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Schleswig-Holstein

16. Dezember 2017 | 18:15 Uhr

Kommentar : Unfall-Tourismus

vom

Die moderne Informationsgesellschaft hat sich nicht mehr im Griff – viele Menschen sind verantwortungslos. Ein Kommentar von Jürgen Muhl.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2014 | 07:24 Uhr

Ein 14-jähriges Mädchen wird in Hamburg überfallen und mit Schlägen schwer verletzt. Mehrere Augenzeugen beobachten die Szene. Statt zu helfen oder Hilfe zu holen, greifen die Passanten zum Handy und fotografieren.

In der Nähe von Kappeln stirbt ein Motorradfahrer noch an der Unfallstelle. So genannte Gaffer drücken auf den Auslöser, stellen das Foto auf Facebook und die Eltern erfahren auf diesem Weg vom Tod ihres Sohnes. Grausam. Einfach schrecklich.

Die moderne Informationsgesellschaft hat sich nicht mehr im Griff. Es ist längst nicht mehr Sache der Medien selbst, ob im Print oder elektronisch, über Ereignisse zu berichten. Professionelle Abwägungen, ob umgehend berichtet werden sollte oder später, oder auch gar nicht, spielen beim zufällig vorbeikommenden Gaffer keine Rolle. Dies mag einerseits eine leidige Konsequenz der unaufhaltsamen technischen Weiterentwicklung sein. Andererseits zeigt dieser immer mehr zunehmende Unfall-Tourismus aber auch, dass viel zu viele Menschen in verantwortungsloser Manier ihrer Neugier nachgehen.

Rund zehn Prozent der Unfallopfer könnten noch leben, wenn jeder am Unfallort erste Hilfe leisten würde, wie aus einer Untersuchung des Roten Kreuzes hervorgeht. Ist doch die Versorgung von Verletzten in den ersten Minuten nach einem Unfall besonders wichtig. Dazu passt, dass angeblich 25 Prozent der Erwachsenen nicht einmal die europaweit gültige Rufnummer 112 kennen.

Es ist schon beschämend, wenn Menschen eher zum Foto-Handy greifen als Menschenleben zu retten. Unterlassene Hilfestellung ist strafbar. Es kommt nur nicht häufig genug zur Anzeige.

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