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Orkanartige Böen und Dauerregen : Tief „Xavier“ fordert sieben Menschenleben – Zugverkehr weiter eingestellt

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Der Sturm traf mit voller Wucht auf den Norden und erreichte Windgeschwindigkeiten von bis zu 113 Stundenkilometern.

shz.de von
erstellt am 05.Okt.2017 | 20:46 Uhr

Flensburg | Selbst für die sturmerprobte Hamburger Feuerwehr kam es diesmal heftig: Mehr als 700 sturmbedingte Einsätze in nur zwei Stunden - „in der Heftigkeit haben wir es selten gehabt“, sagte ein Sprecher am Donnerstagnachmittag nach Abflauen des Sturms „Xavier“. Traurige Bilanz: eine Tote, mindestens zehn Verletzte, etliche umgestürzte Bäume. Sturmtief „Xavier“ legte auch den Bahnverkehr in Norddeutschland zeitweise komplett lahm.

Im Stadtteil Horn wurde ein Kleinwagen unter einem umgestürzten Baum begraben. Die 54-jährige Beifahrerin erlitt dabei tödliche Verletzungen. Die Feuerwehr hatte noch versucht, die schwer verletzte Frau aus dem Wrack zu retten, vergeblich. Die 56-jährige Fahrerin des Wagens konnte schwer verletzt gerettet werden, wie eine Polizeisprecherin sagte. Erst vor drei Wochen war bei dem ersten starken Herbststurm ein Passant in Hamburg von einem umstürzenden Baugerüst erschlagen worden.

Die Zahl der Toten bei dem schweren Sturm “Xavier„ ist auf mindestens sieben gestiegen. Im Berliner Stadtteil Tegel wurde eine Frau getötet, als ein Baum auf ihr Auto stürzte. Ein weiterer Mensch sei bei Müllrose in Brandenburg ums Leben gekommen, teilte der Lagedienst der Polizei in Potsdam mit. Zudem wurde ein 72-Jähriger in Brandenburg an der B1 zwischen Müncheberg und Hoppegarten von einem Baum erschlagen, wie die Polizei in Potsdam mitteilte. In der Nähe von Schwerin wurde ein Lastwagenfahrer von einem umstürzenden Baum erschlagen. Nahe Gransee nördlich von Berlin fiel ein Ast in eine Windschutzscheibe und tötete einen Menschen. Zudem wurde in derselben Region eine Frau in einem Auto von einem Baum erschlagen.

Der Sturm war diesmal schnell und mit großer Wucht über den Norden gezogen. Er erreichte dabei Windgeschwindigkeiten von bis zu 113 Stundenkilometern, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte.

In Hamburg wurden nach Einschätzung der Meteorologen in Böen Windstärke 11, in Schleswig-Holstein Windstärke 10 erreicht. Am Nachmittag teilte der Wetterdienst mit, das Gröbste sei nun vorbei.

Allein in Hamburg habe die Feuerwehr binnen zweier Stunden von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr über 700 sturmbedingte Einsätze gehabt, sagte ein Sprecher. Das sei normalerweise die Zahl eines ganzen 24-Stunden-Tages. Bis zum späten Nachmittag waren es dann bereits mehr als 900 Einsätze.

Grund für das Unwetter ist das Tief „Xavier“. Inzwischen sind die Unwetterwarnungen für Orkanböen für den Kreis Pinneberg ohne Helgoland, Kreis Plön, Kreis Nordfriesland, Kreis Rendsburg-Eckernförde, Kreis Dithmarschen sowie Flensburg aufgehoben. Das markante Sturmtief zieht weiter von der Deutschen Bucht her kommend ostwärts hinweg nach Polen.

Ein Feuerwehrmann zwischen umgestürzten Bäumen in Hamburg-Niendorf.
Ein Feuerwehrmann zwischen umgestürzten Bäumen in Hamburg-Niendorf. Foto: dpa

Bahnverkehr in ganz Norddeutschland bleibt eingestellt- Sylt-Shuttle fährt weiterhin

Nach dem schweren Unwetter ist es nach Angaben einer Bahnsprecherin noch unklar, wann die Züge im Norden und Osten Deutschlands wieder fahren können. „Es wird sicherlich im Laufe des Abends noch zu Problemen kommen“, sagte die Sprecherin am Donnerstagabend. „Wir müssen die Entwicklung des Wetters abwarten.“ Wann Strecken freigegeben werden könnten, sei unklar. Es müsse auch überprüft werden, wo Bäume auf den Schienen lägen.

