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Interview mit Oberst Michael Krah : Tornado-Einsatz in Syrien: „Es ist wie nach dem Zweiten Weltkrieg“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Oberst Krah aus Jagel über den Tornado-Aufklärungseinsatz gegen den IS, die Folgen des Bürgerkriegs in Syrien und Grenzen des Geschwaders.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2016 | 10:25 Uhr

Incirlik | Oberst Krah, Sie haben in den vergangenen knapp fünf Monaten als Kommodore den Aufklärungseinsatz über Syrien und dem Irak geführt. Jetzt sind Sie frisch aus dem türkischen Incirlik zurück, wo die deutschen Tornados im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) stationiert sind. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Das Fazit ist nur positiv. In diesem Einsatz haben wir unter Beweis gestellt, dass wir in der Lage sind, in kürzester Zeit unser Geschwader zu verlegen und unsere Fähigkeiten der Luftaufklärung einer Allianz zur Verfügung zu stellen. Das war ein erheblicher Kraftaufwand. Ganz ohne Frage. Darauf können alle Beteiligten stolz sein. Was die Aufklärungsqualität angeht, haben wir mit unseren Tornados für neue Standards gesorgt. Das wurde uns mehrfach bestätigt.

Sie sind ein erfahrener Luftwaffen-Soldat. Haben Sie Erfahrungen machen müssen, die selbst Sie schockiert haben?
Nein. Das ist uns erspart geblieben. Wir hören natürlich, welche unglaubliche Grausamkeiten dort passieren. Die können wir auf unseren Momentaufnahmen aber nicht sehen. Die Bilder schockieren nicht, aber sie machen nachdenklich. Was wir sehen können, ist dieser unglaubliche Grad an Zerstörung – insbesondere in Syrien. Es gibt keine Straße mehr, die intakt ist. Sämtliche Brücken sind nicht mehr intakt. Wir haben Bilder aus Städten gesehen, in denen als Folge des Bürgerkrieges kein Stein mehr auf dem anderen steht. Aus meiner ganz persönlichen Sicht wird es noch Ewigkeiten dauern, dort wieder Normalität herzustellen – selbst wenn dieser Konflikt heute beendet würde. Wenn man den Leuten sagt: Jetzt habt ihr wieder Frieden, jetzt kehrt mal wieder zurück, muss man sich die Frage stellen: Wohin denn?

Haben Sie sich dieses Ausmaß vorstellen können?

Dieses Maß an Zerstörung hätte ich nicht erwartet. Das sind Bilder, die man sonst nur von Aufnahmen von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kennt.
 

„In manchen Städten steht kein Stein mehr auf dem anderen“: Luftbildaufnahmen wie diese von der syrischen Stadt Dayr az Zawr zeigen die unglaubliche Zerstörung.
„In manchen Städten steht kein Stein mehr auf dem anderen“: Luftbildaufnahmen wie diese von der syrischen Stadt Dayr az Zawr zeigen die unglaubliche Zerstörung. Foto: Bundeswehr
 


Bekommt man da noch mehr Verständnis für die Menschen, die flüchten?
Das ist auf alle Fälle so. Ich würde auch nicht haben wollen, dass meine eigene Familie in solchen Umständen leben muss. Derzeit gehören dort Kampf, Krieg und Tod zum Alltag.

Zu Beginn Ihres Einsatzes sagten Sie im Interview mit uns: „Die Piloten gehen schon mit einem mulmigen Gefühl ins Cockpit.“ Ist das Gefühl immer noch mulmig oder hat sich so etwas wie Routine eingestellt?
Die Bedrohung, die wir erfahren, ist nicht anders geworden als beim ersten Flug. Aber jetzt wissen die Kameraden genau, was auf sie zukommt und wie sie damit umgehen können. So steigen sie zwar noch immer mit einem gesunden Maß an mulmigem Gefühl in den Flieger – aber eben auch mit dem Maß an Selbstvertrauen, dass sie es gut im Griff haben.

