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Konkurrenz mit Mecklenburg-Vorpommern : Tourismus in SH: Der echte Norden holt auf

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Neue Konzepte in Schleswig-Holstein zeigen Wirkung. Und das Bundesland hat Chancen, Mecklenburg-Vorpommern einzuholen.

Kiel | Eine Ewigkeit lang galt es als Traum – jetzt zeichnet sich ab, dass er wahr werden kann: Schleswig-Holstein hat ernsthafte Chancen, seinen Tourismus-Rivalen Mecklenburg-Vorpommern einzuholen. 2015 verzeichnete der Konkurrent zwar noch 2,38 Millionen Übernachtungen mehr als Schleswig-Holstein mit 26,35 Millionen. Doch während das nördlichste Bundesland seit 2013 satte Wachstumsraten hinlegt, konnte der östliche Nachbar nur noch sehr bescheidene Zuwächse hinlegen. Nun ist dort auch noch die Landestourismuskonzeption ohne Nachfolger ausgelaufen – während Schleswig–Holstein seit einem Jahr mit einer frischen Strategie Schlagkraft beim Werben um Gäste mobilisiert.

Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die nördlichen Bundesländer. SH bemüht sich daher, sich für Reisende attraktiv darzustellen.

Nach der Wende war Mecklenburg-Vorpommern Schleswig-Holstein langsam, aber sicher davongaloppiert. Vor allem massiv geförderte nagelneue Quartiere, Infrastruktur und frisch sanierte Ortsbilder übertrumpften das damals angestaubte Schleswig-Holstein. Doch jetzt das: Der „echte Norden“ fuhr bei den Übernachtungen 2013 ein Plus um 1,3, im Jahr 2014 um 6,2 und 2015 um 2,8 Prozent ein. „Meck-Pomm“ hingegen erreichte in denselben Jahren nur noch 0,8, zwei sowie 2,6 Prozent mehr. Noch viel deutlicher führt Schleswig-Holstein beim Zugewinn der Gästeankünfte: 2013 plus drei, 2014 plus 6,8 und 2015 plus vier Prozent. Für „Meck-Pomm“ hingegen dokumentiert die amtliche Statistik nur noch 1,3, 2,4 und zwei Prozent. Noch hat es 493.000 Ankünften mehr.

„Wir haben eine Grundsättigung erreicht“, stellt der Geschäftsführer des Landestourismusverbands MV, Bernd Fischer, fest. „Das extensive Wachstum durch immer neue Beherbergungskapazitäten hat sein Ende erreicht. Wir wachsen jetzt qualitativ.“ In absoluten Zahlen sei ein Abstand zu Schleswig-Holstein ja noch da, beruhigt sich Fischer. Auch zeigt er sich optimistisch, dass sein Land als erstes die magische Schwelle von 30 Millionen Übernachtungen (2015: 29,45 Millionen) erreicht. Allerdings: „Natürlich gucken wir auf den Wettbewerb in Schleswig-Holstein“, sagt Fischer. „Aber wir gucken ebenso auf die positive Entwicklung der Ostsee-Anbieter Polen und Dänemark und ohnehin auf die in Bayern.“ Der Freistaat ist mit 88 Millionen Übernachtungen uneinholbar das touristisch bedeutendste Bundesland.

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD), der dem nördlichsten Bundesland in der neuen Tourismusstrategie ebenfalls das Ziel 30 Millionen Übernachtungen verordnet hat, frohlockt: „Die Entwicklung zeigt, dass sich Schleswig-Holstein nicht verstecken muss. Die Investitionen in die Modernisierung der touristischen Infrastruktur und neue Hotels zeigen nun messbare Effekte.“

Fischer betont: „Eine Lehre haben wir aus Schleswig-Holstein mitgenommen – liegt man in der Sonne, darf man es sich nicht zu lange gut gehen lassen. Die ersten kleinen Modernisierungswellen laufen bei uns bereits jetzt an“.

Für einen der führenden deutschen Urlaubsforscher ist es nicht überraschend, dass sich Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein beim touristischen Erfolg 25 Jahre nach dem Mauerfall einander annähern. „Hätte es schon in den 70er-Jahren keine DDR mehr gegeben, hätten Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein wohl bereits seitdem etwa gleichauf gelegen“, meint Professor Martin Lohmann, Leiter des Kieler Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT). Im Osten habe schlicht ein Wachstum nach einer historischen Ausnahmesituation sein natürliches Ende gefunden.

