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Präsident des Landesportverbands : Tiessen: "Täglich eine Stunde Schulsport"

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Umfang und Qualität des Schulsports in Schleswig-Holstein reichen "beileibe nicht aus": Hans-Jakob Tiessen, Präsident des LSV, fordert die obligatorische tägliche Sportstunde.

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erstellt am 13.Aug.2013 | 08:08 Uhr

Seine Vorstellungen sind sehr konkret und auch visionär. Hans-Jakob Tiessen (65), seit einem Monat Präsident des Landessportverbandes (LSV), bringt seine Erfahrungen offensiv in seine neue ehrenamtliche Tätigkeit ein. Im Interview mit Schleswig-Holstein am Sonntag fordert der frühere Diplomat, Landrat und Vorstandschef von E.ON Hanse einen weitaus verbesserten Schulsport in Schleswig-Holstein, peilt eine bessere Vernetzung des Sports in der Wirtschaft an, lobt die Leistungen heimischer Spitzensportler und kritisiert die hohen Gehälter im Profi-Fußball. Tiessen, der als Jugendlicher beim TSV Nordhastedt in Dithmarschen das Fußballtor hütete, zeigt sich zudem wenig erstaunt über die neuesten Erkenntnisse aus der westdeutschen Doping-Vergangenheit. Er macht sich wie sein Vorgänger Ekkehard Wienholtz für eine Anti-Doping-Politik stark.
Sie sind seit einem guten Monat im Amt. Aus der Chefetage eines Energieriesen auf den ehrenamtlichen Präsidentenstuhl des Landessportverbandes Schleswig-Holstein (LSV). Haben Sie schon einen Unterschied ausgemacht?
Die Aufgaben, das zu bewegende Finanzvolumen und die Anzahl der Mitarbeiter sind natürlich nicht vergleichbar. In beiden Fällen gibt es aber etablierte und bewährte Strukturen, die gut funktionieren, was die Umstellung von der hauptamtlichen Managertätigkeit in die ehrenamtliche Präsidentenfunktion leicht macht. Es ist eine Ehre für mich, dem Landessportverband, einem der größten und wichtigsten Verbände im Land, als Präsident vorzustehen. Ich finde auch hier ein breites und hochinteressantes Themenspektrum vor, von zum Teil nicht unerheblicher Komplexität. Ich werde hier meine beruflichen Erfahrungen einbringen und auch neue Impulse setzen.
Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den LSV weiter zu entwickeln. Was heißt das?
Wir wollen vor allem weitere Schritte gegen die zuletzt negative Mitgliederentwicklung unternehmen. Dies gilt für alle Altersspannen von den Kindern über die Mittel-Ager bis zu den Senioren. Nach außen möchte ich den Landessportverband noch weiter vernetzen, nicht zuletzt mit der Wirtschaft. Dabei haben Sie auch die Basis im Visier. Wie können noch mehr Kinder früher und auch besser an den Sport herangeführt werden?Für mich gehört die Sportjugend-Kampagne gegen Kinderarmut "Kein Kind ohne Sport" zu unseren wichtigsten Projekten. Es darf nicht sein, dass der Zugang für Kinder zum Sportverein von sozialen Faktoren abhängt. Darüber hinaus müssen wir als Sport auch in diesem Bereich unsere Netzwerke und Kooperationen vor allem mit Schulen und Kindertageseinrichtungen weiter ausbauen.
Halten Sie Umfang und Qualität im Schulsport für ausreichend?
Beileibe nicht. Wir brauchen die obligatorische tägliche Sportstunde in der Schule unter Aufsicht qualifizierter Lehrkräfte mehr denn je. Zum einen, weil wir wissen, dass Sport und Bewegung sehr positive Auswirkungen nicht nur auf die Gesundheit sondern auch auf die Lernfähigkeit haben. Zum anderen, weil die tägliche Verweildauer der Kinder in den Schulen durch die Schulzeitverkürzung oder die Einrichtung von Ganztagsschulen immer länger wird. Hierdurch sinkt der Spielraum für eine eigene sportliche Betätigung in der Freizeit - auch im Verein - dramatisch.
Auch wollen Sie Sport und Wirtschaft näher aneinander bringen. Klafft zwischen beiden Bereichen eine zu große Lücke im Land?
Von einer klaffenden Lücke würde ich nicht sprechen. Ich könnte mir allerdings durchaus zukünftig ein ausgeprägteres Miteinander vorstellen, weil es viele gemeinsam interessierende Themen gibt - beispielsweise bei der Gesundheitsförderung, der Entwicklung von Leistungsbereitschaft und der Förderung des Ehrenamtes als hervorragendes Feld für das Erlernen von Führungskompetenz.
