Konkurrenz durch Billig-Alkohol : Subventionen gestrichen: Agrarbrennereien geben auf

Herzstück einer Brennerei: Der Destillierapparat auf Christoph Lutzes Hof.
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Herzstück einer Brennerei: Der Destillierapparat auf Christoph Lutzes Hof.

Ausländische Konkurrenz drückt auf den Markt - eine EU-Regelung gibt ihnen den Rest. Die letzten beiden landwirtschaftlichen Brennereien im Norden machen dicht.

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25. März 2013, 11:37 Uhr

Hohenwestedt/Grossenaspe | Der Destillierapparat ist endgültig verplombt - und Christoph Lutze wehmütig: "Wenn man etwas aufgibt, was man sehr lange gemacht hat, dann ist das ein bewegender Moment", sagt der Hohenwestedter Landwirt. "Die Brennerei war über viele Jahrzehnte eine sichere Einnahmequelle, uns geht nicht zuletzt auch ein Teil an finanzieller Stabilität verloren."

Viehwirtschaft, Ackerbau - und Agraralkohol, Lutzes Familie bewirtschaftet seit 1952 den Hof Eichengrund. Jener besteht an dem Ort bereits seit 1900, die Lutzes wiederum sind ihrerseits bereits seit 1848 in der Produktion von Industrie-Alkohol tätig. Damit ist nun definitiv Schluss, diese Tradition geht verloren.

Billig-Alkohol durch Niedriglöhne in Brasilien

Grund ist eine Liberalisierung des EU-Alkoholmarkts, wodurch das staatliche Branntweinmonopol und damit in Verbindung stehende Fördermittel in Höhe von jährlich derzeit 80 Millionen Euro nicht mehr zulässig sind. Zum Ende des laufenden Wirtschaftsjahrs sind alle landwirtschaftlichen Kartoffel- und Getreidebrennereien betroffen, deren Erzeugnisse als Industriealkohol in der Medizin, Kosmetik und Lebensmittelproduktion zum Einsatz kommen.

So wie bei den Lutzes. In guten Zeiten habe sein Vater noch 300 Prozent der jetzigen Quote von 40.000 Litern produzieren dürfen, sagt Christoph Lutze. Das habe damals bis zu 50 Prozent des Gesamtumsatzes seines Betriebs ausgemacht. Jetzt sei es gerade noch ein Zehntel. "Der Markt ist über die Jahre zunehmend eingebrochen, heute kommt Agrar-Alkohol zum Beispiel aus Brasilien. Der kostet nur ein Drittel von unserem, da haben wir überhaupt keine Chance." Dass dort niedrigste Löhne gezahlt würden und Sozialstandards sowie Umweltschutz keine Rolle spielten, sei der EU egal. "Hauptsache billig heißt die Devise. Es geht immer nur um den Preis. Das macht einen schon wütend."

Kreislauf zwischen Korn und Kuh

Dabei habe es in seinem Betrieb einen perfekten geschlossenen Kreislauf gegeben. "Getreide haben wir selbst angebaut, und das bei der Alkoholherstellung anfallende Nebenprodukt, die Schlempe, haben unsere Kühe als Futter bekommen. Die wiederum produzieren neben Milch und Fleisch Gülle, mit der wir die Getreidefelder gedüngt haben."

Lutze wird sich nun auf Viehwirtschaft und den Anbau von Getreide und Mais als Futtermittel konzentrieren. Was aus seiner stillgelegten Brennerei wird, ist noch unklar, eventuell ließe sich ein Käufer finden, sagt er. Auch die Ausstellung in einem Museum kann sich Lutze vorstellen.

Umstellung auf Mais und Biogas

Montag kommt zum letzten Mal der Tanklaster, mit dem die Produktion des laufenden Wirtschaftsjahres 2012/2013 abgeholt wird. Zum letzten Mal wird ein Zollbeamter dann dafür sorgen, dass die Plombe des Lagers aufgebrochen, die Flüssigkeit in den Tanklaster gepumpt und jener anschließend ebenfalls verplombt wird. Der 85-prozentige Alkohol mit Anteilen von Fuselölen und Methanol wird anschließend von der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein in einer Spezialbrennerei in München noch gereinigt und veredelt, bevor er auf den Markt kommt.

Auch auf dem Augustenhof von Hans Christian Braasch in Großenaspe fährt Montag zum letzten Mal der Tanklaster vor. Die dortige Brennerei besteht bereits seit 1897, ist seit 1943 im Besitz der Familie, die zudem Ackerbau und Bullenmast betreibt. In den vergangenen Jahren habe er sein Brennrecht sogar aufgestockt, sagt Braasch. "Um die Anlage noch einmal voll auszunutzen, bevor Schluss ist." Ein Drittel seines Gewinns erziele er bislang mit der Produktion von Agrar-Alkohol. "Das lässt sich nicht so einfach ersetzen, die Brennerei war im Betrieb fest integriert", so Braasch. Er sei traurig über die Schließung, "aber es lässt sich ja nun mal nicht ändern". Braasch sucht nach Alternativen, war deswegen gerade bei der "New Energy", der Fachmesse für erneuerbare Energien in Husum. Für die Zukunft kann er sich neben der Weiterführung von Bullenmast und Getreideanbau auch die Umstellung auf Mais und die Errichtung einer Biogasanlage vorstellen.

Aufgabe auch am Plöner See

Die landwirtschaftliche Brennerei seines Kollegen Ernst Brüne am Plöner See - ehemals die dritte in Schleswig-Holstein - habe bereits im vergangenen Jahr ihre Produktion eingestellt. "Da war an der Anlage etwas defekt, der hätte in seine Maschinen investieren müssen, aber das lohnte sich nicht mehr", weiß Braasch.

Peter Pilz ist Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Kornbrennereien. Er relativiert: Schleswig-Holstein sei von den Folgen der EU-Regelung kaum berührt. "Aber im gesamten Bundesgebiet sind ungefähr noch 500 landwirtschaftliche Betriebe vom Wegfall des Branntweinmonopols betroffen. Und von denen werden sicher über 90 Prozent dicht machen." Wenn im Jahr 2017 schließlich eine letzte Übergangsfrist für die bundesweit 20.000 sogenannten Abfindungsbrennereien ende, die zum Teil Zwei Drittel ihrer Produktion an das Monopol liefern, sei mit einem weiteren massiven Brennereisterben zu rechnen. Nur gut, dass es diese Art von Betrieben in Schleswig-Holstein gar nicht gibt.

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