Bewerbung zur Kulturhauptstadt : Sonderburg verstört seine Förderer

Sonderburgs Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2017 schlägt nun in der Grenzregion Wellen. Foto: Raake
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Sonderburgs Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2017 schlägt nun in der Grenzregion Wellen. Foto: Raake

Verwirrung und Empörung im Grenzland: Die offizielle Bewerbung zur Kulturhauptstadt spricht vom deutsch-dänischen Gegeneinander und zählebiger Feindschaft.

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08. Juli 2012, 09:07 Uhr

Sonderburg | Die formelle Bewerbung Sonderburgs mit deutschen Nachbarn zur Kulturhauptstadt Europas 2017 wird auch damit begründet, dass bis heute noch eine zähe und langlebige Feindschaft zwischen Deutschen und Dänen in der Region bestehe. Am Donnerstag wurde bereits gemutmaßt, dass diese Begründung die Chancen Sonderburgs gegen Null bringen werde.

Die offizielle Begründung für die Bewerbung wurde formuliert vom extra für die Bewerbung eingerichteten Sekretariat und der Projektleiterin Else C. Redzepovic. Den Text hatte "Der Nordschleswiger", die Zeitung der deutschen Minderheit nördlich der Grenze, veröffentlicht. Im Schreiben des Sekretariats an die Jury, die zwischen Sonderburg und Aarhus entscheiden muss, heißt es wörtlich: "Der vierte Grund der Kandidatur ist, dass es anhaltenden Widerstand und negative Emotionen im Zusammenspiel zwischen Dänen und Deutschen in der Region gibt. Diese zwar nuancierte, aber zählebige Feindschaft spielt eine entscheidende und ungesunde Rolle in der Grenzregion." Auf Seite sechs der Bewerbung, die seit 15. Juni im Kopenhagener Kulturministerium liegt, zeichnet das Sekretariat dieses düstere Bild.
"Dänen und Deutsche leben mit dem Rücken zueinander"

Über den Umgang zwischen den Deutschen und Dänen heißt es: "Dänen und Deutsche leben mit dem Rücken zueinander." Der normale Däne fahre vorrangig zum Billig-Einkauf über die Grenze, und Deutschland sei als "der brutale große Bruder gefürchtet, von dem früher oder später die Drohung ausgeht, die wirtschaftliche Macht zu übernehmen."

Dazu Else C. Redzepovic: Ein Leser, der das Projekt nicht eng begleite, könne sich über die Worte wundern. "Doch nur, wenn wir uns trauen, mit Fragen zu konfrontieren, können wir Grenzen aufbrechen. Wir wollen eine neue Bewegung in Europa schaffen."
Grenzüberschreitende kulturelle Vielfalt

Dass auf politischer und kultureller Ebene in den vergangenen 20 Jahren viel passiert ist, will Else C. Redzepovic gar nicht bestreiten. Doch man wolle eine neue Bewegung schaffen und die rosarote Brille ablegen. "Es gab in den vergangenen Jahren viele grenzüberschreitende Projekte, die mit EU Mitteln umgesetzt wurden. Doch die Frage, die wir uns trauen zu stellen ist, ob diese Projekte nur entstanden sind, weil Geld da war oder weil es aus dem Bedürfnis der Menschen nach einer neuen Verbundenheit heraus kam."

Die Projektleiterin weiter: "Es gibt jedes Jahr am 18. April im Rahmen der Gedenkfeier auf Düppel jene Leserbriefe, die sich über die Teilnahme von bewaffneten deutschen Soldaten empören. Es gibt die Grenze in den Köpfen noch. Die meisten normalen Dänen fahren nur über die Grenze, um billiges Bier zu kaufen. Dass es beispielsweise hinter der Grenze eine fantastische Stadt Flensburg mit Cafés und Kulturangeboten gibt, ist bei vielen noch nicht angekommen. Es gibt die Sprachgrenze und die Zurückhaltung, zum Konzert oder für eine kulturelle Aktivität über die Grenze zu fahren. Da müssen wir ganz klar sagen, dass noch nicht alles perfekt ist. Dass noch viel Raum für neue Zusammenarbeit ist."

Else C. Redzepovic unterstreicht, dass man das Motto "Confront - Connect - Celebrate" in der Tat ernst nimmt. "Unser vorgestelltes Programm zeigt mit aller Deutlichkeit, was für eine kulturelle Vielfalt wir grenzüberschreitend haben. Doch bis dahin müssen wir ehrlich sein und haben die Aufgabe, die beschriebene Grenze zu entfernen."

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