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Unterwegs mit den Stauberatern des ADAC : Stau in SH: Wenn nichts mehr geht

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In SH beginnen an diesem Wochenende die Ferien. Wo kein Durchkommen mehr ist, sind die Stauberater des ADAC zur Stelle.

shz.de von
erstellt am 22.Jul.2017 | 12:34 Uhr

Es dauert genau 45 Minuten, bis der Verkehr zum ersten Mal ins Stocken gerät. Kurz hinter Rendsburg geht es nur noch im Schritttempo voran. Von hinten schlängelt sich ein Abschleppwagen durch die Mitte, ab und zu muss er laut hupen, um sich Platz zu schaffen. Es fehlt mal wieder die Rettungsgasse. Obwohl an diesem Freitag viele Urlauber aus Dänemark und Niedersachsen auf der A7 unterwegs sind, ist es diesmal nicht die Ferienzeit, die für den Stau verantwortlich ist: Ein Kleintransporter ist einem Kombi aufgefahren, die Polizei hat die linke Spur gesperrt. Nach einer halben Stunde ist die Unfallstelle geräumt und die  Spur wieder frei. Eigentlich sollte es jetzt zügig weitergehen. Doch der Rückstau zieht sich hin. „Nachwehen“ nennen Stauexperten dieses Phänomen, das durch die summierten Verzögerungen beim Bremsen und Anfahren entsteht. Erst nach einer Stunde fließt der Verkehr wieder.

38 Stunden steht jeder Autofahrer statistisch gesehen pro Jahr im Stau. Geht man davon aus, dass sich ein Fahrer bis zur Rente regelmäßig hinters Steuer setzt, verbringt er also fast 75 Tage auf der Straße, ohne dabei vorwärtszukommen. Verschenkte Lebenszeit sozusagen. „Die meisten Leute bleiben aber entspannt“, weiß Hauke Nohns. Der 47-Jährige muss es wissen: seit zehn Jahren ist er als Stauberater des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) auf der A7 zwischen Hamburg und Flensburg unterwegs, um genervten und verzweifelten Autofahrern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Jeden Freitag und Sonnabend fahren er und sein Kollege Bernd Bossen mit dem Motorrad Patrouille, einer Richtung Norden, der andere Richtung Süden. Per Handy werden sie auf dem Laufenden gehalten: Wo staut sich der Verkehr gerade? Wo sind Unfälle passiert? Hat jemand eine Panne?

Von Juli bis September ist Hauptreisezeit. Vor allem am Wochenende, wenn Bettenwechsel in Dänemark und an Nord- und Ostsee ist, staut sich der Verkehr oft kilometerweit. Im Gepäck haben Nohns und Bossen deshalb isotonische Getränke, Straßenkarten, Spielzeug und Malsachen für Kinder – und für die kleineren Notfälle auch ein Erste-Hilfe-Set.

Denn die zwei größten Nöte, die Autofahrer im Stau heimsuchen, sind immer die gleichen: Zu wenig Getränke an Bord und quengelnde Kinder auf dem Rücksitz. „Besonders bei höheren Temperaturen kann man da schnell dehydrieren“, weiß Nohns. Gegen die Langeweile verteilt er Malbücher und Stifte. „Damit sind die Kinder dann erst einmal beschäftigt und die Eltern haben ihre Ruhe. Die meisten Leute bleiben entspannt.“

Heute bleiben die Malbücher  im Koffer. Solange der Verkehr noch langsam weiterrollt, können die Stauberater nichts tun. Erst wenn alles steht und die Leute anfangen, auf der Straße ihre Klappstühle aufzustellen, machen sich die beiden auf den Weg.

Ein unterschätztes, aber großes Problem tauche dabei immer wieder auf, stellt Nohns fest: das Toiletten-Dilemma. Es treffe überwiegend Frauen, die sich – anders als die Männer – nicht einfach an den Straßenrand stellten, um sich zu erleichtern. Was im Übrigen verboten sei – auch wenn der Verkehr stillstünde, dürfe man das Fahrzeug nicht einfach so verlassen. „Darum müsste man sich dringend mal kümmern“, findet er.

Aber Lösungen wie das Aufstellen mobiler Dixie-Klos seien anscheinend zu kostspielig oder nicht wirklich praktikabel, vermutet der Fachmann. Und was macht der Stauberater? „Es gibt einen toten Parkplatz, auf dem man gut ins Gebüsch gehen kann, aber da kommt man nur mit dem Motorrad hin, weil eine Schranke die Zufahrt versperrt.“

Unter der Woche arbeitet Hauke Nohns beim ADAC in der Verwaltung, die Schichten als Stauberater kommen on Top. Dass er freiwillig jedes Wochenende auf der Autobahn im Stau verbringt, mag auf Außenstehende merkwürdig wirken. Aber Nohns liebt seinen Job. „Man lernt so viele nette Menschen kennen, das macht schon Spaß“, sagt er. Denn trotz der langen Wartezeiten reagieren die meisten Autofahrer nicht genervt, sondern überwiegend verständnisvoll. „Da ist es immer schön, wenn man helfen kann“, findet Nohns. Außerdem könne er mit der mobilen Stauberatung die Arbeit mit seiner großen Leidenschaft, dem Motorradfahren, verbinden.

Zwischen den Fahrten legen die beiden Berater immer wieder einen kurzen Stopp an der Basis ein. Auf dem Rastplatz Brokenlande bei Großenaspe steht während der Saison Kollege Norbert Ilchmann mit seinem Staumobil. Hier können Autofahrer sich über die aktuelle Verkehrslage informieren und Tipps vom Profi holen. „Das wird gut angenommen“, sagt Ilchmann.

