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Foodwatch : Thilo Bode: „Es gibt versteckte Gifte“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Foodwatch hat Macht. Hat Foodwatch zu viel Macht? Ein Streitgespräch von "Schleswig-Holstein am Sonntag" mit Chef Thilo Bode.

Schleswig-Holstein am Sonntag: Herr Bode, wenn Sie etwas sagen, hat das großes Gewicht. Foodwatch-Mitteilungen werden von meinen Kollegen in den Medien begeistert weitergegeben. Glückwunsch!

Thilo Bode: (lacht) Aber wir können ein Thema nicht in die Öffentlichkeit bringen, wenn es nicht den Nerv trifft.

Der Nerv heißt Angst?

Wenn Menschen beim Verzehr eines Lebensmittels Angst haben müssen, ist das ein relevantes Thema. Und wenn die Leute getäuscht werden, mögen sie das auch nicht. Aber Sie sagen, wir seien Meister der Kommunikation, als bräuchten wir uns nur hinsetzen und zu überlegen, wie wir Schlagzeilen produzieren. Das reicht nicht.

Bekommen Sie hin.

Nein.

Wenn Sie den Goldenen Windbeutel verleihen, stehen meine Kollegen stramm und bringen das.

Ja, das ist ja auch ganz unterhaltsam, und ein wichtiges Thema.

Und neulich prangerten Sie eine „legale Verbrauchertäuschung“ an. Sie schaffen es tatsächlich, dass meine Branche begeistert vermeldet, dass Sie jemanden wegen legalen Verhaltens angreifen. Sensationell.

Ich hoffe, Sie meinen das nicht ernst.

Doch.

Damals bei Greenpeace haben wir dafür gekämpft, dass es illegal sein muss, Chemikalien in Flüsse einzuleiten. Heute ist das so. Genauso muss es mit irreführenden Produktinformationen kommen, die noch erlaubt sind.

Wenn Industrieunternehmen Chemikalien in Gewässer einleiten, habe ich es mit einer sehr konkreten Gefahr zu tun. Ihr Beispiel bedeutet keine solche Gefahr.

Es muss ja nicht nur etwas schlecht sein, was mit einer Gesundheitsgefahr zu tun hat. Wenn wir beim Lebensmittelkauf getäuscht werden, finden wir das nicht gut. Wir finden auch nicht gut, dass die Kommission, die das Lebensmittelbuch mit den Leitsätzen zur Kennzeichnung von Produkten formuliert, wenig demokratische Legitimation hat. Sie wird direkt und indirekt von der Wirtschaft dominiert. Das wollen wir ändern.

Aber verfügen Sie über mehr demokratische Legitimation?

(lacht) Jede zivilgesellschaftliche Organisation ist durch die Meinungsfreiheit legitimiert. Aber darum geht es hier nicht: Diese Kommission veröffentlicht nicht nur Meinungen, sie trifft Festlegungen, die quasi Gesetzescharakter und Auswirkungen auf alle Verbraucher haben.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung ist eine demokratische Institution. Dessen Präsident sagt, Lebensmittel seien noch nie so sicher wie heute gewesen. Spinnt der?

Ich frage mich, was Sie für ein merkwürdiges Demokratieverständnis haben, wenn Sie unsere demokratische Legitimation anzweifeln.

Ich habe gefragt, ob Ihre demokratische Legitimation mehr Gewicht habe als die der Industrie.

Nein, natürlich nicht. Die Unternehmen dürfen ihre Meinung genauso äußern wie wir, das haben wir auch nie angezweifelt. Unsere Meinung ist, dass es schwere Missstände gibt und der Staat es alleine nicht schafft, Verbraucherrechte zu schützen.

Der Staat sagt: Essen war noch nie so sicher wie jetzt.

Dummerweise ist es ja nicht immer so, dass die Vertreter des Staates das sagen, was stimmt, sondern auch mal das glatte Gegenteil. Die Behauptung, dass Lebensmittel so sicher wie nie seien, ist ein Totschlagargument. Natürlich gibt es kein verschmutztes Wasser mehr. Heute gibt es versteckte Gifte. Insofern ist eine solche Aussage ausgesprochen dumm.

Sie nehmen sich die Freiheit, Unternehmen an den Pranger zu stellen, die sich, wie Sie selbst zugeben, legal verhalten. Das ist schon sehr anmaßend!

Das sagen Sie. Wenn etwas legal ist, aber dem Sinn des Gesetzes widerspricht, dann müssen wir das kritisieren. Legal ist nicht automatisch gleich legitim.

Aber Sie sind doch nicht der Gesetzgeber.

Natürlich nicht – aber halten Sie deshalb jede Kritik an bestehenden Gesetzen für unangemessen? Es gibt viele Gesetze, die den Grundrechten widersprechen.

Werden meine Grundrechte verletzt, wenn ich einen Supermarkt betrete?

Es gibt Gesundheitsrisiken, bei denen wir denken, dass der Verbraucher nicht ausreichend geschützt ist.

Für wie blöd halten Sie die Leute, wenn Sie Ihnen erklären, was gut und schlecht für sie ist? Jeder kann doch auch seines Unglücks Schmied sein und Schrott essen.

Das stimmt schon. Aber erst einmal müssen die wesentlichen Informationen über Produkte da sein, damit jeder bewusste Entscheidungen treffen kann. Und es gibt Gruppen, die ein besonderes Schutzbedürfnis haben. Kinder zum Beispiel.

Dafür gibt es Eltern.

