Energiewende : Sturm gegen Windkraft

Fröhliche Protestler: Mitgleider der Bürgerinitiative 'Lebenswertes Langenhorn' wollen ihren Ort frei von Windkarftwerken haben. Fotos: ndr
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Fröhliche Protestler: Mitgleider der Bürgerinitiative "Lebenswertes Langenhorn" wollen ihren Ort frei von Windkarftwerken haben. Fotos: ndr

Das Aus der Atomkraftwerke ist beschlossene Sache. Doch gegen Alternativen wie die Windkraftwerke formiert sich ebenfalls Widerstand - zum Beispiel in Langenhorn.

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20. September 2011, 08:32 Uhr

kiel | Nach dem Ausstieg aus der Atomenergie setzt die Bundesregierung verstärkt auf Ökostrom. 22.000 Windmühlen drehen sich bereits in Deutschland und liefern sieben Prozent des Stroms. In wenigen Jahren soll sich dieser Anteil verdreifachen. Mit dem Bau von Windparks können Betreiber und Landbesitzer viel Geld verdienen, dank staatlich garantierter Preise für Ökostrom. Doch im Dorf Langenhorn nahe Husum in Nordfriesland wollen viele Bürger nichts mehr hören von der neuen Technologie mit ihren Riesenmühlen, denn schon jetzt gibt es in Schleswig-Holstein 3000 Anlagen. Sie haben eine Bürgerinitiative gegründet und wehren sich: Gegen den Lärm, die Zerstörung ihrer Landschaft und die Entwertung ihrer Häuser. "Die meisten Leute wissen noch überhaupt nicht, was mit diesen 150-Meter-Mühlen auf sie zukommt", meint Bernd Korthaus, Sprecher der Bürgerinitiative "Lebenswertes Langenhorn".
Die Langenhorner sind mit ihrem Protest nicht allein. Seit Jahren kämpft der Verein "Für Mensch und Natur - Gegenwind Schleswig-Holstein" gegen den Bau von Windkraftwerken. "Stark sind die nicht, aber sie treten überall auf", stellt Detlef Matthiesen fest. Der energiepolitischer Sprecher der Grünen im Kieler Landtag sieht für den Protest auch einen ganz einfachen Grund. Es darf alles gebaut werden, "nur nicht in meinem Garten". Für entscheidend hält er deshalb, dass die Vergabeverfahren sehr transparent verlaufen und vor allem die Akzeptanz der Bürger durch Beteiligung an den Windkrafträdern gesteigert wird. Deshalb sind in Langenhorn auch nicht alle gegen den Bau der "Riesen-Spargel".
Aus Öko-Anhängern werden Wutbürger
Bauer Melf Melfsen zum Beispiel steht zufrieden vor seinem Kuhstall und blickt auf einen Horizont voller Windmühlen. Drei Anlagen gehören ihm. Für ihn sind die drehenden Rotoren ein positives Geräusch, versichert der Landwirt. "Es stimmt schon, die Windkraftanlagen haben die Landschaft verändert. Aber es kommt eben immer auf den Standpunkt an!" Melf Melfsen plant mit anderen Bauern und der Gemeinde einen neuen Energiepark - mit vier Windmühlen, so hoch wie der Kölner Dom: 150 Meter.
Für die Politik droht die eigentlich "hohe Akzeptanz der Windenergie" (Matthiesen) zum neuen Konfliktfeld zu werden. Denn überall dort, wo die Lebensqualität durch den Bau der Mühlen bedroht zu sein scheint, flammt der Protest auf, werden aus Öko-Anhängern Wutbürger, die ihre Bedürfnisse beschädigt sehen. Ralf Stegner, SPD-Fraktion-Chef, sieht die Gefahr und warnt: "Es ist uns bewusst, dass mit der Energiewende - dem zunehmenden Ausbau regenerativer Energien als Ersatz für Energie aus fossilen Quellen - solche Konflikte zunehmen. Es darf jedoch nicht das St.-Florians-Prinzip die Oberhand gewinnen, denn hier geht es um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es gibt keine Energieform, die niemanden in seinen Rechten berührt. Den berechtigten Interessen der Menschen kann entsprochen werden, indem alle Verfahren konsequent transparent gestaltet werden und neue Anlagen in Bürger-Wind-Parks entstehen, an denen sich Interessierte beteiligen können."
Immobilienwerte stehen auf dem Spiel
Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Jost de Jager (CDU) erinnert daran, "dass der Ausstieg aus der Kernenergie nur durch einen konsequenten Ausbau der Windenergie und der Netze zu schaffen ist." Stegner fordert angesichts des hier und da auflodernden Konflikts zwischen Bürgern und Windkraftbetreibern, dass "es rechtssichere Regelungen geben muss, die Klagen verhindern." Ob sich der Protest über solche Regelungen, transparente Vergabeverfahren und Bürgerparks eindämmen lässt, ist fraglich. In einer Studie über die Wutbürger, die das Nachrichtenmagazin "Spiegel" vor einigen Wochen veröffentlichte, wird festgestellt, dass über 90 Prozent der Protestler Grundstückseigentümer und Hausbesitzer sind. Die Studie folgert, "sehr prosaisch formuliert: Die Immobilienwerte stehen auf dem Spiel, wenn Stromleitungen und bis zu 150 Meter hohe Windräder in einem bis dahin beschaulichen Ort den Blick auf die Landschaft verstellen".
Die NDR-Autoren Carsten Rau und Hauke Wendler haben Windkraftbetreiber und deren Gegner eineinhalb Jahre lang mit der Kamera begleitet und ihren erbitterten Streit um einen Windpark in Bildern festgehalten. Die Reportage zeigt einen Konflikt, der sich in den kommenden Jahren in vielen deutschen Gemeinden wiederholen wird.

Ein Dorf streitet um Ökostrom: Eine Reportage von Carsten Rau und Hauke Wendler (29 Min.,) Erstausstrahlung: Freitag, 23. September 2011, 21:15 Uhr, im NDR Fernsehen.

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