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Prozess in Schleswig : Staatsanwalt fordert hohe Strafen gegen mutmaßliche Pfandhaus-Räuber

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Tritte gegen den Kopf, mehrere hunderttausend Euro Beute: Ein Dutzend Männer aus Litauen soll für zwei brutale Raubüberfälle in Deutschland verantwortlich sein. Die Anklage beantragt bis zu zehn Jahre Haft.

shz.de von
erstellt am 24.Jun.2016 | 18:50 Uhr

Schleswig | Im Schleswiger Prozess gegen eine Gruppe mutmaßlicher Räuber hat die Staatsanwaltschaft für viele der insgesamt elf Angeklagten lange Haftstrafen gefordert. In Düsseldorf und Kiel hätten die Männer 2014 in kleinen Teams einen Juwelier beziehungsweise ein Pfandleihaus brutal überfallen, sagte Staatsanwalt Christopher Sievers in Schleswig.

Für die an den einzelnen Taten mutmaßlich beteiligten Angeklagten plädierte er am Freitag, dem zweiten Tag seines Plädoyers, auf Einzelstrafen von bis zu zehn Jahren. „Die Leute, die in den Laden gingen, waren austauschbare Werkzeuge“, sagte Sievers. Die Taten seien von Hintermännern langfristig geplant worden, „die Soldaten seien im Zweifel verbrannt worden“. Aus Litauen seien die Trupps durch halb Europa gereist, um hier die Taten „fast industriell“ zu begehen. Aus einer Berliner Wohnung seien die Teams gesteuert worden, sagte der Staatsanwalt über die wegen schweren Raubes, gefährlicher Körperverletzung und der Beihilfe dazu angeklagten Männer im Alter zwischen 22 und 40 Jahren.

Stolze 45 Verhandlungstage lang hatte die Kammer des Landgericht Kiels zuvor versucht, die Taten und das Netzwerk der Angeklagten aufzuklären. Während die „Soldaten“ die Überfälle in Kiel und Düsseldorf zugaben, musste das Gericht, das aus Platzgründen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen am Oberverwaltungsgericht Schleswig tagt, gegen die mutmaßlichen Organisatoren der Überfälle mühevoll Indizien zusammentragen. Hotel- und Fernbusbuchungen wurden ausgewertet, Videoaufzeichnungen angesehen und stundenlang Handydaten vorgelesen. Nur die etwa auf Video identifizierbaren Männer hatten die Taten auch eingeräumt.

Im Düsseldorfer Fall sollen etwa vier der Männer aus der Gruppe, wovon gegen einen seit vergangener Woche in einem abgetrennten Verfahren verhandelt wird, der Anklage zufolge im August 2014 einen Juwelier überfallen haben. Zwei von ihnen schoben demnach Wache und organisierten die Tat, zwei damals 32 und 21 Jahre alte Männer betraten das Geschäft. Mit Tritten gegen den Kopf stellte der Ältere der beiden Angreifer ihr Opfer ruhig.

Der in einem Hinterzimmer mit Kabelbindern gefesselte und lebensgefährlich verletzte Ladenbesitzer habe „nur durch Zufall überlebt“, sagte der Staatsanwalt. Die Täter hätten sich zuvor als Kunden getarnt in das Geschäft geschlichen, anschließend sei einer von ihnen über den Tresen gesprungen und habe den Inhaber zu Boden gedrückt. Bis heute kann der Juwelier schlecht gehen und sprechen.

Für den jüngeren Angreifer, der im Prozess als Kronzeuge aussagte und getrennt von den anderen stets als letzter in den Saal geführt wird, beantragte Staatsanwalt Sievers eine Strafe von drei Jahren und zehn Monaten, für einen der mutmaßlichen Organisatoren acht Jahre. Für den älteren Angreifer, der auch an der Kieler Tat beteiligt war, beantragte er zehn Jahre Gefängnis allein für die Düsseldorfer Tat, bei der die vier mutmaßlichen Täter Schmuck im Wert von mindestens 72.000 Euro erbeuteten.

Im Kieler Fall, in dem Beute im Wert von mehreren hunderttausend Euro wegkam, soll die Gruppe - in etwas anderer Besetzung - erneut als Viererteam zugeschlagen haben. Die Staatsanwaltschaft beantragte für die daran mutmaßlich Beteiligten Haftstrafen zwischen knapp mehr als sieben und achteinhalb Jahren. Gegen den damals 35-jährigen mutmaßlichen Hintermann in der Berliner Wohnung forderte er achteinhalb Jahre. Fast alle sind, oft einschlägig, vorbestraft.

Kommende Woche will die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer fortsetzen - und gemeinsam mit den noch für einen geplanten Raubüberfall in München zu beantragenden Strafen jeweils Gesamtfreiheitsstrafen gegen die einzelnen Männer fordern, gegen die seit November 2015 verhandelt wird. Trotz des Kronzeugen ist es in dem Verfahren mit rund 60 Beteiligten laut Staatsanwaltschaft nicht gelungen, die Männer als kriminelle Vereinigung anzuklagen. Dafür waren sie zu schweigsam.

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