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Facebook-Profil des Ministerpräsidenten : Torsten Albig und die Schnecke vorm Auge

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zunächst herrschte Verunsicherung: Warum fehlt der Zusatz „Ministerpräsident für Schleswig-Holstein“ auf der offiziellen Seite Torsten Albigs bei Facebook? Und was hat die Schnecke auf seinem Profilbild zu suchen?

von
erstellt am 10.Sep.2014 | 16:45 Uhr

Flensburg/Lübeck/Kiel | Nanu, was ist mit Torsten Albig (SPD) passiert? Auf seiner offiziellen Facebookseite fand man bis vor kurzem noch den Zusatz „Ministerpräsident für Schleswig-Holstein“. Diese Ergänzung hinter seinem Namen ist nun verschwunden. Müssen wir uns etwa Sorgen machen? „Nein“, lautet die kurze und knappe Antwort von Albigs Pressesprecher Carsten Maltzan auf Nachfrage von shz.de. Warum der Zusatz entfernt wurde, müsse aber erst noch geprüft werden.

Fest steht, die alte Facebookseite ist nicht länger aktiv. Die über Google noch auffindbare Fanseite, ist auf Facebook verschwunden. 2251 Fans hatte die alte Seite. „Die Seite mit dem Zusatz war eine Unterstützerseite im Wahlkampf und wurde nun abgeschaltet“, erklärt Maltzan. Die neue Seite sei das umgewandelte ehemalige Profil Torsten Albigs und neue Fanpage.

 

Die alte Seite ist nicht länger auf Facebook auffindbar. Die neue Seite gibt es seit dem 30. August und ist die neue offizielle Fanseite des Ministerpräsidenten.
Die alte Seite ist nicht länger auf Facebook auffindbar. Die neue Seite gibt es seit dem 30. August und ist die neue offizielle Fanseite des Ministerpräsidenten. Foto: Screenshot/Google

Weitere Verwirrung: Erst kürzlich wurde das Profilbild auf der Seite von Torsten Albig geändert. Die kreative Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt ihn mit einer Schnecke vor dem linken Auge. Schnell stellte sich in der Redaktion die Frage: Was hat es mit der Schnecke auf sich?

 

Auf Facebook hält sich Torsten Albig eine Schnecke vor das Auge. Ein Foto mit Botschaft?
Auf Facebook hält sich Torsten Albig eine Schnecke vor das Auge. Ein Foto mit Botschaft? Foto: Screenshot/Facebook/Margret Witzke

Die Antwort ist relativ schnell erklärt: Das Foto wurde von der Lübecker Fotografin Margret Witzke geschossen. Es entstand bei der Neueröffnung der ständigen Ausstellung „Das Ungenaue treffen“ im Günter-Grass-Haus in Lübeck. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Museums und des 85. Geburtstags von Günter Grass im Jahr 2012, wurde das Haus komplett überarbeitet. Die neue Ausstellung zeigt seither das umfangreiche Werk des Schriftstellers. Sechs Jahrzehnte werden in den begrenzten Räumen dargestellt. Am 14. Oktober trafen sich mehr als 500 Gäste im Grass-Haus. Viele ließen sich an diesem Abend mit der Schnecke vor dem Auge ablichten, erklärt Jörg-Philipp Thomsa, Museumsleiter des Grass-Hauses in Lübeck. Das Motto damals: „Machen Sie sich Ihr eigenes Bild von Günter Grass!“ Über 700 Menschen nahmen danach über Facebook an der Aktion teil. „Viele Prominente und nicht Prominente haben damals mitgemacht. Unter anderem Helge Schneider oder auch Gerhard Schröder“, sagt Thomsa.

Die Schnecke hat dabei tiefere Bedeutung. Das Zitat: „Der Fortschritt ist eine Schnecke!“ stammt aus der Feder von Günter Grass. Er war in den 1960er-Jahren einer der prominentesten Wahlkämpfer für die SPD. Von 1965 bis 1969 zog er als Schriftsteller und SPD-Wahlkämpfer durch die Bundesrepublik. Seine Wahlkampfeindrücke schrieb Grass nieder. Im „Tagebuch einer Schnecke“ von 1972. Dort heißt es: „Nur wer den Stillstand im Fortschritt kennt und achtet, wer schon einmal, wer mehrmals aufgegeben hat, wer auf dem leeren Schneckenhaus gesessen und die Schattenseite der Utopie bewohnt hat, kann Fortschritt ermessen.“

Der Symbolgehalt hinter Torsten Albigs Profilbild bei Facebook ist also weit größer als zunächst angenommen. Auf der Günter-Grass-Austellung war der SPD-Mann jedoch nicht ohne Grund. Die Verbindungen zwischen Günter Grass und SPD Schleswig-Holstein reichen nämlich lange zurück: Im Landtagswahlkampf 1971 setzte er sich unter anderem mit Siegfried Lenz für die SPD und ihren Spitzenkandidaten Jochen Steffen ein. 2005 unterstützte Grass Heide Simonis im Wahlkampf.

Günter Grass und die Bedeutung der Schnecke

Grass kämpfte damals als Antikommunist gegen den ehemaligen Nationalsozialisten Kurt Georg Kiesinger und für seinen SPD-Freund Willy Brandt. Der Schriftsteller wehrt sich in seinem Tagebuch gegen alle, die ihn links oder rechts überholen wollen, denen der Fortschritt im Schneckentempo zu langsam ist. Das Schnecken-Tagebuch ist daher eine Absage. Eine Absage an die linken und rechten Randzonen der Gesellschaft. Grass unterstützte den gemäßigten Weg, den damals die SPD einschlug. Es ging darum, die kleinen alltäglichen Freuden als Fortschritt zu schätzen – und Fortschritt ist eben eine Schnecke. „Die Schnecke steht sinnbildlich für den Vorzug der politischen Reform statt der politischen Revolution“, sagt Jörg-Philipp Thomsa. Langsamer aber stetiger Fortschritt sei demnach das, wofür die Schnecke stehe.

 

Motiv von Günter Grass.
Motiv von Günter Grass. Foto:Screenshot/Google

Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt schrieb in seinen letzten Erinnerungen im Jahr 1988. „Von Grass stammt das Bild, dass die Schnecke den Fortschritt symbolisiere. Das konnte niemand von den Stühlen reißen und war doch eine sehr willkommene reformistische Wegbegleitung. Im Laufe der Jahre habe ich mit der Schnecke immer weniger anfangen können: In welche Richtung kriecht sie? Und weiß ich, wer sie zertritt? Jedenfalls war immer noch einmal zu lernen, dass es zwangsläufigen Fortschritt nicht gibt. Und dass zum geschichtlichen Prozess Rückschläge wie Sprünge gehören. Springen kann die Schnecke nun mal nicht.“

 
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