Eine Familie, die auf dem Weg nach Dänemark ist, will wissen, ob sie auf der Strecke mit Stau rechnen muss. „Alles frei“, gibt Ilchmann grünes Licht. Eine andere Familie, auf dem Weg in die Ferien nach Schweden, macht sich bereits Gedanken über die Heimreise in zwei Wochen. Sie müssten nach Lübeck und würden gern wissen, ob sie lieber über die A7 oder die A21 fahren sollen. „Das macht keinen großen Unterschied, mit viel Verkehr rechnen wir auf beiden Strecken“, erklärt der Experte.

Stautipps vom Profi

1. Hochzeiten vermeiden: Fahren Sie  zu Zeiten, die sonst nicht viel genutzt werden, also frühmorgens oder spätabends beziehungsweise nachts. Die Straßen sind dann meist  leer, ab zehn Uhr wird es voll.

2. Druck rausnehmen: Egal ob Sie die Schlüsselübergabe am Ferienhaus planen oder eine Fähre erwischen müssen – planen Sie genügend Zeit ein. Wer nicht unter Druck steht, kann eher entspannen – und übersteht  den Stau besser.

3. Pausen machen: Machen Sie unterwegs regelmäßig Halt an Rastplätzen oder fahren Sie sogar ein Stück von der Autobahn ab, um ein Picknick im Grünen zu machen. So übermüdet man nicht so schnell und kann sich die Beine vertreten.

4. Spiele ausdenken: Wenn es in den Urlaub geht, fahren meist auch Kinder mit – und denen wird schnell langweilig. Packen Sie also genügend Beschäftigung ein: Spiele, Malbücher, Kuscheltiere – und zur Not helfen auch altbewährte Klassiker wie Kennzeichen raten oder „Ich sehe was, was du nicht siehst“.

5. Proviant einpacken: Wer bei praller Sonne im Stau steht, droht schnell zu dehydrieren oder zu unterzuckern. Packen Sie deshalb immer ausreichend Getränke und Snacks ein.

6. Die Einstellung: Statt sich zu ärgern, sehen Sie den Weg zum Ziel lieber schon als Ferienzeit. Machen sie lange Pausen an schönen Rastplätzen, packen Sie eine Decke ein, machen sie ein Nickerchen – dann wirkt der Stau weniger schlimm.

 

Ilchmann ist eigentlich schon im Ruhestand. 38 Jahre lang hat er beim ADAC gearbeitet, die letzten Jahre als Leiter der Pannenhilfe in Kiel. Auch für ihn ist die Beratung der Autofahrer eine Herzensangelegenheit. „Das ist schon mehr Berufung als Beruf“, gibt er zu. Punkten kann er oft mit seiner jahrelangen Erfahrung. „Man bekommt schnell ein Gefühl dafür, wo es kritisch werden könnte.“

Auf der A7 zwischen Hamburg und Flensburg sind das vor allem die Abschnitte mit Baustellen. Eigentlich kein Grund zum Stillstand – aber die Leute wendeten das Reißverschlussverfahren falsch an oder ließen zu viel Platz zum Vordermann.  Kritische Abschnitte seien auch die Rader Hochbrücke, die dänische Grenze oder die verkürzte Ausfahrt Neumünster Süd, die von den Autofahrern schnell übersehen werde. Komme dann das erhöhte Verkehrsaufkommen in der Ferienzeit hinzu, seien lange Staus programmiert.

Über die Jahre haben sich bei den mobilen Stauberatern Bernd Bossen und Hauke Nohns einige kuriose Geschichten angesammelt. Einmal sei ihnen ein Auto auf dem Seitenstreifen aufgefallen, das nahe der Rader Hochbrücke immer wieder gegen die Leitplanke gefahren sei. Es stellte sich heraus, dass der Fahrer sturzbetrunken war. Er sei auf dem Weg von Lübeck nach Flensburg, um seine Frau abzuholen, erklärte er den Stauberatern. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die zwei den Fahrer überreden konnten, seinen Schlüssel abzugeben.

Der Alkoholtest der Polizei ergab später 3,2 Promille. „Eigentlich war es ein Wunder, dass er überhaupt so weit gekommen ist“, erinnert sich Bernd Bossen und muss noch immer den Kopf schütteln. Im Gedächtnis geblieben ist ihnen auch eine Familie, die mit ihrem Hund auf dem Weg nach Dänemark in den Urlaub war. Der Hund sei während der Fahrt plötzlich verstorben – vermutlich an Altersschwäche. „Die Familie wollte von uns wissen, ob sie das tote Tier trotzdem mit nach Dänemark nehmen darf“, erzählt Hauke Nohns. Rechtlich gesehen war die Überführung des Haustieres kein Problem – die Familie setzte ihre Fahrt  fort.

Bis zum Abend bleibt es diesmal relativ ruhig auf der Autobahn. Einige Liegenbleiber, ein defektes Motorrad – mehr passiert nicht. Der große Stau wird erst an diesem Wochenende erwartet, wenn in Schleswig-Holstein und Hamburg und drei weiteren Bundesländern die Ferien beginnen. Dann schwingen sich Bossen und Nohns wieder aufs Motorrad und helfen da, wo sonst nichts mehr geht: im Stau. Mit 38 Stunden  pro Jahr kommen sie jedenfalls nicht aus.

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