Lassen Sie mich mal ausreden. Es wird das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit nicht gewährleistet, wenn die Menschen gesundheitlich bedenkliche Zusätze oder versteckte Zuckeranteile untergejubelt bekommen oder Giftstoffe aufgrund mangelhafter Kontrollen in der Nahrungsmittelkette bleiben.

Wenn das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt wird, ist das ein Fall für den Staatsanwalt.

Nein. Sie können als Verbraucher kein Dioxin in Eiern nachweisen und zur Staatsanwaltschaft rennen.

Aber Sie können einen solchen Fall doch nicht als pars pro toto erklären.

Das sind Fälle, die für eine Branche stehen, die das Recht auf Gesundheitsschutz und vor Täuschungen nicht realisiert.

Im großen Stil?

Im großen Stil.

Und die Behörden sitzen daneben und schauen sich das an?

Oder sind machtlos.

Und Sie tun was.

Wir wollen die Dinge beim Namen nennen und ändern. Sie können ja schreiben, dass das alles läppisch sei. Wir finden das nicht. Das ist unser Recht.

Wo sind denn die Opfer? Die müssten ja bei der Polizei Schlange stehen und Anzeige erstatten.

Reichen Ihnen denn zum Beispiel die 15 Prozent übergewichtiger Kinder nicht aus? Oder erinnern Sie sich an Ehec, wo keiner verantwortlich gemacht wurde?

Wenn man Sie und Ihre Organisation so hört, wird immer die böse Industrie angeprangert und jetzt kommen Sie mit Ehec. Die Ehec-Welle, die mit 53 Toten und tausenden Verletzten der größte Lebensmittelskandal der jüngeren Vergangenheit war, ging von einem kleinen Bio-Betrieb aus.

Ehec hat die Schwachstellen der Lebensmittelsicherheit aufgezeigt. Aber Sie wollen etwas über die Industrie hören? Gut: Die Industrie hat eine ganz große Verantwortung, weil sie Produkte, die ausgewogen sein könnten, so süß macht, dass sie nichts anderes sind als Süßigkeiten, sie aber dennoch als gesund verkauft.

Wir fragen das ja so nach, indem wir es kaufen. Mich hat noch nie jemand gezwungen, einen Joghurt zu kaufen.

Sie können doch oft gar nicht erkennen, wie süß der ist. Die Industrie bekämpft Transparenz.

Wir sind bei Ehec, und Sie greifen schon wieder die Industrie an. Dieser Skandal hatte in der Tat alle Dimensionen gesprengt, aber nichts mit der Industrie zu tun.

Da ging es auch um Rückverfolgbarkeit, für die wir gegen die Industrie kämpfen. Damals wurde einfach ganz schnell nach Ägypten gezeigt, wo der Samen für die Sprossen herkam. So haben die Behörden Entwarnung gegeben. Die Wahrheit ist: Bewiesen ist diese These mitnichten, keiner weiß bis heute, woher die Keime kamen.

Aber eine solche Katastrophe wie Ehec hat die Lebensmittelindustrie in den vergangenen Jahren nicht produziert.

Hier gab es Tote. Das ist besonders schlimm. Tote gab es zuletzt aber auch zum Beispiel durch industriell produzierten, Listerienverseuchten Käse. Hinzu kommen schleichende Gefahren, durch die nicht sofort einer tot umfällt.

Wie viel Macht hat Foodwatch?

Wir haben keine Macht, sondern bestenfalls Einfluss. Wir können die öffentliche Debatte etwas mitbestimmen. Und eine Debatte über die von Ihnen so geschätzte Verbrauchertäuschung wäre ohne uns wohl auch nicht so gekommen.

(lacht) Das ist Polemik!

Wir sagen seit Jahren, dass wir gegen Verblödungsprodukte sind. Da tut sich aber nichts. Also haben wir de facto keine Macht – und offenbar auch noch zu wenig Einfluss.

Keine Macht? Unternehmen zittern, wenn Sie mitbekommen, dass sie im Visier von Foodwatch sind.

Das schadet nichts.

Das nenne ich Macht.

Naja. Eigentlich hat nur der Staat mit seinen Organen Macht. Wir können nur eine öffentliche Debatte beeinflussen, aber wir entscheiden nicht über Gesetze oder Unternehmenspolitik. Denken Sie dagegen an die Industrie, die gerne mal mit der Verlegung von Arbeitsplätzen droht.

Das wäre wirklich nicht im Interesse der Beschäftigten.

Nicht jeder Arbeitsplatz ist gut. Ein Süßwarenhersteller will immer, dass mehr Zucker konsumiert wird, das ist aber nicht im Interesse der Allgemeinheit. Es wäre gut, wenn weniger Süßwaren produziert würden. Kinder essen doppelt so viel, wie sie sollten.

Wer entscheidet, wie viel gut ist? Sie? Kann es nicht sein, dass das sehr individuell ist?

Es gibt dazu in der Wissenschaft klare Vorstellungen. Deswegen möchten wir auch, dass bestimmte Produkte nicht an Kinder beworben werden dürfen, damit die nicht immer mehr Unausgewogenes essen.

Werden die Eltern immer blöder?

Sie wollen nicht zuhören. Es gibt massive Täuschungen, insbesondere im Vergleich zu früher. Sie können ja sagen, dass alles bereits ausreichend transparent ist. Wir sehen das anders und kämpfen für Veränderungen. Sie können das bescheuert finden, aber tolerieren sollten Sie es bitte.

Das tue ich. Vielen Dank für den Streit.

Danke auch.

Interview: Jan-Philipp Hein

Mehr Infos zur neuen Schleswig-Holstein am Sonntag finden Sie hier.
 

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