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Autobahn-Ausbau : Tierbrücken über die A7 – Stückpreis fünf Millionen Euro

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bewachsene Wildbrücken sollen zerschnittene Lebensräume der Tiere wieder vernetzen und für weniger Wildunfälle sorgen.

Brokenlande/Bad Bramstedt | Die A7 ist Schleswig-Holsteins Lebensader – zerschneidet aber gleichzeitig uralte Wege durch das Land. Für Tiere, von Ameisen und Käfern bis zu Rothirschen, ist sie eine fast unüberwindbare Barriere. Um die getrennten Lebensräume wieder zu vernetzen, entstehen im Zuge des A7-Ausbaus derzeit zwei Grünbrücken. Die Bauwerke bei Brokenlande und Bad Bramstedt sollen es verschiedenen Tierarten ermöglichen, die Autobahn ohne Gefahr für sich selbst und die Autofahrer zu überqueren. Eine weitere Grünbrücke soll über die künftige A20 zwischen Bad Bramstedt und Bad Segeberg gebaut werden. Die Kosten pro Brücke liegen bei fünf Millionen Euro, so Ulrich Möller von der Planungs- und Baugesellschaft des Bundes, DEGES.

Wenn Wildtiere die Autobahnen queren, kommt es immer wieder zu Unfällen. Brücken sollen helfen, diese zu minimieren.

„Mit dem Bau der Grünbrücken verfolgen wir zwei Ziele“, erläuterte am Freitag Torsten Conradt, Leiter des Landesbetriebes Straßenbau und Verkehr, bei einem Ortstermin auf der Baustelle bei der Raststätte Brokenlande. „Zum einen wollen wir so die Zahl der Wildunfälle reduzieren, gleichzeitig verbessern wir nachhaltig die Bedingungen für die Tiere.“

Neben den Brücken, die 63 Meter lang sind, die Autobahn 45 Meter weit überspannen und wegen ihrer Größe und Bauweise vier bis fünf Mal so viel kosten wie eine normale Straßenbrücke, ist ein ganzes Paket von Umweltmaßnahmen für den Autobahnbau geplant. „Darum ist der Ausbau für den Naturschutz eigentlich kein großes Problem“, sagte Björn Schulz, Projektleiter von der Stiftung Naturschutz. Ein Zaun von Bordesholm bis Schnelsen soll verhindern, dass größere Tiere die neuen Brücken ignorieren und über die Fahrbahn laufen. Vier Meter hohe Wände dienen als Fledermaus-Überflughilfen und verhindern, dass sie von Lkw getötet werden. Erweiterte Durchlässe von Bächen bieten Amphibien und Ottern die Möglichkeit, die A7 zu unterqueren. Die Brücken sollen im Herbst 2017 fertig sein und über so genannte Lebensraum-Korridore mit weiteren Grünbrücken über den anderen Autobahnen im Land vernetzt werden.

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Die gute Zusammenarbeit der am A7-Ausbau Beteiligten und der Naturschützer hat Teilnehmer einer Fachtagung zur Wiedervernetzung von Lebensräumen überzeugt. So fließen Forschungsergebnisse dank der Zusammenarbeit mit der Uni Kiel direkt in die Planung der Naturschutz-Maßnahmen ein. „Das hat Modellcharakter für ganz Deutschland“, sagte Marita Böttcher vom Bundesamt für Naturschutz. Das Amt fördert die Vernetzung von weit auseinander liegenden Querungsbauwerken wie Grünbrücken und Bachdurchlässen im Land mit insgesamt 1,44 Millionen Euro.

„Wir wollen, dass die Brücken den größtmöglichen Nutzen bringen“, sagte Torsten Conradt. „Deshalb müssen wir gewissermaßen auch die Wanderwege bereitstellen, damit die Tiere auch zu den Brücken finden.“ Dafür arbeiten der Landesbetrieb, die Landesforsten, der Jagdverband, der Wildpark Eekholt und das Institut für Natur- und Ressourcenschutz der Uni Kiel unter Federführung der Stiftung Naturschutz zusammen. Im Hinterland der Grünbrücken muss die Landschaft für möglichst viele Tierarten aus unterschiedlichten Lebensräumen – etwa Heide, Magerrasen, Wald – attraktiv sein.