Lohmann rät, den Wettbewerb zwischen beiden Regionen „nicht überzubewerten“. Grund: „Beide sind ausgemachte Küstenregionen, und deshalb verbinde beide letztlich das gleiche Schicksal.“ Eine gute Nachricht für die zwei Nachbarn sei deshalb, „dass sich Küstenziele generell gegenüber dem Gebirge gut behaupten.“ Über die letzten zwei Jahrzehnte ließen sich in Gästebefragungen allmähliche Verschiebungen der Gunst Richtung Meer nachweisen. „Offenbar, weil die Gebirge eher als das Wasser mit Anstrengung assoziiert werden“, nimmt Lohmann an.

Ein Ruhekissen dürfe das jedoch keineswegs sein. Lohmann mahnt in beiden Ländern angesichts eines weltweiten Wettbewerbs zu weiteren Qualitätssteigerungen. „Wenn beide ihren hohen Anteil von Stammgästen behalten wollen, müssen beide Länder das positive Urlaubserlebnis im Vertrauten schaffen.“ Anders als Fernziele: „Nepal zum Beispiel punktet zum Beispiel schon deshalb mit einem hohen Erlebniswert, weil es da so ganz anders ist.“

Die Geschäftsführerin des Tourismusverband Schleswig-Holstein, Catrin Homp, will ebenfalls lieber über Gemeinsamkeiten statt über ein Gegeneinander zu Mecklenburg-Vorpommern reden: Homp macht an der Entwicklung der letzten Jahre „eine Attraktivierung der ganzen Küstenregion“ fest. Und „dass Urlaub an der Küste an sich wachse“, sei das Entscheidende. Andererseits räumt Homp auf Nachfrage ein: Zumindest in den letzten Jahren sei es für das nördlichste Bundesland „auch wichtig gewesen, einen Konkurrenten direkt nebenan zu haben – viele haben erst durch den Vergleich gesehen, dass es in Schleswig-Holstein einen Nachholbedarf gab und gibt“.

Für Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer ist es „kein Selbstzweck, höhere Übernachtungszahlen als unser Nachbarland zu erreichen. Wir streben eine touristische Entwicklung an, die zu unserem Land und den Menschen, die hier leben, passt“, sagt der SPD-Politiker und ehrenamtliche Präsident des Deutschen Tourismusverbands. 30 statt zuletzt 27 Millionen Übernachtungen pro Jahr, 30 Prozent mehr Bruttoumsatz sowie Platz drei aller Bundesländer bei der Gästezufriedenheit statt jetzt acht: Das sind allerspätestens bis 2025 die wirtschaftlichen Ziele der noch frischen schleswig-holsteinischen Tourismusstrategie. Meyer geht hingegen davon aus, „dass in Mecklenburg-Vorpommern die Zeiten ganz großer Wachstumsschübe der Vergangenheit angehören“. Er gibt indes zu bedenken, „dass wir nicht nur mit Mecklenburg-Vorpommern im Wettbewerb stehen, sondern mit vielen attraktiven Regionen weltweit“. Meyer hat vor seinem Wechsel nach Kiel 2012 in der Schweriner Landesregierung unter anderem die dortige Tourismuspolitik koordiniert.

Potenzial für zusätzliche Beherbergungskapazitäten in Mecklenburg-Vorpommern sieht der Geschäftsführer des dortigen Landestourismusverbands, Bernd Fischer, am ehesten noch an der Mecklenburgischen Seenplatte, „gekoppelt vor allem mit Aktiv- Gesundheitsangeboten“.

Dass sein Land nach dem Auslaufen Ende 2015 aktuell über keine touristische Konzeption verfügt, will Fischer nicht als Hinweis auf eine ernsthafte Hängepartie verstanden wissen. Für eine Fortschreibung gebe es immerhin schon Grunduntersuchungen. Sie nehmen Ferienwohnungen, Camping und Wassertourismus in den Blick. Daraus lässt sich schließen, dass das Nachbar-Bundesland insbesondere auf diese Segmenten Kräfte verwenden wird. Fischer geht davon aus, dass eine neue Tourismuskonzeption Anfang 2017 steht.

Der oberste MV-Vermarkter möchte auch die „die Internationalität Mecklenburg-Vorpommerns stärken“ – also ebenso wie Schleswig-Holstein verstärkt ausländische Gäste ansprechen. „Um die Marke Ostsee international zu positionieren“, zum Beispiel im Kreuzfahrttourismus, arbeitet er mit Dänemark, Polen und dem Baltikum zusammen. „Es wäre gut, wenn sich hier auch Schleswig-Holstein aktiver einbringen würde“, wünscht sich Fischer.

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erstellt am 03.Apr.2016 | 18:26 Uhr

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