Dafür seien vereinzelt bereits Züge zu Erkundungsfahrten unterwegs, erklärte die Sprecherin. Die Bahn hatte wegen des Sturms „Xavier“ den Zugverkehr in mehreren Regionen eingestellt.

Betroffen sind Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und der Großraum Leipzig. Die Bahn stellte etwa ein Dutzend leere IC- und ICE-Züge in Bahnhöfen für gestrandete Reisende bereit. „Zusätzlich versuchen wir zu organisieren, dass Reisende auch in Hotels unterkommen“, erklärte die Bahnsprecherin.

Die Bahn empfiehlt allen Reisenden, mehr Zeit einzuplanen und sich vor Fahrtantritt auf www.bahn.de, über die App DB Navigator oder bei der Kundenhotline 01806/996633 zu informieren und bittet um Entschuldigung für entstehende Unannehmlichkeiten.

Der Sylt Shuttle und Autozug Sylt (RDC) fahren allerdings weiterhin. Auch der DB-Regioverkehr zumindest zwischen Niebüll und Westerland rollt weiterhin. Laut DB-Pressestelle wird versucht, den Verkehr zwischen der Insel und dem Festland zumindest auf diesem Streckenabschnitt so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dennoch kommt es zu Ausfällen derjenigen Zügen, die zum Beispiel aus Hamburg-Altona kommen. Der Fernverkehr ist komplett eingestellt.

Reisende steigen auf Fernbusse um

Wegen der Behinderungen im Schienenverkehr sind viele Reisende auf Fernbusse umgestiegen. Wie ein Flixbus-Sprecher am Donnerstag sagte, stieg die Zahl der Buchungen von und nach Hamburg im Vergleich zur Vorwoche um rund 45 Prozent. Die Strecke Hamburg-Bremen sei beispielsweise auf allen Verbindungen ausgebucht gewesen. Doch auch Flixbus sei leicht verspätet unterwegs, da die Fahrer aufgrund des Wetters etwas langsamer fahren müssten, sagte der Sprecher. Zu Ausfällen sei es jedoch nicht gekommen.

Ein umgestürzter Baum in Groß Hansdorf Kreis Storman.

Ein umgestürzter Baum in Groß Hansdorf Kreis Storman.

Foto: Peter Wüst

Hamburger Feuerwehr hebt Warnung vor „Xavier“ auf

Die Hamburger Feuerwehr hat die Warnung wegen des Sturmtiefs „Xavier“ ins Freie zu gehen am Donnertagsnachmittag wieder aufgehoben. „Unsere Warnung, sich nicht im Freien aufzuhalten, heben wir hiermit auf. Dennoch: Vorsicht vor abgebrochenen Ästen!“, hieß es in einem Feuerwehr-Tweet.

 

Nahverkehr in Hamburg gestört

„Xavier“ beeinträchtigt den öffentlichen Nahverkehr in Hamburg. Wie die Deutsche Bahn am Donnerstag mitteilte, kommt es im gesamten S-Bahn-Netz zu Verspätungen, die Strecke der S1 zwischen Altona und Wedel musste wegen umgestürzter Bäume gesperrt werden. Auch die U-Bahn ist nach Angaben der Hochbahn betroffen. Aus Sicherheitsgründen gelte auf allen oberirdischen Strecken ein Tempolimit von 40 Stundenkilometern, twitterte die Hochbahn.

Ein entwurzelter Baum am Koppeldamm in Elmshorn.
Ein entwurzelter Baum am Koppeldamm in Elmshorn. Foto: Carsten Wittmaack
 

Die Linie U1 fahre nicht zwischen Kellinghusenstraße und Norderstedt Mitte sowie zwischen Wandsbek Gartenstadt und Ohlstedt/Grosshansdorf. Die Linie U2 könne nicht zwischen Billstedt und Mümmelmannsberg fahren und der Betrieb der U3 sei zwischen Kellinghusenstraße und Schlump sowie zwischen Barmbek und Wandsbek Gartenstadt eingestellt worden.

In allen Fällen wurden Busse und Taxen angefordert. Wie eine Sprecherin des Unternehmens mitteilte, müssen Pendler wegen der Straßenverhältnisse auch beim Ersatzverkehr mit Verspätungen rechnen. Wie lange die Strecken gesperrt bleiben, war zunächst unklar.

