„Bahn-Chaos“ der Marschbahn : Sylter Bürgermeister prangert Bund an

Auf der Marschbahn kommt es immer wieder zu Zugausfällen und Verspätungen. Bis zum 10. Juni können Pendler deshalb einen Antrag auf Sonderentschädigung stellen. Viele haben dies bereits gemacht.

Bei der Marschbahn kommt es immer wieder zu Zugausfällen und Verspätungen. Bis zum 10. Juni können Pendler deshalb einen Antrag auf Sonderentschädigung stellen. Viele haben dies bereits gemacht.

Die An- und Abreise von Sylt ist oft mit desaströsen Zuständen verbunden. Für Nikolas Häckel ist der Bund mitverantwortlich.

shz.de von
28. Mai 2018, 16:06 Uhr

Hamburg/Westerland | Für die „chaotischen Bahnverhältnisse“ zwischen Sylt und dem Festland ist nach Ansicht des Bürgermeisters der Gemeinde Sylt, Nikolas Häckel, neben der Deutschen Bahn entscheidend der Bund verantwortlich.

„Seit Jahren fordern wir, dass die bisher eingleisige Strecke zwischen dem Festland und Sylt zweigleisig ausgebaut wird. Doch im Bundesverkehrswegeplan ist unsere Lebensader weiterhin ohne Priorität eingestuft“, kritisierte Häckel am Montag. Erneut fielen zahlreiche Züge im Nahverkehr wegen defekter Gleise aus, Intercity-Züge hatten nach Angaben der Bahn Verspätungen.

Zusammen mit Landesverkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) versuche man in Berlin die überfällige Priorisierung im Bundesverkehrswegeplan zu erreichen. Es gebe inzwischen eine gewisse Bereitschaft im Bundesverkehrsministerium, unsere Probleme nachzuvollziehen – „von einer Realisierung sind wir aber noch weit entfernt“, sagte Häckel.

„Wir machen unseren Tourismus kaputt“

Auch Buchholz appellierte erneut an den Bund, sich endlich für die Zweigleisigkeit zu entscheiden. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ingrid Nestle (Grünen) aus Schleswig-Holstein machte die große Koalition für das „Bahn-Chaos“ verantwortlich. Jahrelang sei der Unterhalt der Strecken vernachlässigt worden. Bis heute fehle es an Investitionen für neue Gleise. „Die große Koalition hat all unsere Anträge zum Ausbau der Strecke nach Sylt abgelehnt.“ „Wir machen unseren Tourismus kaputt“, warnte Bürgermeister Häckel.

Sylt biete ein großartiges Urlaubserlebnis, „die An- und Abreise ist aber oft mit desaströsen Zuständen verbunden“. Und auch der Verlust von Fachkräften drohe. „Täglich kommen 4500 Pendler nach Sylt, die ihren Lebensrhythmus völlig nach der Bahn und ihren Pannen ausrichten müssen – das geht auf Dauer nicht.“ Die Gleisanlagen seien völlig veraltet, sagte Häckel mit Blick auf die jüngsten Schäden, die zu zahlreichen Zugausfällen am Wochenende und auch am Montag führten.

 

Bei Messungen auf der Strecke war nach Angaben der Deutschen Bahn festgestellt worden, dass mehrere Schienenteile zwischen Bredstedt auf dem Festland und Morsum auf Sylt beschädigt sind. Die Züge dürfen deshalb an diesen Stellen höchstens Tempo 20 fahren.

Ausfälle wegen Störungen in neuer Software

Die Bahn will diese Woche alle schadhaften Gleise abschleifen. „Wir können nur nachts mit unseren Schienenschleifzügen arbeiten, da tagsüber der Zugverkehr rollt“, sagte Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis. Die langsamen Fahrstellen zwischen Niebüll und Westerland seien inzwischen beseitigt, so dass zumindest die Autozüge wieder planmäßig verkehrten. „Aber südlich von Niebüll haben wir noch etliche Langsamfahrstellen.“

Die Probleme auf der Marschbahn bestehen laut Häckel seit Übernahme der Strecke durch DB Regio Nord Ende 2016. Meyer-Lovis betonte, das Unternehmen habe die Strecke ohne Züge übernommen und zunächst alte Züge als Ersatz verwendet. Die neuen Züge seien lange wegen defekter Kupplungen ausgefallen. Und aktuell mache ein Software-Problem zu schaffen, so dass längere Züge nicht gekoppelt werden könnten. Viele Züge führen mit vier oder sechs statt etwa mit zehn Wagen zwischen Westerland (Sylt) und Hamburg-Altona. Der Grund für die kurzen Züge sowie teilweise Verspätungen und Ausfälle liege vor allem an Störungen des neuen Software-Programms „Wire Train Bus“ (WTB).

„Die Software dieses Programms haben wir gemeinsam mit dem Fahrzeugvermieter Paribus-DIF sowie dem Hersteller Bombardier Anfang des Jahres in die Systeme der Marschbahnwagen aufgespielt“, erklärte Meyer-Lovis. „Das neue System soll dafür sorgen, dass wir Züge mit vier und sechs Wagen beliebig miteinander kuppeln können, ohne auf die Wagenreihung achten zu müssen, und damit längere Züge verfügbar sind.“ Umso ärgerlicher sei es, „dass WTB derzeit trotz Zusagen des Herstellers noch nicht einwandfrei läuft und in den vergangenen Wochen das Aneinanderkuppeln der Wagenparks teilweise nicht gelang“.

Bis zur nächsten Reisewelle in den Sommerferien solle das System einwandfrei funktionieren.

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