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Marderhund, Waschbär und Sachalin-Flügelknöterich : Tierische Neubürger: Gekommen, um zu bleiben

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tierische und pflanzliche Invasoren haben sich in SH breit gemacht – ein „Who ist Who“ der unwillkommenen Neubürger.

shz.de von
erstellt am 16.Mai.2016 | 16:34 Uhr

Die einen sind in der Natur Schleswig-Holsteins allseits präsent wie Marderhunde und Waschbären zu Lande oder die pazifische Auster im Wattenmeer. Andere sind eher versteckte, nur Biologen bekannte Neubürger wie etwa der japanische Besentang oder der Sachalin-Flügelknöterich. Sie sind ins Land zwischen Nord- und Ostsee gekommen um zu bleiben.

Als „Neobiota“ bezeichnet die Wissenschaft Tiere und Pflanzen, die durch menschlichen Einfluss in einen Lebensraum gelangt sind; „invasiv“ werden diejenigen unter ihnen genannt, die Gefahren für die heimische Flora und Fauna mit sich bringen.

In einer Antwort auf eine kleine Anfrage des FDP-Landtagsabgeordneten Oliver Kumbartzky hat die Landesregierung kürzlich einen Überblick über den Stand der Dinge in Sachen Neobiota gegeben.

 

Stammt ursprünglich aus Ostasien und ist durch Aquakulturen auf Sylt und in den Niederlanden ins Wattenmeer gelangt: die pazifische Auster.
Stammt ursprünglich aus Ostasien und ist durch Aquakulturen auf Sylt und in den Niederlanden ins Wattenmeer gelangt: die pazifische Auster. Foto: Wikipedia/ David Monniaux

Die vielleicht prominenteste Vertreterin der marinen Invasoren ist die pazifische Auster oder auch japanische Felsenauster, die durch Aquakulturen auf Sylt und in den Niederlanden ins Wattenmeer gelangt ist. Seit Jahren erobert sie dieses nun von Norden und Süden gleichzeitig. Das Problem: Sie besetzt dabei den Lebensraum der heimischen Miesmuschel. An der deutschen Nordseeküste sei sie „ein augenfälliges Beispiel für einen eingeschleppten Organismus, dessen unerwartete Ausbreitung unvorhersehbare Folgen hat und unkontrollierbar ist“, heißt es in der vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) herausgegebenen Datensammlung „Neobiota in deutschen Küstengewässern 2014“.

Als pflanzliche Meeresbewohner nicht so augenfällig – dabei jedoch nicht weniger penetrant in ihrer Präsenz – sind Algen- und Tangarten wie etwa die Wailes-Kieselalge und der Besentang. Auch in Flüssen und sonstigen Gewässern haben sich Invasoren breit gemacht, etwa die chinesische Wollhandkrabbe, deren Panzer allein – von denen Beinen abgesehen – einen Durchmesser von bis zu zehn Zentimetern erreichen kann. Nicht nur hierzulande, in ganz Deutschland ist sie zur regelrechten Plage geworden.

Kam vor etwa 100 Jahren mit Handelsschiffen aus China nach Hamburg: die Wollhandkrabbe.
Kam vor etwa 100 Jahren mit Handelsschiffen aus China nach Hamburg: die Wollhandkrabbe. Foto: dpa

Die Zahl der Invasoren zu Lande ist ebenfalls erheblich, bei den Tieren allen voran die oben genannten Marderhunde und Waschbären. Beide sind nach den Erhebungen des Wildtier-Katasters in Schleswig-Holstein heutzutage fast flächendeckend anzutreffen. Marderhunde stammen aus Asien. Vermutungen zufolge wurden einige Tiere in den 1930er Jahren im europäischen Teil der damaligen UdSSR ausgesetzt und breiteten sich schnell nach Westen aus. Die Geschichte der deutschen Waschbärenpopulation geht ebenfalls auf die 1930er Jahre zurück, als einige Exemplare aus Pelztierzuchten hierzulande entkamen.

