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Serie "Mörderischer Norden" : Überraschendes Geständnis von zweitem Mord

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Weil er sich gedemütigt und ignoriert fühlt, tötet ein junger Dithmarscher zwei Menschen. Er wollte "auch endlich einmal Macht haben".

shz.de von
erstellt am 19.Mär.2012 | 09:25 Uhr

Weselburen | Es ist Mittwoch, der 4. August 2004. Sandra C. verlässt gemeinsam mit Freunden das Schulzentrum von Wesselburen (Kreis Dithmarschen). Um 23.30 Uhr verabschiedet die 15-Jährige sich vom Rest der Gruppe. Sie will nach Hause. Es ist das letzte Mal, dass Sandra lebend gesehen wird.
Einen guten Monat später, am 10. September 2004, wird an der Bundesstraße 5 in Oldenswort (Kreis Nordfriesland), 25 Kilometer von Wesselburen entfernt, eine fast skelettierte Leiche gefunden. Die Obduktion ergibt: Es ist Sandra C. Und: Das Mädchen war schwanger.
Die Mordkommission beginnt mit den Untersuchungen. Schnell gerät der Lebensgefährte von Sandras Mutter in den Fokus. Sönke J. wird festgenommen. Er gesteht, das Kind drei Jahre zuvor dreimal sexuell missbraucht zu haben. Dafür wird er vom Landgericht Itzehoe im Februar 2005 zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Doch es bleiben Zweifel: Im März desselben Jahres ordnet die Mordkommission daher die Exhumierung von Sandras Leiche an. Sie wird erneut von der Rechtsmedizin untersucht, weil die Ermittler auf DNA-Spuren des Stiefvaters hoffen - ohne neue Erkenntnisse.
Der nächste Tote
Ziemlich genau zwei Jahre später, am 22. August 2006, wird in Wesselburen wieder ein Mensch ermordet. Mitten auf einer einsamen Landstraße. Diesmal ist es ein Mann. Dirk W., 41, Erntehelfer. Er wird tot in seinem Wagen gefunden, mit mehreren Schüssen in Kopf und Hals.
Die Spuren am Tatort führen die Ermittler zu Stefan B. Der 21-Jährige gibt zu, Dirk W., einen ihm unbekannten Autofahrer zunächst ausgebremst und dann getötet zu haben. Aus Frust.
Ein Kumpel hatte ihn zuvor wegen seines getunten Golfs aufgezogen. Als ihn dann auf dem Heimweg Dirk W. überholt, brennen bei dem jungen Mann die Sicherungen durch. Er rast ihm hinterher, überholt, bremst ihn aus und zwingt den Erntehelfer zum Anhalten. "Er sollte mich nicht einfach stehenlassen", begründet B. sein Handeln später.
Mit einer Neunmillimeter-Pistole in der Hand steigt B. aus seinem Auto aus. Er steht nur noch etwa einen Meter von W.’s Wagen entfernt, als dieser ihm durch das geöffnete Fenster zuruft "Geh weg mit deinem Spielding" und den Rückwärtsgang einlegt. "Da habe ich abgedrückt", sagt B. "Erst ein Mal. Und als er zur Seite kippte noch drei Mal." Vor Gericht erklärt der 21-Jährige später: "Ich wollte, dass er stirbt."
Überraschendes Geständnis
Womit die Kriminalbeamten nicht gerechnet haben: Stefan B. gesteht nicht nur den Mord an Dirk W., sondern auch die Tötung von Sandra C. Der Grund: Sie habe ihn "gedemütigt". Er habe, berichtet B. weiter, das Mädchen unter einem Vorwand abgefangen, in sein Auto gelockt und sei mit ihr auf einen Feldweg gefahren. Dort habe er "ihr den Hals gestreichelt. Sandra sagte: ,Was soll das jetzt?’" Daraufhin habe er geantwortet: "Lass dich überraschen." Und dann habe er zugedrückt. Anschließend habe er die Leiche an Busen und Scham befummelt.
Vor Gericht betont die Verteidigerin des 21-Jährigen: "Ohne sein Geständnis wäre die Tat nie aufgeklärt worden." Sie fordert, dass ihr Mandant vor einer Haftstrafe in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden müsse, um die "Fehltritte schnellstmöglich zu korrigieren". Sie geht in beiden Fällen von Totschlag aus und plädiert zudem für die Anwendung des Jugendstrafrechts sowie eine Haftstrafe von "deutlich unter zehn Jahren".
Die Staatsanwaltschaft hingegen fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen zweifachen Mordes, da die Taten aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen begangen worden seien. "Die ganze angestaute Wut und der Frust mussten raus", hat der Angeklagte Stefan B. seine Taten vor Gericht begründet. Und: "Ich wollte auch einmal Macht haben, auch mal stark sein." Er selbst sei immer wieder gedemütigt und ignoriert worden.
Der ignorierte Außenseiter vor Gericht
Stefan B. präsentiert sich vor Gericht als schüchterner Außenseiter. In der Familie habe es ständig Streit gegeben; schon im Kindergarten sei er gehänselt und verprügelt worden, in der Schule hätten die Lehrer sich nicht um ihn gekümmert. Auch hätten die Mädchen ihn links liegen lassen. "Das hat mit innerlich gestört." Mit seinem 150-PS-Golf hoffte Stefan B. auf Anerkennung. Stattdessen erntete er nur Spott. Seinen Frust habe er mit Computerspielen abreagiert.
In einer solchen Stimmung habe er Sandra C. in sein Auto gelockt - einen Tag zuvor hatte die 15-Jährige den 21-Jährigen zurückgewiesen. Er fuhr mit ihr auf den Feldweg, angeblich, um sie auszusetzen, wie er vor Gericht erzählt. Um "es ihr endlich heimzuzahlen, dass sie das nicht so einfach mit mir machen kann". Dann aber sei er auf den Rücksitz hinter sie geklettert, habe ihr den Hals gestreichelt und sie schließlich erwürgt. Dann sagt er noch: "Es hätte jede sein können." Auch dass er das Mädchen anschließend noch befummelte, erklärt der junge Mann dem Gericht: "Ich hatte die Chance, sie konnte sich nicht wehren."
Am 21. März 2007 verurteilt das Landgericht Itzehoe Stefan B. wegen Mordes und Verstoßes gegen das Waffengesetz zu 15 Jahren Haft. Dem 21-Jährigen wird zusätzlich, wie von Staatsanwaltschaft und Verteidigung gefordert, eine Therapie in einer psychi atrischen Klinik verordnet. Damit bleibt das Gericht deutlich unter der von der Staatsanwaltschaft geforderten lebenslangen Freiheitsstrafe. Da der Angeklagte einem Gutachten zufolge psychisch krank ist, stellt das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit fest.

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