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Sondereinheit Wasserwerfer in Eutin : „Steine werfen gehört zum guten Ton“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie halten wütende Hooligans im Zaum und schützen ihre Kollegen vor Angriffen: die Sondereinheit der Wasserwerfer in Eutin. Das Gewaltpotenzial der Demonstranten steigt dabei immer mehr an.

Vermummte Gestalten werfen Steine in ein Schaufenster, am Straßenrand brennen Müllcontainer, die Stimmung ist aggressiv. Brandsätze fliegen durch die Luft, ein Polizist wird von einer Flasche am Kopf getroffen. Nebenan wird eine Tankstelle geplündert. Erst als die Wasserwerfer zum Einsatz kommen, kann der pöbelnde Mob unter Kontrolle gebracht werden.

Szenen wie diese, die sich zuletzt bei den Krawallen am 1. Mai in Hamburg abgespielt haben, erleben die Beamten des Sondereinsatzzuges der Wasserwerfer in Eutin regelmäßig. Sie rücken an, wenn die Lage durch gewalttätige Gruppen zu eskalieren droht – auf   Demos, bei Fußballspielen oder Massenveranstaltungen. Nicht immer kommt dabei auch der Wasserwerfer zum Zug, bei vielen Einsätzen rücken die Beamten ohne an – je nachdem wie die Situation eingestuft wird.

Wie gefährlich die Lage an einem Einsatzort ist, entscheiden die Polizeiführer. Seit dem Vorfall bei Stuttgart 21 vor fünf Jahren, ist man vorsichtig geworden. Damals, am sogenannten „Schwarzen Donnerstag“, wurden etliche Demonstranten durch den Einsatz von Wasserwerfern schwer verletzt, ein Rentner erblindete.

Ein fataler Fehler, dessen Auswirkungen auch die Kollegen in Eutin noch heute spüren. „Das war eine Katastrophe für uns“, sagt Ulf Schnoor, Leiter des Sondereinsatzzuges. Die Beamten, die damals im Einsatz waren, hätten seit Jahren keine Übung mehr in der Anwendung von Wasserwerfern gehabt. Das dürfe nicht passieren, betont Schnoor. Denn die hochsensible Handhabung mit den Fahrzeugen erfordere viel Training, technisches Know-how und jede Menge Fingerspitzengefühl.

Ulf Schnoor
Ulf Schnoor Foto: Ruff
 

Zwei bis drei Übungen stehen für die 35 Mann starke Eutiner Einheit jede Woche auf dem Plan. Vor allem der neue Wasserwerfer 10.000 – von den Beamten kurz WaWe 10 genannt –, ist vergleichbar mit einer rollenden Festung, die auf dem neuesten Stand der Technik ist.

Seit 2012 ist er im Einsatz und löst damit langsam seinen Vorgänger, den WaWe 9, ab. Mittlerweile ist ein zweiter hinzugekommen, der seit Kurzem in der Garage steht und auf seinen ersten Einsatz wartet. In ein paar Jahren soll auch das dritte Fahrzeug gegen das neue, knapp eine Million Euro teure Modell ausgetauscht werden – wenn der Budgetplan einen weiteren WaWe 10 hergibt.

An fast jedem der fünf Plätze im Innenraum befindet sich ein Schaltpult mit Dutzenden Knöpfen, Monitoren und einem Joystick zum Bedienen der Strahlrohre und Kameras. Kein Wunder, dass Bewerber für die Einheit ein gewisses Grundverständnis für Technik mitbringen müssen.

Die Kameras auf dem Dach des Fahrzeugs sorgen dafür, dass die Beamten im Innenraum jeden Winkel im Umkreis des Fahrzeugs im Blick haben. So viel Technik hat allerdings auch seine Nachteile. „Früher hat das Fahrzeug beim Einsatz noch ordentlich geruckelt, heute merkt man das kaum noch“, sagt Strahlrohrführerin Bahar Akbulut. Abgeschottet von der Außenwelt, in eineinhalb Metern Höhe und mit Scheiben, die einen Großteil des Lärms verschlucken, verliere man leicht das Gefühl für die Situation draußen. „Es wirkt von hier oben nicht so drastisch, als wenn man mitten in der Menge steht“, weiß auch Kommandant Mathias Schmidt. Statt nur auf Hütchen zu zielen, üben die Mitglieder der Einheit deshalb oft mit realistischen Szenarien und simulieren einen Angriff durch radikale Demonstranten.

10.000 Liter Wasser fasst der Tank, daher auch der Name des WaWe 10. Bei vollem Einsatz würde der Inhalt gerade einmal für ein paar Minuten Wasserabgabe reichen. Anders als bei seinem Vorgänger lässt sich der Strahl aus dem Rohr in verschiedene Auffächerungen einteilen – von hart und gebündelt bis Sprühregen sind etliche Varianten dabei, die den Polizisten einen gezielten Einsatz ermöglichen.

Mit Dauerberieselung aus dem Wasserwerfer .......................
Mit Dauerberieselung aus dem Wasserwerfer ....................... Foto: Ruff
 

Sitzblockaden zum Beispiel werden mit einer permanenten Regendusche so lange unter Wasser gesetzt, bis die Demonstranten entnervt aufgeben. Ein pöbelnder Mob, der sich immer weiter in Richtung Fahrzeug bewegt, wird hingegen mit einer Wasserwand zurückgedrängt. Heikler ist der Fall bei sogenannten Straftätern, die Gegenstände werfen oder gewalttätig sind. Hier hilft im Ernstfall nur der gebündelte Strahl, der bis auf 20 Meter zielgenau abgegeben werden und so den Täter aus dem Verkehr ziehen kann, ohne weitere Personen zu verletzen.

