Streiks – 2015 neuer Höhepunkt?

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10. Mai 2015, 10:00 Uhr

Eines vorweg: Geht es um Streiks, weichen die gefühlte und die statistisch belegbare Wahrheit bisweilen stark voneinander ab. So auch im vergangenen Jahr, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nun mit Zahlen belegt. Danach gingen das Streikvolumen und die Zahl der an Streiks Beteiligten im Vergleich zu 2013 deutlich zurück. Dass es sich dennoch anders anfühlte, liegt an den Bereichen, die bestreikt wurden. Denn wenn etwa die Metaller oder Bauarbeiter streiken, merkt Otto-Normal-Verbraucher recht wenig. Anders bei Streiks im Dienstleistungssektor – und die waren in 2014 vorrangig und sind es auch in diesem Jahr.

Laut WSI betrafen fast 90 Prozent der Arbeitskämpfe und gut 97 Prozent Prozent aller Ausfalltage den Dienstleistungssektor. Amazon-Mitarbeiter, Lokführer, der Öffentliche Dienst, Piloten, das Sicherheitspersonal auf den Flughäfen – wenn sie in den Ausstand treten, hat das unmittelbare Auswirkungen für fast jeden. Entsprechend anders werden die Streiks wahrgenommen.

Zugleich aber hat die Wucht der Streiks abgenommen. „Da viele dieser Arbeitskämpfe sich auf einzelne Unternehmen beschränkten, sank jedoch zugleich das Volumen der Arbeitskämpfe. Es lag mit 392  000 Ausfalltagen um gut 25 Prozent niedriger als im Vorzahl (551  000)“, erklärt Heiner Dibbusch, Arbeitskampfexperte beim WSI. Noch deutlicher sei gar die Zahl der Streikenden zurückgegangen – trotz öffentlich gegenteiliger Wahrnehmung: „Insgesamt nahmen 2014 rund 345  000 Beschäftigte an Arbeitsniederlegungen teil, ein Rückgang um fast zwei Drittel gegenüber 2013 mit einer Million Beteiligten.“ Dennoch: Auf lange Sicht gesehen, steigt die Streiktätigkeit wieder an – nach der Wirtschaftskrise 2009 hatten die Beschäftigten sich aus Sorge um den Arbeitsplatz zurückgehalten. Und wird, so die Prognose Dibbuschs, in diesem Jahr noch deutlich zunehmen. Bereits Ende Februar haben die Streikaktivitäten auf Grund der – in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen – umfangreichen Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie deutlich über der des vergangenen Jahres gelegen.

„Der seit Mitte der 2000er Jahre zu beobachtende Anstieg der Arbeitskämpfe gründet wesentlich in einer zunehmenden Zersplitterung der Tariflandschaft“, erklärt der Arbeitskampf-Forscher. Hinzu komme die Abkehr der Arbeitgeber von ehemals einheitlichen Tarifstrukturen. „Wie Einheit zerstört wird, demonstriert die Deutsche Post mit der Ausgliederung der Paketzustellung aus dem bestehenden Haustarifvertrag“, so Dibbusch weiter. Während Mitte der 90er Jahre noch für drei von vier Beschäftigte ein Tarifvertrag galt, sind es jetzt nur noch unter 60 Prozent. Im weltweiten Vergleich aber wird Deutschland wohl ein moderat bestreiktes Land bleiben. An der Spitze der von dem WSI zusammengetragenen Zahlen steht im Ländervergleich Frankreich mit 139 arbeitskampfbedingten Ausfalltagen pro 1000 Beschäftigten, gefolgt von Dänemark (135) und Kanada (102). Dagegen sind die in Deutschland verbuchten 16 eher gering.

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