Ein Riesen-Bauwerk für Rothirsch, Haselmaus und andere Tiere: Mit 63 Metern wird die Grünbrücke bei Brokenlande deutlich länger als normale Straßenüberführungen.
Ein Riesen-Bauwerk für Rothirsch, Haselmaus und andere Tiere: Mit 63 Metern wird die Grünbrücke bei Brokenlande deutlich länger als normale Straßenüberführungen. Foto: Kirsch
 

Der Standort der Brücken bei Brokenlande und Bad Bramstedt ist nicht zufällig ausgewählt: „Viele Tierarten brauchen Ruhe, deshalb sind die Brücken weit von Siedlungen entfernt“, erläuterte Ulrich Möller von der Baugesellschaft DEGES. Ein weiterer Vorteil der Standorte: Ein Teil des Landes war bereits in Bundesbesitz, zudem waren die Eigentümer umliegender Ländereien zum Aufforsten bereit – deutlich sichtbar wird dies an der A7 bei der Raststätte Brokenlande, wo Felder mit 40.000 Bäumchen bepflanzt wurden. Zusammen mit Wänden, die die Lichtkegel der Autos abschirmen und einem Wildzaun an der gesamten A7 von Bordesholm bis Hamburg-Schnelsen sollen die Brücken so attraktiv werden, dass die A7 erstmals seit ihrem Bau in den 70er Jahren wieder sicher für Tiere zu überqueren ist.

Grünbrücken sind unverzichtbar. Ein Kommentar von Wolfgang Blumenthal

Schleswig-Holstein ist zu einem Mosaik von vielen Landschaftsinseln verkommen. Immer mehr Autobahnen und Bundesstraßen, viele davon vierspurig, durchschneiden kreuz und quer das Land zwischen den Meeren. Ein Ende ist nicht abzusehen. Dem Wunsch, von jedem Fleck des Landes ohne große Umwege und so schnell wie möglich voranzukommen, wird trotz Politik unter Grünen-Beteiligung immer weiter nachgegeben. Auch wenn manche Projekte mehrere Jahrzehnte in der Planung stecken oder stocken – nur selten ist bislang ein Autobahnvorhaben in Deutschland nicht begonnen worden.

Und dabei werden uralte Wanderrouten von Tieren stets unterbrochen. Versuchen Rehe, Wildschweine und andere dennoch, eine stark befahrene Straße zu überwinden, finden sie den Verkehrstod. Wenn jetzt – wie im Falle der Autobahn 7 zwischen Bordesholmer Dreieck und Hamburg – der Asphalt-Strang durch die Landschaft über satte 65 Kilometer noch einmal verbreitert wird, ist am Ende die schleswig-holsteinische Natur noch stärker getrennt.

Angesichts der Summen, die für den Autobahnneubau und -ausbau ausgegeben werden, sollten der Gesellschaft die in Relation dazu wenigen Millionen Euro für Grünbrücken für die Wiedervernetzung von einstigen Lebensräumen von Tieren wert sein. Gerade in Schleswig-Holstein macht sich der Zerschneidungseffekt von großen Straßen besonders stark bemerkbar. Darauf hatte der Deutsche Jagdschutzverband bereits vor fünf Jahren hingewiesen. Der Grund liegt schlicht in der Geographie, die einem Flaschenhals gleichkommt: Mit der A7 und der A21 wird der schmale Bereich zwischen den Meeren gleich zweimal der Länge nach durchtrennt.

Und dann wird mit jeder Querverbindung das Land weiter zerstückelt. Das schadet nicht nur der Tierwelt, sondern auch uns Menschen. Jeder kann das für sich selbst testen, kann einmal tief in einen der drei Naturparks in der Mitte in Schleswig-Holsteins wandern. Dazwischen bitte ab und zu innehalten und genau hinhören: Wie weit müssen Sie gehen, bis Sie wirklich keinen Verkehrslärm mehr wahrnehmen?

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erstellt am 18.Mär.2016 | 19:50 Uhr

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