Regelmäßig stellen sich die Beamten auch selbst in den Strahl, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Auswirkungen ihre Entscheidungen haben. „Wir wollen das nicht verharmlosen. Es ist etwas völlig anderes, ob man auf ein Hütchen schießt oder auf ein bewegliches Ziel“, weiß Schmidt.

Jeder, der sich schon einmal bei acht bar Druck in den brettharten Strahl gestellt hat, weiß, was für eine enorme Kraft dahintersteckt. „Das gibt richtig böse blaue Flecken“, weiß Bahar Akbulut aus eigener Erfahrung. Bis zu 20 bar wären technisch möglich, doch meist sei das gar nicht nötig. Denn entgegen des Klischees vom brutalen Polizei-Rowdy, sei hier keiner scharf darauf, bis zum Äußersten zu gehen. „Wir pusten ja nicht einfach Leute von der Straße“, sagt Kommandant Arne Thomsen.

Oberstes Gebot sei, den Einsatz so gering wie möglich zu halten. Oft genüge schon eine Durchsage durch den Lautsprecher oder die bloße Präsenz des martialisch anmutenden Fahrzeugs. Sollte das immer noch nicht reichen, werde von Fall zu Fall entschieden, wie der Wasserwerfer zum Einsatz kommen soll. „Wir gucken erstmal, was passiert, ob sich die Lage vielleicht schon beruhigt“, erklärt Mathias Schmidt, „und erst dann entscheiden wir erneut, was zu tun ist.“

Die Veränderungen innerhalb der Demonstrationskultur stellen die Beamten heute vor ganz andere Herausforderungen als noch vor 20 Jahren. Früher ketteten sich Demonstranten an einen Zaun, heute werfen sie mit Flaschen oder Molotowcocktails. „Die Gewaltbereitschaft hat enorm zugenommen“, weiß Ulf Schnoor, „Steine werfen gehört inzwischen zum guten Ton.“

Das Durchschnittsalter in der Einheit liegt bei Mitte Zwanzig. Die meisten Anwärter entscheiden sich nach der Grundausbildung erst für die Einsatzhundertschaft und spezialisieren sich dann für eine der Sondereinheiten wie die Wasserwerfer. Vier Wochen werden die Beamten dann für den Umgang mit den hochtechnisierten Fahrzeugen geschult.

So war es auch bei Mathias Schmidt. Nachdem er mit 21 Jahren seine Ausbildung abgeschlossen hatte, entschied er sich für die Bereitschaftspolizei und kam dann zu den Wasserwerfern. „Ich wollte eigentlich nur fünf Jahre bleiben – inzwischen sind es schon zehn“, sagt er. Der Teamgeist und die unterschiedlichen Herausforderungen hätten ihn von Anfang an gereizt. „Außerdem kommt man sehr viel rum.“

Unter den Kollegen haben sich im Laufe der Zeit viele Freundschaften entwickelt. Ein Umstand, der auch der Arbeit geschuldet ist. „Wenn man Schulter an Schulter stand und solche schwierigen Situationen zusammen durchgemacht hat – das verbindet natürlich“, so Schmidt.

Die meisten Einsätze, bei denen auch der Wasserwerfer angefordert wird, sind in Berlin oder Hamburg, je nachdem wo die Kollegen aus den anderen Bundesländern Hilfe brauchen. In Schleswig-Holstein ist die Lage dagegen eher ruhig. Hier und da mal ein Fußballspiel wie neulich das Aufstiegsspiel bei Holstein Kiel – aber auch das verlief ohne Zwischenfälle. Zuletzt waren sie auf der Travemünder Woche im Einsatz. „Die Leute scheinen hier zufriedener zu sein“, scherzt Kommandant Arne Thomsen.

In Großstädten wie Hamburg sieht das schon anders aus. Berufsdemonstranten nennen die Beamten radikale Störer, die teilweise sogar aus dem Ausland anreisen, um in Deutschland Randale zu machen. Diese Sorte sei besonders gefährlich, denn nicht selten recherchieren sie im Vorwege die baulichen Besonderheiten der Fahrzeuge und versuchen, Schwachstellen auszumachen. „Im Internet kann man alles Mögliche darüber nachlesen, zum Beispiel wie man mit einem Molotowcocktail den Tank in Brand setzt“, erzählt Arne Thomsen.

Trotz der Gefahren, die der Beruf mit sich bringt, ist sich Mathias Schmidt sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Ich wollte einfach keine 40 Jahre lang Streifendienst machen“, sagt er. Das schönste Gefühl sei am Ende, gemeinsam mit den Kollegen eine brenzlige Situation gemeistert zu haben, egal ob mit oder ohne Wasserwerfer. Ein erfolgreicher Einsatz messe sich sowieso an ganz anderen Kriterien. „Das A und O ist es, wieder heil nach Hause zu kommen.“

 

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erstellt am 09.Aug.2015 | 14:03 Uhr

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