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Unwetter in SH und HH : Tornados: Gefahr erstmal vorüber - doch sie könnten vermehrt wiederkommen

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Meteorologe erklärt das Tornado-Phänomen. Klimaforscher Mojib Latif erwartet eine Zunahme wegen des Klimwandels.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2016 | 19:33 Uhr

Hamburg/Kiel | Es war eine wahre Tornado-Serie, die Schleswig-Holstein und wohl auch Hamburg in den vergangenen Tagen heimgesucht hat. Tornados können zwar immer wieder einmal auftreten, sagt Diplom-Meteorologe Adrian Leyser vom Deutschen Wetterdienst. Aber auch der Profi meint: „Die sowohl räumlich als auch zeitlich eng begrenzte Häufung über Schleswig-Holstein und nicht zuletzt auch die zum Teil atemberaubenden Foto- und Videoaufnahmen dürften doch einige überrascht haben.“

Die Tornados über dem hohen Norden Deutschlands waren kein Zufallsprodukt, sondern „ein Resultat ganz spezieller meteorologischer Bedingungen“, wie Leyser erklärt: Der aufgeheizte Boden, der für einen starken Temperatur-Unterschied in den verschiedenen Luftschichten sorgt, hohe Luftfeuchtigkeit und das Zusammenströmen von auf- und ablandigen Winden bildeten den perfekten Mix für einen sogenannten Typ-II-Tornado, der nicht zwingend aus einer großen, sich drehenden Gewitterwolke entstehen muss (wie der Typ-I-Tornado), sondern sich bei passenden Bedingungen relativ spontan bildet. „Sie treten immer Kleinräumig auf, wie bei aufsteigenden Luftblasen in einem Kochtopf bilden sich kleine Gewitterblasen – eine typische Situation im Sommer“, erklärt Andreas Friedrich, Tornado-Beauftragter des Deutschen Wetterdienstes.

<p>Andreas Friedrich ist Tornado-Beauftragter beim Deutschen Wetterdienst.</p>

Andreas Friedrich ist Tornado-Beauftragter beim Deutschen Wetterdienst.

Foto: Deutscher Wetterdienst
 

Zwar haben diese Wirbel nicht die Größe und Zerstörungskraft eines Typ-I-Tornados, aber dass auch sie nicht zu unterschätzen sind, zeigt das Unwetter von Dienstagabend in Hamburg. Immerhin: „Die Tornadogefahr ist für Schleswig-Holstein erst einmal vorbei“, sagt Friedrich. Nachdem eine Kaltfront durchgezogen sei und Schleswig-Holstein gestern zunächst unter einer Hochnebel-Schicht lag, erwarten die Meteorologen in den kommenden Tagen eher ruhiges und etwas kühleres Wetter. „Am Wochenende wird es wohl wieder wechselhaft, aber auch, wenn sich einzelne Gewitter bilden können, ist die Wetterlage eine ganz andere als zum Wochenbeginn“, sagt Friedrich.

Klimaforscher erwartet in Zukunft mehr Tornados

Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif erwartet eine Zunahme der Tornados in Deutschland. Die durchschnittliche Temperatur sei hier seit 1881 um 1,4 Grad angestiegen. Ein Grad Erwärmung erlaube der Luft, sieben Prozent mehr Wasser aufzunehmen.

Das sei latente Energie, die sich bei einem Gewitter entladen könne. „Wo es sehr viele Gewitter gibt, gibt es sehr viele Tornados“, sagte der Wissenschaftler am Mittwoch in Hamburg.

 

Daten zu Tornados in Deutschland gebe es kaum, räumte Latif ein. Für seltene Wetterereignisse seien die Wetterstatistiken noch schlechter. „Wir können den Einfluss des Klimawandels nicht nachweisen.“ Der Forscher wandte sich zugleich dagegen, diesen Einfluss deswegen reflexartig zu bestreiten. „Der Schluss immer, die Daten geben es nicht her, also gibt es diesen Einfluss nicht, der ist völlig falsch.“ Alle wissenschaftlichen Modelle besagten, dass die Extremwetterereignisse zunähmen, und zwar aufgrund des Klimawandels.

Für die Anpassung an die Klimaveränderung gibt es nach Ansicht von Latif Grenzen. „Wenn die Starkniederschläge so heftig ausfallen wie in den letzten Tagen, dann können Sie sich einfach nicht mehr anpassen.“ Die Menschen in Deutschland sollten dennoch lernen, mit Extremwetter umzugehen. Auch die Wettervorhersage stoße bei Tornados an Grenzen. „Tornados sind unvorhersagbar.“ Latif rief dazu auf, sich gegenseitig über eine Handy-App zu warnen.

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