Zahlreiche Schäden im Kreis Pinneberg

Ein umgestürzter Baum hat gegen 14 Uhr die S-Bahn-Strecke zwischen Hamburg-Altona und Wedel lahmgelegt. Der Verkehr musste für die Bergungsarbeiten komplett eingestellt werden. Auch die AKN ist betroffen. Wegen des anhaltenden Sturmes kommt es auf der AKN-Linie 3 zu starken Behinderungen Zwischen Elmshorn - Barmstedt - Henstedt-Ulzburg. Gegen 15:30 Uhr sollen die ersten Züge wieder fahren. Der Betrieb soll sich nach AKN-Angaben bis zum Nachmittag wieder normalisieren.

Die Dorfstraße in Hasloh ist gesperrt.

Die Dorfstraße in Hasloh ist gesperrt.

Foto: Ute Springer
 

In Hasloh musste die Dorfstraße gesperrt werden. Kein Durchkommen nach bzw. von Norderstedt: Entlang der Strecke liegen derzeit 15 große Bäume sowie mehrere große Äste auf der Straße. „Es wird dauern bis wir aufräumen können, weitere Bäume drohen zu fallen und der Eigenschutz geht vor“, betonte Haslohs stellvertretender Wehrführer Lars Breckwoldt.

Ein umgestützter Baum ist in Elmshorn auf einen Sportwagen gefallen.

Ein umgestützter Baum ist in Elmshorn auf einen Sportwagen gefallen.

Foto: Ulf Marek
 

Viele Einsätze für Feuerwehren in Dithmarschen

Sturm und Regen haben für zahlreiche Polizei- und Feuerwehreinsätze gesorgt. Im Kreis Dithmarschen und der näheren Umgebung musste die Feuerwehr bereits mehr als 80 Mal ausrücken, wie ein Feuerwehrsprecher am Donnerstag sagte. Keller stünden unter Wasser, Bäume seien unter anderem auf Straßen gefallen. Personen oder Tiere seien nicht zu Schaden gekommen. Vereinzelt musste die Feuerwehr wegen umgestürzter Bäume auch im Kreis Segeberg ausrücken. Ungefähr 20 Einsätze bestätigte die Feuerwehr in Eiderstedt (Kreis Nordfriesland). Dort seien vor allem die Städte Tönning und Garding betroffen. Auch hier liefen zumeist Keller voll.

Wetterbedingter Einsatz für die Feuerwehr in Brunsbüttel.
Wetterbedingter Einsatz für die Feuerwehr in Brunsbüttel. Foto: Karsten Schröder
 

Grund für die Wetterlage ist ein von Schottland kommendes Sturmtief, das mit kräftigen Winden kühle Meerluft nach Deutschland bringt. Es bestehe die Gefahr von orkanartigen Böen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 110 Stundenkilometern. Die Experten warnten dabei vor entwurzelten Bäumen, herabstürzenden Gegenständen und Schäden an Gebäuden. Aufenthalte im Freien sollten möglichst vermieden werden.

Außerdem sei laut Wetterdienst mit Dauerregen zu rechnen. In 24 Stunden werde eine Regenmenge von 40 bis örtlich 50 Litern pro Quadratmetern erwartet. Vereinzelt kann es auch zu Gewittern kommen.

Mehrere Hundert Einsätze in Lübeck

In der Zeit von 14 bis 15.30 Uhr zählte die Regionalleitstelle der Polizeidirektion Lübeck mehrere hundert sturmbedingte Einsätze, teilte Dirk Asmussen, Pressesprecher der Polizeidirektion Lübeck mit.

Zum überwiegenden Teil handelte es sich hierbei um entwurzelte Bäume und umgeworfene Bauzäune. Zu dem war die durch den Starkregen teilweise die Fahrbahnen überflutet. Die Arbeiten werden vermutlich bis in die Nacht hinein andauern, sagte Asmussen weiter.

Rendsburg-Eckernförde  und Neumünster

In Neumünster rückten die Feuerwehr und Polizei zwischen 12.30 und 14.30 Uhr 28 Mal aufgrund des Unwetters aus. Starkregen hatten wie in weiten Teilen Schleswig-Holsteins zahlreiche Straßen überflutet und Bäume umkippen lassen. Verletzt wurde, laut Polizeiangaben, niemand.