Wie hoch sind die Belastungen der Soldaten vor Ort? Es heißt, vor allem für die Luftbildauswerter und für die Tornado-Techniker soll sie aufgrund der dünnen Personaldecke enorm sein.
Meine Luftbildauswerter sind schon seit fast zehn Jahren in Afghanistan im Einsatz. Sie haben eine deutlich höhere Auslandsbelastung als andere Bereiche. Jetzt kommt dieser Einsatz noch hinzu. Deswegen arbeiten wir mit Hochdruck daran, unser Personal in der Luftbildauswertung zu erhöhen, so dass wir in der Lage sind, diese beiden Einsätze auch durchhaltefähig durchführen zu können.

Ist das auch schon im Vorgriff auf den Einsatz der Drohnen-Piloten in Mali, der bald noch hinzukommt?
Ja, das ist richtig. Der kommt noch hinzu. Das ist noch ein anderes Thema, das uns gerade beschäftigt. In enger Abstimmung mit unseren vorgesetzten Dienststellen sind wir dabei, zu untersuchen, wie wir den Einsatz am besten – on top – sicherstellen können. Da gibt es noch andere Ideen, die gerade geprüft werden.

Die wie aussehen?
Wir überlegen, ob wir die Auswertung aus Deutschland sicherstellen können. Wenn wir noch zusätzliches Personal nach Mali schicken, ist das Maß meiner Meinung nach überschritten.

Das wäre eine neue Marschrichtung. Bisher war der Gedanke, die Drohnenpiloten und die Auswerter vor Ort zu haben, um ein Gefühl für den Einsatz zu entwickeln.
Das ist auch sicherlich nach wie vor die ideale Art und Weise. Aber wir können uns das mit dem zur Verfügung stehenden Personal für die Bildauswertung einfach nicht mehr leisten. Auch bei den Piloten und Sensorbedienern müssen wir das Personal deutlich erhöhen. Wir haben gerade genug um einen Einsatz sicher zu stellen (in Afghanistan; Anm. d. Red.), jetzt kommt mit Mali ein zweiter hinzu. Wir generieren gerade zusätzliches Personal, um auch diesen Einsatz darstellen zu können. Piloten und Sensorbediener werden aber, dass möchte ich nochmal klarmachen, den Einsatz aus Mali heraus betreiben.

Wir möchten den Bogen zurück nach Incirlik schlagen. Das Verteidigungsministerium hat angekündigt, den Stützpunkt dort für 65 Millionen Euro auszubauen. Es deutet alles darauf hin, dass das Mandat über Ende Dezember hinaus verlängert wird. Worauf stellen Sie sich mit Ihren Soldaten ein?
Wir gehen davon aus, dass der Einsatz längerfristig laufen wird – ohne das in Jahren titulieren zu können. Aber wir glauben nicht, dass es Ende des Jahres vorbei ist. Darauf ist unsere gesamte Personalplanung ausgerichtet.

Wie groß ist eigentlich die Bedrohungslage vor Ort?

Die Bedrohungslage ist nicht zu unterschätzen. Die Amerikaner haben im März die höchste Sicherungsstufe ausgerufen und Familienangehörige, die bisher mit in Incirlik lebten, nach Hause geschickt. Ausländische Soldaten, egal welcher Nationalität, dürfen zurzeit den Stützpunkt nicht verlassen. Die Amerikaner sehen eine erhebliche Anschlagsgefahr außerhalb des Geländes.

Haben Sie sich immer sicher gefühlt?

Incirlik ist ein von den Türken und den Amerikanern hervorragend bewachter Flugplatz. Wenn man sich auf der Basis aufhält, muss man sich keine Sorgen machen.

Gab es irgendwelche Momente, Situationen oder Gedanken, die Sie während des Einsatzes in den vergangenen fünf Monaten besonders bewegt haben?
Was mich persönlich am meisten bewegt hat, war der Tag, als wir den ersten Einsatzflug hatten. In dem Moment, als meine Fliegerkameraden in die Tornados gestiegen sind, um in den Einsatz zu fliegen, macht man sich schon Gedanken. Haben wir alles getan, damit unsere Kameraden das Bestmögliche zur Verfügung haben? Das ist ein Gedanke, der mir sehr präsent ist. Vor allem, als die Piloten und Waffensystemoffiziere aus dem ersten Einsatz zurückkamen. Das haben wir im Geschwader mit einer kleinen Zeremonie gefeiert. Diese Momente machen mich auch im Nachhinein stolz. Was die Soldatinnen und Soldaten dort geleistet haben, ist schon echt klasse.

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