„Tatort – Schutzlos“ : Sonntagabend im „Tatort“: Guter Asylant, böser Asylant

Tatort Schutzlos
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Kommissarin Liz Ritschards (Delia Mayer) und ihre Kollegen Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser, l) und der Drogenfahnder Franz Hofstetter (Andreas B. Krämer) stürmen eine Drogenwerkstatt in einer Szene des Schweizer „Tatort - Schutzlos“.

Kein Gejammer, kein Getöse, keine Belehrungen: Mitten in der Asyldebatte versucht dieser „Tatort“, etwas System ins Chaos zu bringen und mit etlichen Klischees aufzuräumen.

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05. Juli 2015, 15:36 Uhr

Alles klar: Ebi Osodi (Charles Mnene), ein junger Asylsuchender aus Nigeria, wird abgestochen und unter eine Brücke in Luzern geworfen. Kein Wunder, denkt sich Polizeichef Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu), der Bursche war Drogendealer und konnte wahrscheinlich irgendwelche Schulden nicht bezahlen. Ab zu den Akten mit dem Fall.

Doch die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) ahnen, dass in diesem Fall eine Ermittlung nach Schema F nicht ausreichen wird. Denn Ebi war zwar kein Säulenheiliger, aber auch kein gewissenloser Dealer, der aus purer Gier zum Kriminellen wurde. Irgendwie war er Täter und Opfer zugleich.

Als dann die junge dunkelhäutige Jola aus Ebis Asylbewerberheim auftaucht (Marie-Hélène Boyd), erkennen die Kommissare, dass der Mord alles andere als eine Abrechnung im Drogenmilieu war. Hier geht es um das dramatische Schicksal einer ganzen Flüchtlingsfamilie.

Mitten in der Asyldebatte versucht dieser „Tatort“, etwas System ins Chaos zu bringen und mit etlichen Klischees aufzuräumen. Ein Himmelfahrtskommando für Manuel Flurin Hendry (Buch, Regie). Ist es doch schier unmöglich, dabei beiden Seiten gerecht zu werden – der Flüchtlingshilfe in all ihrer Hilflosigkeit und den Asylanten mit ihren lauteren, manchmal eben auch unlauteren Überlebensstrategien.

So prekär die Problematik, so diffizil dieser „Tatort“. Doch Hendry behält bei aller Empathie zum Glück genügend Abstand zu seinen Figuren, so dass sie glaubwürdig bleiben. Kein Gejammer, kein Getöse, keine Belehrungen, sondern Flüchtlingshorror pur. So bekommen auch wir Zuschauer eine Vorstellung von der Monstrosität der Asylanten-Frage.

Oh ja, Hendry zielt mit seiner Story auf unseren Bauch und schlägt sorgfältig zu. Fragt sich nur, ob und wie dieser Treffer hierzulande Wirkung zeigt. Denn das Traurige an diesem Fall ist und bleibt ja – dass er vom realen Leben fortgeschrieben wird. Selbst in der „Tatort“-Sommerpause jetzt.

„Tatort – Schutzlos“, 20.15 Uhr, ARD

Wer ermittelt wann und wo? Mehr unter www.shz.de/tatort

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