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Lübecker Literaturnobelpreisträger : Stimmen zum Tod von Günter Grass: „Gott kann sich jetzt einiges anhören“

vom

Im Alter von 87 Jahren ist Günter Grass in Lübeck gestorben. shz.de sammelt Reaktionen zum Tod des bedeutenden Schriftstellers.

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erstellt am 13.Apr.2015 | 14:30 Uhr

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): „Die Stimme aus Deutschland, die die Welt aufhorchen ließ bald nach dem Krieg, an dem er, rühmlich oder unrühmlich, aber teilgenommen hatte. Er wusste, wovon er sprach, wenn er schrieb. Und er ahnte auch das Echo - meistens ... Die Schreibmaschine war seine Blechtrommel. Er wusste sie zu nutzen. Zum Nutzen der Leser und unseres Landes. Denn natürlich war er ein Patriot.“

Bundespräsident Joachim Gauck: „In seinen Romanen, Erzählungen und in seiner Lyrik finden sich die großen Hoffnungen und Irrtümer, die Ängste und Sehnsüchte ganzer Generationen. Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes. Er ist zeitlebens ein streitbarer und eigenwilliger politischer Geist geblieben, der Auseinandersetzungen und Kritik nicht fürchtete, immer wieder pointiert in politische Debatten eingriff und sie über Jahrzehnte wesentlich beeinflusste".

Bundesratspräsident Volker Bouffier: „Grass war die Vaterfigur für das Denken und Schreiben der erwachsen werdenden Bundesrepublik. Einer, an dem sich viele gerieben haben - besonders diejenigen, die schnellstmöglich das Vergangene ruhen lassen wollten. (...) Der Nobelpreisträger Grass war sich nicht zu schade für das Tagewerk des Gemeinsinnes. Dem Nobelpreisträger Grass war es selbstverständliche Bürgerpflicht, streitbar in öffentliche politische Debatten einzugreifen, für seine Überzeugungen einzustehen und dafür in Kauf zu nehmen, als umstritten zu gelten. Wie kein zweiter deutscher Künstler trat er ein für Rechte von Minderheiten, für soziale Gerechtigkeit und Demokratie.“

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD): „Mit Günter Grass verliert Schleswig-Holstein eines seiner profiliertesten Gesichter und die Welt einen ganz großen Schriftsteller. Sein Werk hat Generationen von Lesern beeindruckt, er hat die Auseinandersetzung im Deutschland der Nachkriegsjahre maßgeblich beeinflusst und mitbestimmt. Dabei war er über seine Literatur hinaus ein kämpferischer Geist. Mutig und mit offenem Visier hat er sich auch in die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland eingebracht.“

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD): „Hamburg trauert um Günter Grass, den Nobelpreisträger und bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit. Mit Günter Grass verlieren wir nicht nur einen großen Romancier, Erzähler und bildenden Künstler, sondern auch einen homo politicus allerersten Rangs, der die politische Kultur unseres Landes entscheidend mitgeprägt hat, wir sind sehr traurig.“

Herzl Chakak, Verband hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel: „Grass war ein Schriftsteller, der viel zur internationalen Literatur beigetragen hat“. Grass bleibe jedoch auch nach seinem Tod ein umstrittener Autor. Er habe eine politische „Delegitimierungskampagne“ gegen Israel geführ. „Bis zu seinem Tod hat Günter Grass keine Reue über seine harten anti-israelischen Äußerungen gezeigt.“ Mit seinem israel-kritischen Gedicht habe Grass vor drei Jahren einen „modernen Kreuzzug“ gegen den jüdischen Staat geführt.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Günter Grass war ein Weltliterat. Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen“.

Wolfgang Kubicki (FDP): „Mit Günter Grass ist einer der größten und zugleich streitbarsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte von uns gegangen. Mit seinem breiten kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Engagement hat er die bundesrepublikanische Geschichte über viele Jahre mitgeprägt. Der freiheitliche Geist der Bundesrepublik wurde auch durch Intellektuelle wie Günter Grass mit Leben gefüllt. Der Nobelpreisträger hat im Laufe seines schriftstellerischen Schaffens bewiesen, dass ein gleichermaßen konsequentes wie konstruktives Gegen-den-Strich-Bürsten einer freiheitlichen Gesellschaft mehr dient als ein wohlgeformter Meinungsmainstream. Günter Grass wird auch in diesem Zusammenhang eine große Lücke in der Bundesrepublik – aber vor allem in Schleswig-Holstein – hinterlassen.“

Ingbert Liebing (CDU): „Mit Günter Grass verlieren wir einen bedeutenden Schleswig-Holsteiner und Literaten. In Danzig geboren und aufgewachsen hatte er später in der Hansestadt Lübeck eine zweite Heimat gefunden. Nach dem Krieg hat Grass durch sein Schreiben gegen das Vergessen" der Erinnerungskultur ein Gesicht verliehen und damit maßgeblich dazu beigetragen, die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges emotional aufzuarbeiten".

