januar 1945. Viele Kinder kamen ums Leben.

9000 Menschen starben, als ein sowjetisches U-Boot 1945 das deutsche Flüchtlingsschiff versenkt. Ein Kriegsverbechen war es nicht.

shz.de von
28. Januar 2015, 13:54 Uhr

Die Ostsee ist rau an jenem 30. Januar 1945, das Thermometer zeigt 18 Grad Celsius unter null. Die „Wilhelm Gustloff“ kämpft sich durch die grauen Wellen. Das Schiff ist völlig überladen, mehr als 10.000 Menschen drängen sich an Bord. Rund 8000 von ihnen sind Flüchtlinge vor der vorrückenden Roten Armee, überwiegend Frauen und Kinder.

Seit Mitte Januar herrscht strenger Frost in Ostpreußen. Der Boden trägt nun das Gewicht der Panzer. Die Kommandeure der Roten Armee lassen angreifen. „Wir werden uns rächen für die in den Teufelsöfen Verbrannten, für die in den Gaskammern Erstickten, für die Erschossenen und Gemarterten“, erklärt Oberbefehlshaber Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow. Am 26. Januar erreichen die Sowjets bei Tolkemit das Frische Haff. Ostpreußen ist vom Rest des Reichs abgeschnitten. Der ostpreußische NS-Gauleiter Erich Koch hatte eine Evakuierung des Gebiets verhindert.

In langen Trecks ziehen die Ostpreußen an die Küste. Die deutsche Marine bringt viele Flüchtlinge in westpreußische Zwischenstationen wie Gotenhafen, dem heutigen Gdynia. Es soll weiter nach Westen gehen – auf Schiffen wie der „Gustloff“, einst ein Kreuzfahrtschiff der NS-Organisation „Kraft durch Freude“.

Gegen 12.30 Uhr legt die „Gustloff“ ab. Sie hat vier Kapitäne: Der Kommandant Friedrich Petersen hat sich zwei Kollegen zuteilen lassen, weil er einen solchen Pott schon länger nicht gesteuert hat. Außerdem ist ein Kapitän der Kriegsmarine an Bord, denn das Schiff dient seit Kriegsbeginn als Truppentransporter und Wohnschiff für U-Boot-Kadetten.

Die vier sind sich uneins über den Kurs. Entweder entlang der Küste durch flaches Gewässer oder weiter draußen, wo feindliche U-Boote operieren können. Schließlich einigen sich die „Gustloff“-Kommandeure darauf, weiter hinaus auf die Ostsee zu fahren – ihr Schiff ist zu schwer beladen. Zwei Torpedoboote begleiten das Schiff, später dreht eines von ihnen ab.

Um der Aufmerksamkeit der sowjetischen U-Boote zu entgehen, fährt das Schiff verdunkelt. Die Kapitäne erhalten jedoch gegen 18 Uhr einen angeblichen Funkspruch der Marine. Sie sollen ihre Positionslichter setzen, weil ihnen ein Minensucher entgegenkomme.

Bis heute weiß man nicht, ob dieser Funkspruch tatsächlich den ausdrücklichen Befehl zur Beleuchtung enthielt. „Es ist schwer, das nachvollziehen“, erklärt Wilhelm Knöß vom Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven, „die Dokumentation ist lückenhaft.“

Aber die Besatzungen von Militärschiffen seien ja schon jahrelang im Krieg gewesen und geübt darin, unbeleuchteten Schiffen auszuweichen, gibt Knöß zu bedenken. Er hält daher die Version für am wahrscheinlichsten, wonach die Kapitäne die Lampen eigenverantwortlich einschalteten. Ein Fehler. Anderthalb Stunden lang fährt die „Gustloff“ beleuchtet, ohne dass ein Schiff entgegenkommt. Die Kapitäne schalten die Lampen wieder aus.

Aber da hat Alexander Marinesko sie längst entdeckt. Der Kommandant des sowjetischen U-Boots „S 13“ ist um 21 Uhr bereits auf 700 Meter an das deutsche Schiff herangekommen. Um kurz nach 21 Uhr lässt Marinesko vier Torpedos abfeuern. Eines der Geschosse, auf ihm steht „Für Stalin“ geschrieben, bleibt im Rohr stecken. Die anderen drei schlagen um 21.16 Uhr im Rumpf der „Gustloff“ ein.

Sofort bricht Panik an Bord aus. „Man muss sich vorstellen, dass im selben Moment 10.000 Menschen gleichzeitig nach oben wollten“, erinnerte sich der Überlebende Heinz Schön, damals 18 Jahre alt, „die Leute, die gefallen waren, konnten nicht mehr aufstehen“. Viele Flüchtlinge sind unter Deck eingesperrt.

Wer kann, eilt zu den Rettungsbooten. Aber von denen gibt es zu wenige – die „Gustloff“ ist nur für rund 2000 Menschen ausgelegt. Einige derer, die es in die Boote geschafft haben, schlagen auf die Hände jener, die verzweifelt versuchen, noch an Bord zu kommen – so berichten es später Augenzeugen.

Um 22.15 Uhr verschwindet die „Gustloff“ in den eisigen Fluten der Ostsee. Die exakte Zahl der Opfer ist unbekannt, weil niemand weiß, wie viele Flüchtlinge genau an Bord waren. Wahrscheinlich sterben rund 9000 Menschen, viele davon Kinder. Gerade 1239 Überlebende fischen herbeieilende deutsche Schiffe aus dem Wasser.

Der in Danzig geborene Schriftsteller Günter Grass thematisierte die Wilhelm Gustloff und ihren Untergang 2002 in seiner Novelle „Im Krebsgang“. Zum 70. Jahrestag zeigt das Lübecker Grass-Haus, wie zeitgenössische Künstler aus Polen, Russland, Deutschland und Schweden die Katastrophe sehen.

Bis heute hält sich hartnäckig die Behauptung, die Versenkung der „Gustloff“ sei ein Kriegsverbrechen gewesen. „Das war es eindeutig nicht“, sagt Knöß. „Das Schiff war nämlich kein reines Flüchtlingsschiff, sondern hatte auch das militärische Kommando der U-Boot-Flotille an Bord.“ Außerdem sei es im Geleit von Kriegsschiffen gefahren.

Nur zehn Tage nach der Gustloff-Katastrophe sinkt die „Steuben“, rund 4000 Flüchtlinge sterben. Am 16. April torpediert das sowjetische U-Boot „L 3“ die „Goya“, 7000 Menschen überleben den Angriff nicht. „Diese Schiffe fuhren alle auch im Geleit“, sagt Knöß.

Das Versenken ohne vorherige Warnung sei durch das Kriegsrecht gedeckt gewesen. Die deutschen U-Boote, betont er, hätten das ebenso gehandhabt.

Das Lübecker Günter Grass-Haus zeigt noch bis 27. September die Ausstellung „War eigentlich ein schönes Schiff“ – Eine Ausstellung zur Novelle „Im Krebsgang“ von Günter Grass. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr, ab 1. April: Montag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 3 Euro.
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