Im Kreisgebiet Rendsburg-Eckernförde wurden insgesamt 21 Einsätze dokumentiert. Diese verteilten sich ohne besonderen Schwerpunkt. Die Städte Rendsburg und Eckernförde waren fast nicht betroffen.

Tönning im Ausnahemezustand

Der erste Alarm kam um 11 Uhr: die Schule am Ostertor stand unter Wasser. Daraufhin ging es im Minutentakt weiter, sagt Tönnings Wehrführer Dr. Stefan Klützke die dramatische Lage. „Uns wurden gleich mehrere unter Wassere stehende Straßenzüge gemeldet.“

xavier

Mit Pumpen versuchten die Einsatzkräfte, das Wasser abzupumpen.

Foto: Helmuth Möller

Vor Ort glich Tönning einer Seenlandschaft. Bewohner aus dem Gebiet  Skaerbekweg und den angrenzenden Straßen konnten ihre Grundstücke nicht mehr verlassen. Das Wasser stand mehr als Knöchelhoch.

Einsatzkräfte und Pumpen waren auch dringend erforderlich, denn die Kanalisation konnte diese enormen Wassermengen nicht mehr aufnehmen. Es wurde Großalarm ausgelöst und die gesamte Feuerwehrbereitschaft Nordfriesland rückte aus. Weil die Anzahl der Einsatzkräfte nicht ausreichte, wurden weitere Wehren aus Schleswig-Flensburg angefordert.

In einigen Straßenzügen stand das Wasser knöchelhoch.

In einigen Straßenzügen stand das Wasser knöchelhoch.

Foto: Helmuth Möller
 

Zahlreiche Behinderungen durch „Xavier“ in Niedersachsen

Die Feuerwehren in Niedersachsen sind wegen Sturmtief „Xavier“ im Dauereinsatz. In vielen Landesteilen mussten die Helfer zu Dutzenden von Einsätzen ausrücken. In Hannover meldete die Feuerwehr Notlagen wegen umgestürzter Bäume auf Straßen und abgerissener Dachverkleidungen, ein Ast durchschlug die Windschutzscheibe eines fahrenden Autos. Im Landkreis Holzminden wurde eine Kreisstraße bei Bevern von einem umgestürzten Baum blockiert, außerdem stürzte in Polle ein Baum auf drei Autos, ohne dass jemand verletzt wurde. In Werlte bei Osnabrück krachte ein Autofahrer in einen umgestürzten Baum.

Auch im Fährverkehr zu den Nordseeinseln kommt es zu Behinderungen. Fünf Katamaran-Verbindungen nach Borkum wurden am Donnerstag abgesagt, dafür sollten drei zusätzliche Fährabfahrten eingerichtet werden, teilte das Fährunternehmen AG Ems mit. Auch im Schiffsverkehr mit Norderney und dem Fährverkehr nach Wangerooge wurden Einschränkungen erwartet. Wegen erwarteter hoher Wasserstände wurden für den Freitag bereits mehrere Verbindungen nach Wangerooge abgesagt.

Wegen umgestürzter Bäume und beschädigter Oberleitungen musste der Bahnverkehr am Donnerstagmittag zwischen Bremen und Bremerhaven sowie Oldenburg und auf der Verbindung Hildesheim-Lehrte unterbrochen werden, teilte die Deutsche Bahn mit.

Auf anderen Strecken kam es zu Verzögerungen, unter anderem auf der Hauptstrecke von Hannover Richtung Hamburg. Vorsorglich reduzierten die Züge dort die Geschwindigkeit in einem waldreichen Gebiet zwischen Deutsch Evern und Lüneburg auf 80 Stundenkilometer. Auch zwischen Hamburg und Cuxhaven fuhren die Züge langsamer.

Zu Verzögerungen kam es auch auf den Hauptachsen von Hannover Richtung Bremen und dem Ruhrgebiet, weil Probleme bei der Stromversorgung der Signale in Wunstorf die Züge ausbremsten.

Flugausfälle in Bremen und Hannover

Der Flughafen Bremen meldete drei gestrichene Flüge von und nach Amsterdam sowie eine abgesagte Maschine aus Istanbul. Auch in Hannover fielen Verbindungen mit der niederländischen Hauptstadt sowie nach Istanbul aus. Obwohl der Airport nach Angaben einer Sprecherin grundsätzlich angeflogen werden konnte, mussten mehrere Piloten ihre Landeversuche abbrechen und durchstarten.

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