Jörg-Philipp Thomsa,  Leiter des Lübecker Günter-Grass-Hauses: „Wir sind dankbar für die vielen Erlebnisse, die wir mit ihm teilen durften“.

Regisseur Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper: „Es geht auch eine polemische Stimme verloren, die überspitzen konnte, sehr oft zum Ärgernis einiger Menschen, ich werde vor allem seine Freundschaft und seine raue Aussprache vermissen“.

Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung: „Grass wurde in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend als Verfasser politischer Statements wahrgenommen und nicht als der überragende Künstler, der er war. Sicher war er daran nicht ganz unschuldig. Wir alle wissen, dass er eine große Freude daran hatte, gezielt zu provozieren. Aber er wollte immer Diskussionen anstoßen, nicht abschließen.“

Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD): „Das ist ein schwerer Verlust für Lübeck, aber auch für die deutsche und die internationale Literatur, mein tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau und seiner Familie.“

Sigmar Gabriel, Bundeswirtschaftsminister: „Ohne seine mahnende Stimme für mehr Toleranz, seinen Willen zur Einmischung und seine regelmäßigen politischen Interventionen wäre unser Land ärmer, de SPD verneigt sich vor Günter Grass. Seine oft streitbaren Einwürfe und Interventionen in verschiedenen Initiativen haben die politische Kultur in Deutschland bunter und reicher gemacht und das Verhältnis von Politik und Kultur gewandelt“.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): „Er scheute keine noch so heftige Kontroverse, im Gegenteil, er suchte sie, wo er sie für notwendig erachtete. Das machte ihn zu einer Instanz in der politischen Debatte, die zuweilen störte und manchmal auch verstörte.“ Dem Schriftsteller Grass verdanke man „vor allem große, unvergängliche Lesemomente“. Das machte ihn zu einer Instanz in der politischen Debatte, die zuweilen störte und manchmal auch verstörte.“ Dem Schriftsteller Grass verdanke man „vor allem große, unvergängliche Lesemomente“.

Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste:  „Mit Günter Grass verliert die Welt der Literatur einen wortmächtigen Autor und unsere Republik einen ihrer streitbarsten Mitbürger, wenn er die Demokratie in Gefahr sah, ging er keiner notwendigen Auseinandersetzung aus dem Wege“. „Ich persönlich verliere in ihm einen Freund mit Haltung, auf den man sich sowohl politisch, als auch ganz praktisch stets verlassen konnte.“

Sven Krumbeck, parlamentarischer Geschäftsführer der Piratenfraktion: „Mit dem Tod von Günter Grass verliert nicht nur Schleswig-Holstein einen streitbaren Literaten und einen herausragenden Künstler. Werke wie die 'Blechtrommel' und Orte wie das 'Günter Grass-Haus' in Lübeck werden die Erinnerung an sein Schaffen bewahren. Mit Günter Grass verlieren wir aber auch einen engagierten politischen Menschen. Ich denke da zum Beispiel an seinen Einsatz für die Sinti und Roma, die er nicht nur mit seiner 'Stiftung zugunsten des Romavolks' bis zuletzt gefördert und unterstützt hat.“

Autor Tilman Spengler: „Am meisten verbindet mich mit ihm sein Lachen, seine Liebe zum Erzählen. Sein unermüdlicher Einsatz für soziale Zwecke. Und seine Freundlichkeit, über Kollegen zu reden. Dass Literatur dieses eindeutige Antlitz der sozialen Verantwortung trägt, das ist mit Günter Grass da rein gekommen und ist mit ihm geblieben, als viele andere schon wieder das Feld geräumt hatten.“

Das Grass-Haus trauert online mit einem Gedicht des Künstlers:

Wegzehrung

Mit einem Sack Nüsse
will ich begraben sein
und mit neuesten Zähnen.

Wenn es dann kracht,
wo ich liege,
kann vermutet werden:
Er ist das, immer noch er.

Aus: „Fundsachen für Nichtleser“, 1997

FDP-Chef Christian Lindner: „Günter Grass war ein streitbarer Intellektueller - sein literarisches Werk bleibt überragend.“

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig via Twitter:

Bundesjustizminister Heiko Maas:

Grünen-Vorsitzende Kathrin Göring-Eckardt:

 

Autor und Komiker Micky Beisenherz:

Günther Grass' Verlag

Wie dieser Tweet andeutet, sind die Reaktionen im Web nicht nur würdigender Natur.

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