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TV-Kritik : "Tatort": Ein Kind wird zum Mörder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie in eine Eiterbeule stechen die Wiener „Tatort“-Macher hinein in die traurige Lebenswelt der Zwangsprostituierten aus Ost- und Südosteuropa. Was für ein Horror!

Und wieder müssen unsere Wiener Superbullen im Ausländermilieu ermitteln. Kaum vorstellbar – diesmal gegen einen zwölfjährigen Jungen. Aber warum hat der kleine Ivo (Abdul Kadir Tuncel) die Angestellte einer Bowlingbahn bei einer Zigarettenpause mit seiner Spielzeug-Pumpgun voller Benzin bespritzt, sodass sie sofort in Flammen aufgeht und später im Krankenhaus stirbt?

Das finden Moritz Eisner und Bibi Fellner (Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser) schnell heraus: Weil die junge Frau, Yulya Bakalova (Milka Kekic), vor Jahren mit ihrer Aussage vor Gericht den brutalen Zuhälter Ilhan Aziz (Murathan Muslu) hinter Gitter gebracht hatte. Kaum wieder auf freien Fuß, schien Aziz nun den bulgarischen Jungen für seine perfide Rache benutzt zu haben. Was für ein Horror!

Nicht nur für Bibi, die Yulya seit ihrer Zeit bei der „Sitte“ kennt und ihr seinerzeit nicht nur versprochen hatte, sie nach dem Aziz-Prozess zu beschützen, sondern vor allem den Jungen, der die dramatischen Folgen seiner Tat gar nicht absehen konnte. Nur, dass er damit seine Mutter (Daniela Golpashin) aus ihrem Elend als Sex-Sklavin befreien kann, wie es ihm Aziz offenbar versprochen hatte.

Also geht es nicht nur darum, Aziz den Mord nachzuweisen, sondern den Jungen zu retten und ihm trotz seiner grausigen Tat eine Zukunft zu sichern. Eine doppelte Herausforderung für Moritz und Bibi. Fast unlösbar und sehr bald auch – lebensgefährlich.

Wie in eine Eiterbeule stechen Martin Ambrosch (Buch) und Sabine Derflinger (Regie) mit ihrem „Tatort“ hinein in die traurige Lebenswelt der Wiener Zwangsprostituierten aus Ost- und Südosteuropa. Etwa 6.000 sollen es sein. Und der Staat schaut einfach weg.

So alarmiert uns das Schicksal des kleinen Ivo ebenso, wie das empathische Spiel unserer Protagonisten, die zwischen Wut und Betroffenheit das Schlimmste zu verhindern suchen – den Verlust der Verantwortung gegenüber diesen Frauen. Ein präzises, erschütterndes und absichtsvoll inszeniertes Grauen im Dienste der Menschlichkeit. Einschalten!
 

„Tatort – Angezählt“, heute, 20.15 Uhr, ARD


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