Sieht man einmal vom Handball und den drei weiblichen Tennisassen Angelique Kerber, Julia Görges und Mona Barthel ab, kommen derzeit kaum Spitzenathleten aus Schleswig-Holstein. Wo liegen die Defizite in der Nachwuchsförderung?
Schleswig-Holstein ist ein kleines Flächenland mit einer eher geringen Bevölkerungszahl. Wenn man sich gleichwohl die Erfolge schleswig-holsteinischer Spitzensportlerinnen und -sportler in jüngster Vergangenheit anschaut, kann sich die Bilanz Schleswig-Holsteins durchaus sehen lassen. Der Ruderer Lauritz Schoof kam mit der Goldmedaille als Olympiasieger aus London zurück, der beste deutsche Hindernisläufer Steffen Ulizcka nimmt gerade an den Leichathletik- Weltmeisterschaften in Moskau teil, um nur zwei positive Beispiele erfolgreicher Sportler zu nennen. Beide gehören übrigens zum "Team Schleswig-Holstein" des Landessportverbandes, in dem 22 Sportler aus verschiedenen Sportarten auf ihrem Weg zu Europa- und Weltmeisterschaften und zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gefördert werden. Unter diesen Athleten sind auch einige, die noch dem Junior-Bereich zuzuordnen sind und die langfristig eine gute Perspektive haben. Die Mitgliedschaft in so einem Team erhöht auch die Heimatverbundenheit der Sportler und hilft, sie im Land zu halten.
Seit einer Woche haben die neuen Erkenntnisse über Doping in Westdeutschland ein Beben bei Funktionären, Politikern und Sportlern ausgelöst. Waren Sie überrascht, als Details aus dem Gutachten bekannt wurden?
Wirklich überrascht war ich nicht, weil die Aufarbeitung einer Doping-Vergangenheit in Westdeutschland ja nicht erst mit dieser Untersuchung begonnen hat - und die Presse ja auch immer wieder darüber berichtet hat. In meinem gerade übernommenen Amt ist es für mich vor allem von größter Bedeutung, welche Haltung der organisierte Sport heute gegenüber Doping einnimmt und wie glaubwürdig diese Haltung ist. Ich habe mich dabei im Zuge der aktuellenDiskussion davon überzeugen können, dass der Landessportverband seit Langem eine strikte Anti-Doping-Politik verfolgt. Er nimmt dabei insbesondere im Bereich der Dopingprävention bundesweit sogar eine Vorreiterrolle ein. So wurde u. a. unter Federführung des LSV gemeinsam mit allen Landessportbünden und der Deutschen Sportjugend die hervorragende Arbeitsmedienmappe "Sport ohne Doping!" entwickelt, die sich besonders an jugendliche Spitzenathletinnen und -athleten richtet.
Wäre Ihre Leidenschaft für den Rudersport gebrochen, wenn auch Verstöße aus Ihrem Lieblingsboot Deutschland-Achter bestätigt werden?
Bei Peter-Michael Kolbe, der ja häufig beim E.ON Hanse-Cup in Rendsburg als Ehrengast dabei war, gibt es diese Erkenntnisse.Betroffen wäre ich schon, kann mir aber persönlich aktuell keine Verstöße des jetzigen Deutschlandachters vorstellen.
Und wie stehen Sie als Vertreter des Amateursports zu den vielen Millionen Euro, mit denen die Bundesliga-Profis im Fußball nach Hause gehen?
Es steht außer Frage, dass es in einigen Sportarten unverhältnismäßig hohe Einkommenssituationen gibt. Der Amateursport hätte es dabei allein aufgrund seiner vielen positiven Beiträge zur Entwicklung unserer Gesellschaft durchaus verdient, ähnliche Zuwendungen zu erhalten. Erfreulicherweise gibt es auch unter den Top-Athleten und Top-Sportmanagern positive Beispiele, die sich für die Gesellschaft und auch im Amateursport engagieren.
Sie haben in der Fußball-Jugend beim TSV Nordhastedt als Torwart begonnen. Erinnern Sie sich an einen haltbaren Ball, der Ihnen durch die Arme gerutscht ist?
Da gab es nicht nur einen haltbaren Ball, der mir auf den vereisten, winterlichen Sportplätzen in Dithmarschen durch die kalt gefrorenen Hände gerutscht ist.
Wenn Sie noch einmal jung wären - würden Sie sich wieder ins Tor stellen?
Ja, das würde wieder ich tun, denn ich war immer mit großer Begeisterung Torwart. Als Alternative könnte ich mir auch die Rolle des Spielgestalters vorstellen.

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