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Neue Zertifizierungsregel : Umweltschutz bremst Holz-Handwerk aus – 3100 Betriebe in SH betroffen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Innung im Norden schlägt Alarm: Eine neue Regel für die Vergabe öffentlicher Aufträge könnte kleinere Betriebe belasten.

shz.de von
erstellt am 29.Mär.2016 | 19:51 Uhr

Kiel | Das Handwerk in Schleswig-Holstein ist von kleinen und mittelständischen Betrieben geprägt. Doch bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen könnten diese in Zukunft leer ausgehen – oder sich von vornherein nicht mehr beteiligen, wenn Holz mit im Spiel ist. Den Grund liefert das Bundesumweltministerium in Berlin.

Allein in Schleswig-Holstein trifft die Neuregelung rund 3100 Betriebe mit Tischlern, Zimmerern und Dachdeckern. Dahinter stehen gut 15.000 Beschäftigte.

Bislang sahen die Regeln für die Vergabe öffentlicher Aufträge vor, dass nur zertifiziertes Holz verwendet werden darf. Handwerksbetriebe mussten dies über die Vorlage der Einkaufsrechnung nachweisen. Gereicht hat Berlin das wohl nicht. Zumindest nicht dem Umweltministerium. Dieses hat – offenbar ohne Abstimmung mit anderen beteiligten Ministerien – eine Verordnung für die Vergabe öffentlicher Aufträge verschärft. Künftig muss nicht mehr nur das Holz, sondern auch gleich noch der jeweilige Handwerksbetrieb selbst – als Endverbraucher und letztes Glied der Lieferkette –, durch Umweltschutz- und Nachhaltigkeits-Initiativen wie FSC („Forest Stewardship Council“) oder PEF („Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“) zertifiziert werden.

Die Innungen sind in Sorge: Mit dieser Ausweitung auf die Handwerker treibt es die Politik aus Sicht der Tischler-Innung zu weit. „Wenn das bis zum Holzhändler nachzuvollziehen ist, dann muss das reichen“, sagt Falk Schütt, Geschäftsführer der Tischler-Innung Nord. „Kein Tischler wird selbst Holz aus Malaysia importieren.“

Nach Schütts Angaben könnten sogar Maler betroffen sein – nämlich dann, wenn sie Raufaser-Tapeten verwenden, die unter entsprechende Zertifizierungsregeln fallen. „Man kann alles überdrehen“, sagt Schütt. Im Ergebnis dürften öffentliche Ausschreibungen in Zukunft für viele Betriebe Tabu sein – angesichts von Zertifizierungs-Kosten im vierstelligen Bereich und Dokumentationspflichten. „Wir befürchten, dass viele kleinere Betriebe gar keine Angebote mehr bei Ausschreibungen abgeben“, so Schütt.

Ob sich die Landesregierung dem Vorschlag anschließt und die Vorgaben für Ausschreibungen bei Land und Kommunen übernimmt, ist offen. Als Antwort auf eine Kleine Anfrage des wirtschaftspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion, Johannes Callsen, heißt es, dass die Landesregierung dies prüfen werde. Der Abgeordnete appelliert daher an Kiel, „überflüssige Bürokratie für das Handwerk auszuschließen und das neue Verfahren des Bundes bei der Vergabe öffentlicher Aufträge nicht anzuwenden“.


Kommentar: Die neuen Regeln helfen den Wäldern nicht - es sind Zertifizierungen ohne Sinn und Ziel

Die Bundesregierung meint es vermutlich nur gut, wenn sie verlangt, dass sich Handwerksbetriebe zertifizieren lassen. Schließlich will sie damit verhindern, dass bei öffentlich ausgeschriebenen Aufträgen am Ende illegal geschlagenes Holz verwendet wird. Ein wohlgemeintes Ansinnen. Nur schießt sie damit über das Ziel hinaus. So müssen Handwerksbetriebe bereits heute nachweisen, dass sie zertifiziertes Holz verwenden. Und mehr noch: Illegal gefälltes Holz – das also nicht zertifiziert wurde und dessen Herkunft unklar ist – darf noch nicht einmal in die EU eingeführt werden.

Indirekt wird also mit den neuen Regeln den fast ausschließlich mittelständisch geprägten Handwerksbetrieben – nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern bundesweit – unterstellt, dass sie auf eigene Faust Hölzer in Nigeria, Malaysia oder anderen Ländern schlagen und auf geheimen Wegen in die EU schmuggeln lassen.

Dies ist nicht nur absurd, es blendet die eigentlichen Probleme beim Raubbau in den Wäldern in Südamerika, Afrika und Asien vollkommen aus. Schließlich findet ein Großteil der illegalen Rodungen nicht mehr für die wertvollen Hölzer statt, sondern um Platz zu schaffen – für Soja- und Palmöl-Anbau sowie Tierhaltung. Drastisch formuliert: Edle Hölzer sind bestenfalls noch ein Abfallprodukt von ganz anderen kriminellen Machenschaften.

Nicht die Importe von illegalem Holz aus Tropen-Ländern sind also das Problem, sondern die Einfuhr diverser pflanzlicher und tierischer Produkte, deren Herstellung erst durch illegalen Holzeinschlag ermöglicht wurden. Studien zeigen, dass Deutschland eines der Hauptländer in der EU ist, aus dem diese Produkte nachgefragt werden. Hier muss die Politik also mit dem Zertifizierungs-Regime ansetzen. Das würde helfen. Mittelständische Handwerksbetriebe mit immer neuen Regeln zu belasten, hilft hingegen allenfalls einer Handvoll großer Baukonzerne – doch gewiss nicht den Regenwäldern dieser Erde.

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