zur Navigation springen

Löschung des Kontos : Spekulationen bei Twitter: Pirat Patrick Breyer beendet 140-Zeichen-Ära

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wurde er vom mächtigen Kurznachrichtendienst mundtot gemacht? Der stille Twitter-Abschied sorgt für Aufruhr.

von
erstellt am 06.Jul.2017 | 15:38 Uhr

Kiel | Spekulationen, Verschwörungstheorien – es war einiges los beim Kurznachrichtendienst Twitter, als plötzlich einer aus der Nutzergemeinde spurlos verschwand. „Ich habe davon gar nichts mitgekriegt“, sagt der Vermisste. Patrick Breyer – Bürgerrechtler, Datenschützer und ehemaliger Landtagsabgeordneter der Piratenfraktion – sei am vergangenen Wochenende offline gewesen. Erst, als er auf seinem Handy die vielen besorgten SMS sah, was denn passiert sei, warum sein Account wortlos gelöscht wurde, schwante ihm: Irgendetwas ist da schiefgelaufen.

 

„Ich habe meine Follower und mein Netzwerk auf Twitter unterschätzt und mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet“, sagt er. „Das macht Mut.“ Rund 1000 Menschen seien ihm bei dem Dienst gefolgt. Die Reaktionen hätten gezeigt, dass es einen Aufschrei gegeben hätte, wenn der mächtige Dienst ihm Unrecht getan hätte, ihn vielleicht sogar hätte mundtot machen wollen.

 

„Ich hatte schon länger vor, diesen Schritt zu gehen“, sagt er und räumt ein: „Ich hätte das aber vorher kommunizieren müssen.“

 

Ganz abwegig sind solche Spekulationen nicht, denn dass Patrick Breyer bequem sei, kann man ihm kaum nachsagen. Er legt sich mit den Großen an, klagt gegen die Protokollierung von IP-Adressen der Besucher von Webseiten des Bundes, zieht gegen die Vorratsdatenspeicherung vor Gericht, legt mit seiner Partei eine Verfassungsbeschwerde gegen die umstrittene Bestandsdatenauskunft und die Umsetzung auf Landesebene ein – und das frisch verabschiedete Netzwerkdurchsetzungsgesetz haben er und seine Partei auch schon auf dem Kieker.

Ein Grund mehr für seine Twitter-Follower zu spekulieren, ob es denn mit diesem neuen Gesetz gegen Hetze im Netz zu tun habe, dass Breyers Zeit der 140-Zeichen-Posts Geschichte ist. Diese zeitliche Nähe sei reiner Zufall, sagt Breyer – ganz so, wie der Start seiner Twitter-Karriere. Scheint es doch zunächst inkonsequent, wenn einer der größten Twitter-Kritiker im Land sich dort plötzlich präsentiert. „Twitter und ich sind nicht freiwillig zusammen gekommen“, erklärt er. „Nachdem ich 2012 für die Piraten in den Schleswig-Holsteinischen Landtag eingezogen bin, hat ein unbekannter Fan @patrickbreyer als Fan-Account registriert“, schreibt er in seinem Blog. Von eben dort lief jeder neue Beitrag automatisch bei Twitter ein. „Im letzten Jahr wurden mir auf meinen Wunsch anonym die Zugangsdaten zugespielt.“

Mit dem Wunsch nach Kontrolle hatte die Übernahme des Accounts durch Breyer aber nichts zu tun: „Die Leute haben mir dort geschrieben, weil sie glaubten, sie erreichen mich.“ So sei er als Kandidat für die Piratenpartei ansprechbar gewesen und bediente den Kanal auch ausschließlich in dieser Funktion. Den Schöpfer des Accounts habe er nicht ausgesperrt, sagt Breyer. „Er schien mir ja wohlgesonnen zu sein. Da habe ich nicht so das Misstrauen gehabt.“

Misstrauisch wurde aber Twitter, denn Breyer nutzt zum Surfen im Netz Anonymisierungsdienste wie den TOR-Browser. Der Dienst sperrte den Account und verlangte von Breyer einen Nachweis darüber, dass er berechtigt ist, den Account zu bespielen: „Eine Verifikation war nicht möglich. Ich kannte weder die Handynummer, mit der der Fanaccount registriert worden war, noch konnte ich sie in Erfahrung bringen.“

Auch der Twitter-Support half ihm nicht weiter, weil er auch das zur Registrierung genutzte E-Mail-Konto nicht kannte. „Das Twitter-Profil enthielt veraltete Daten, bezeichnete mich etwa noch als Fraktionsvorsitzenden – und ich konnte es nicht korrigieren.“

Und so ging schlussendlich alles ganz schnell: „Twitter ließ mir nur eine Möglichkeit: das Ende unserer Beziehung.“ Auch das gelang erst nach einigem Hin und Her und der Zusendung einer Kopie seines Lichtbildausweises an Twitter. Seit dem 1. Juli um 2.06 Uhr ist Breyers Twitter-Präsenz Geschichte.

Die Aufregung um seinen Abschied von Twitter nimmt der digitale Freiheitskämpfer als „guten Anlass, noch einmal auf die Probleme des Dienstes und auf Alternativen hinzuweisen“. Generell sei es problematisch, dass die Kommunikation zentral von einigen Mächtigen wie Twitter abhänge. Zumal der US-Dienst „jeden Klick und jede Eingabe mitsamt der IP-Adresse des Nutzers protokolliert“, erklärt Breyer. Gespeichert werde das komplette Lese-, Schreib- und Suchverhalten für eine Dauer von 18 Monaten – auch für nicht angemeldete Nutzer und bei einer Einbettung von Twitter auf Drittseiten.

Zurückkehren zu Twitter wird Breyer nicht – zumindest nicht als Privatperson. Für öffentliche Personen oder Organisationen mache es Sinn, dort zu sein, wo man Leute erreichen kann, räumt auch Kritiker Breyer ein – auch, um die Follower auf alternative Dienste wie Gnusocial aufmerksam zu machen. Trotz aller Kritik, die der Pirat an Twitter übt, schreibt er in seinem Blog: „Es ist eine freundschaftliche, einvernehmliche Trennung.“ Und der Fall habe vielleicht noch einen Nebeneffekt, hofft Breyer: „Dass viele über die Nutzung nachdenken.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen