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Marineschulschiff „Gorch Fock“ : Tod der Kadettin Jenny Böken: Eltern sehen neue Hinweise nach TV-Drama

vom
Aus der Onlineredaktion

Bei den Eltern der „Gorch Fock“-Kadettin haben sich frühere Kameraden der Tochter gemeldet.

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2017 | 10:09 Uhr

Aachen | Nach der Ausstrahlung eines Fernsehdramas zum Tod der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken haben sich für die Eltern neue Aspekte zur Aufklärung der Todesumstände ergeben. Unter anderem hätten sich frühere Kameraden seiner damals 18-jährigen Tochter gemeldet, die jetzt nicht mehr bei der Bundeswehr seien, sagte Vater Uwe Böken. „Weitere Mosaiksteinchen, die uns gefehlt haben, sind dazu gekommen, auch im Vorfeld der Ausstrahlung.“

Die aus der Nähe von Aachen stammende Jenny Böken war im September 2008 bei einer Nachtwache auf dem Segelschulschiff der Marine ins Meer gestürzt. Ihre Leiche wurde knapp zwei Wochen später in der Nordsee entdeckt. Seitdem versuchen die Eltern, den Tod aufzuklären.

Das Erste hatte im April das Drama „Tod einer Kadettin“ ausgestrahlt und im Anschluss die Dokumentation „Der Fall Gorch Fock - die Geschichte der Jenny Böken“.

Hintergrund: Film und Doku über den Fall Jenny Böken

Ihr tragisches Schicksal bewegte Millionen: der Tod der „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken im Jahr 2008. Adolf-Grimme Preisträger Raymond Ley („Eine mörderische Entscheidung“) hat Regie geführt. Mit seiner Frau Hannah Ley, Schauspielerin und ebenfalls Grimme-Preisträgerin, hat er auch das Drehbuch für den Film und das Buch für die Doku verfasst.

Die Leys sind eines der renommiertesten Autorenpaare des deutschen Fernsehens. „Die Nacht der großen Flut“ (2005), „Eichmanns Ende“ (2010) oder „Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ (2016) sahen Millionen Fernsehzuschauer. Zeithistorische und gesellschaftspolitische Themen am Schicksal von Einzelpersonen zu entfalten, ist ein Markenzeichen der Leys.

So ist denn auch „Tod einer Kadettin“ weit mehr als eine kriminalistische Spurensuche, was in der Todesnacht auf dem Segelschulschiff wirklich passierte. Es geht darum, den Mikrokosmos Marine darzustellen, eine männerdominierte Hierarchie, die auf Befehl und Gehorsam basiert: Wie Ausbilder weibliche Rekruten schinden, männliche Kadetten geschmacklose Zoten reißen, den Macho geben, oder auf dem engen Klo des Schiffs rüder Sex gemacht wird. Aber auch: Wie Vorgesetzte die gewünschte Frauenquote bei der Marine erfüllen wollen. Und so darf eine für die Offizierslaufbahn als nicht geeignet beurteilte junge Frau, die zudem noch Höhenangst hat, dennoch an Bord der „Gorch Fock“ und in die gefürchtete Takelage.

Film und Dokumentation zeigen aber auch das Scheitern einer jungen Frau, die als Soldatin möglicherweise den falschen Beruf für sich wählte. Jenny, „zum Widerspruch erzogen“ (wie Mutter Marlis sagt), wollte Bundeswehrärztin werden und in Auslandseinsätzen helfen. Bereits ihr Oberstufenpraktikum machte sie auf einer Fregatte. Erst bei der Marine litt sie immer wieder unter plötzlichem Einschlafen - der seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie, ausgelöst eventuell durch die vielen Impfungen bei der Bundeswehr? Darüber rätseln die Eltern.

„Mann über Bord, Mann über Bord, das ist keine Übung“, hallen Rufe übers Deck der „Gorch Fock“. Es ist kurz vor Mitternacht, 3. September 2008. Nordsee, Windstärke sieben. Suchscheinwerfer gleiten übers Wasser, vergeblich. Erst am 15. September wird die Vermisste geborgen. Im Film ist es Lilly Borchert (überragend als gemobbte Außenseiterin an Bord: Maria Dragus), in der Realität war es Jenny. Sie hatte für eine Kameradin die nächtliche Wache freiwillig übernommen nahe am Bug, die Reling ist da nur 40 Zentimeter hoch.

„Frei nach Motiven“ zum Fall Jenny Böken, so heißt es im Vorspann, sei das Drama gedreht. Doch die Eltern Uwe und Marlis Böken, die eng mit den Filmemachern kooperiert haben, sagen: „Der Film ist sehr nah an der Wahrheit - einschließlich des offenen Endes.“

Regisseur Ley zeigt im Film denn auch gleich mehrere Varianten, was passiert sein könnte: Mord, Selbstmord, Unglück. Die Option Suizid habe im realen Fall keine Rolle gespielt, so habe es auch die Staatsanwaltschaft in Kiel gesehen, betonen die Eltern. „Jenny hatte sich auf ihren 19. Geburtstag mit uns in Hamburg gefreut. Und sie wollte doch ihrem Freund einen Heiratsantrag machen.“ Am 5. September, also 24 Stunden nach der Tragödie, wäre Jenny 19 geworden.

Das Produktionsteam habe bei Recherchen zu dem Film herausgefunden, dass der Arzt bei der späteren Obduktion einen Bezug zur „Gorch Fock“ habe, sagte Böken. Der Sohn dieses Arztes habe in der Todesnacht wenige Meter von Jenny entfernt Dienst getan. Der Obduktionsarzt sei damit „im höchsten Maße befangen“ gewesen. „Die Obduktion ist für mich Makulatur“, sagte Böken. Der Obduktionsbericht hatte festgestellt, Todesursache sei „am ehesten Ertrinken“.

Es sei richtig, dass der Sohn des Arztes auf dem Schiff war, bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Kiel: „Aber es gibt keine Befangenheit.“ Die Obduktion werde ja nicht nur von einer Person gemacht, sondern von einem Team, auch im Beisein der Staatsanwaltschaft. Es habe keinen Grund gegeben, an der Arbeit des Obduzenten zu zweifeln. Aus diesem Grund habe es keine Besorgnis der Befangenheit gegeben, sagte der Sprecher.

Die Eltern bezweifeln, dass ihre Tochter ertrunken ist und schließen ein Kapitalverbrechen nicht aus. Anders als beim Ertrinken üblich sei in der Lunge ihrer Tochter kein Wasser gefunden worden. Auf seiner Internetseite beschreibt der Vater eine Vielzahl von anderen Ungereimtheiten. „Der Film hat eindringlich dargestellt, dass wir nicht die durchgeknallten Eltern sind, die den Tod ihrer Tochter nicht verarbeiten, sondern dass wir einfach so viele unbeantwortete Fragen haben, dass es völlig natürlich ist, dass wir weiterfragen“, sagte Uwe Böken.

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