Digitale Sprechstunde : Tele-Medizin löst Hausbesuche ab

Damit der Arzt eine Diagnose stellen kann, ist nicht mehr überall ein Besuch der Praxis notwendig. Manches lässt sich auch per Telemedizin erledigen.
Ärzte werden zunehmend von den Kassen in Regress genommen, wenn sie Patienten zu Hause behandeln, die nicht krankheitsbedingt immobil sind.

Ärzte fahren immer seltener zu ihren Patienten. Fernbehandlung am Computer soll Hausbesuche ersetzen. Doch klappt das?

Margret Kiosz von
18. Mai 2018, 08:52 Uhr

Der Vorwurf ist heftig. „Es finden sich kaum noch Mediziner, die ins Haus kommen. Stattdessen soll es jetzt die Fernbehandlung am PC richten“, schimpfte auf dem Ärztetag Eugen Brysch, Chef der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Und die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Bad Segeberg bestätigen den Trend: Binnen drei Jahren hat sich die Zahl der Hausbesuche auch in Schleswig-Holstein um gut 20 Prozent verringert. 2014 haben die Mediziner 554.000 Einsätze in Heimen und Privatwohnungen abgerechnet, 2017 waren es nur noch 433.100.

Dafür gibt es nach Aussage des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein gute Gründe. Wie dessen Landeschef Thomas Maurer berichtet, werden Ärzte zunehmend von den Kassen in Regress genommen, wenn sie Patienten zu Hause behandeln, die nicht krankheitsbedingt immobil sind. „Der Bus fährt so selten“ oder „Ich mag mein Kind mit Fieber ungern aus dem Bett holen“ – das reiche nicht mehr.

Zudem sind laut Maurer Senioren heute mobiler. „Wer zum Ergotherapeuten und zur Krankengymnastik geht, kann auch in die Praxis  kommen. Das ist besser als im Schaukelstuhl auf den Doktor zu warten.“ Auch müsse die Arbeitszeit angesichts des Ärztemangels sinnvoller genutzt werden. „In einer Stunde kann ich zwei Hausbesuche machen und sitze die längste Zeit im Auto.“ 

Die als Ersatz für Hausbesuche ins Gespräch gebrachte digitale Sprechstunde ist für den Verbandschef jedoch nur eine Ergänzung. „Das geht, um per Video zu prüfen, ob der Verband noch richtig sitzt“, so Maurer. Patienten-Obmann Brysch fürchtet, die Online-Sprechstunde bringe Senioren keine Verbesserungen: „Sie werden noch  mehr abgehängt.“

Das sieht der Barmer-Landeschef Bernd Hillebrand anders. „Es ist eine Mär, dass nur die Jungen mit dem Internet umgehen können.“ Auch die KV räumt ein: „Perspektivisch kann die Telemedizin zu weiteren Rückgängen der ärztlichen Hausbesuche führen, was aber medizinisch sinnvoll und keine Verschlechterung der Versorgung wäre.“

Es ist Gefahr im Verzug

Ein Kommentar von Margret Kiosz

Noch vor einigen Jahren sagte sich der Doktor auf Hausbesuchs-Tour: Wenn ich schon in der Gegend bin, kann ich auch schnell bei Frau Meyer rein schauen, einen kurzen Schnack halten und ihren Blutdruck messen. Gut getan hat das beiden. Doch die Kasse will für solchen sozial wichtigen aber medizinisch nicht notwendigen Service nicht mehr zahlen. Das mag man bedauern, aber so tickt heute die Welt.   

Wenn jetzt aber selbst der medizinisch notwendige Hausbesuch durch Online-Sprechstunden ersetzt werden soll, ist Gefahr im Verzug. Der direkte, persönliche Kontakt bleibt der Goldstandard in der Versorgung. Mimik, Stimme, Körperhaltung – alle feinen Schwingungen, die dem aufmerksamen Doktor Hinweise auf den Zustand des Patienten geben, sind nur von Angesicht zu Angesicht wahrnehmbar. Ein eindimensionaler Bildausschnitt auf dem Laptop kann das nicht ersetzen.

Nur als Ergänzung ist die digitale Sprechstunde sinnvoll – genauso wie der Einsatz von Assistenzpersonal, das bei Frau Meyer vorbei schaut und den Blutdruckwert in die Praxis übermittelt. Die Regel sollte es aber nicht werden. Der Warnruf der Patientenschützer kommt gerade noch rechtzeitig, um digitalen Unfug in der Medizin zu verhindern und Augenmaß einzufordern.

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