Übrigens zählt auch die Bisamratte – ursprünglich in Nordamerika heimisch – hierzulande zu den invasiven Tierarten, ja, sogar die Wanderratte, die heute mit Ausnahme der Antarktis weltweit verbreitet ist. Und wem ist schon bewusst, dass zwischen Nord- und Ostsee so häufige Pflanzen wie die Douglasie, die Robinie und die
Kartoffelrose – wenn auch längst etabliert – aus biologischer Sicht Invasoren sind?

Der vielleicht bekannteste, zumindest aber wohl unbeliebteste Vertreter dieser Kategorie in der heimischen Flora ist der Riesen-Bärenklau, passenderweise auch Herkulesstaude genannt. Der ursprünglich aus dem Kaukasus stammende, eine Höhe von mehreren Metern erreichende Doldenblütler wurde 2008 in Deutschland zur Giftpflanze des Jahres gekürt. Der Grund: Er bildet Substanzen, die in Kombination mit Sonnenlicht toxische Wirkung entfalten; das heißt, Berührungen in Verbindung mit Tageslicht können bei Menschen und Tieren verbrennungsähnliche, schmerzhafte Quaddeln und Blasen auf der Haut auslösen. Schon darum ist dieser Herkules im Pflanzenreich so schwer zu bekämpfen, denn das geht nur mit Schutzkleidung inklusive Gesichtsmaske.

Verdrängt zunehmend heimische Pflanzen: der Riesen-Bärenklau.
Verdrängt zunehmend heimische Pflanzen: der Riesen-Bärenklau. Foto: dpa

Ob tierische oder pflanzliche Einwanderer, ob zu Wasser, zu Lande oder in der Luft: Ökologen sehen die Entwicklung mit Sorge. Denn es sind die anpassungsfähigen unter ihnen, die profitieren, während die hochspezialisierten, auf besondere und eng begrenzte Lebensräume angewiesenen an den Rand gedrängt werden. Die befürchtete Folge: Die Biodiversität, also die Vielfalt verschiedener Lebensräume und in der Folge die der Tier- und Pflanzenarten sowie der genetischen Ausstattung, könnte zurückgehen.

Allerdings sind solche Veränderungen kein neues Phänomen in der Erdgeschichte: „Die durch den Menschen verursachte Verschleppung von Arten in Gebiete außerhalb ihres natürlichen Vorkommens ist ein weitreichender Eingriff in Ökosysteme und die darin ablaufenden Prozesse, für den es bereits aus der Antike Belege gibt“, schreibt der Leiter des Dezernates Küstengewässer Joachim Voß in seinem Vorwort zu der oben genannten Neobiota-Broschüre. Neu sind jedoch der Umfang und die Geschwindigkeit, die wohl im wesentlichen der Globalisierung geschuldet sind: dem Warenaustausch per Flugzeug und Schiff (Ballastwasser!) von Kontinent zu Kontinent, dem Reiseverkehr, nicht zuletzt aber auch dem Entwischen von Tieren aus Tierparks oder privater Haltung.

Die dem Klimawandel zugeschriebene Erwärmung der Meere wird letztlich ebenfalls als „menschengemacht“ angesehen. Sie dürfte zur Folge haben, dass sich künftig verstärkt Fische und andere marine Lebewesen aus dem Mittelmeer an hiesigen Küsten einstellen.

Dazu kommt „die absichtliche Einbringung und Ausbreitung durch Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Küstenschutz, Aquakulturen, Jagd, Fischerei, Garten- und Landschaftsbau, Zierhandel, private Einfuhr und Angelsport“ – so die eindrucksvolle Liste der Landesregierung in der Antwort auf die Kleine Anfrage der FDP. Wie ernst das Phänomen Neobiota in der Politik international genommen wird, zeigt unter anderem die Tatsache, dass die Europäische Union die Einwanderer als einen der Faktoren auflistet, anhand derer im Zusammenhang mit der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (EU-MSRL) derzeit der Umweltzustand der Meere analysiert wird.

 

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